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Neil Marshall ist nicht gerade für seine Zimperlichkeit bekannt. Ob im Werwolf-Thriller Dog Soldiers, im Klaustrophobie-Schocker The Descent oder im Endzeit-Actionspektakel Doomsday, stets wird der geneigte Zuschauer mit einem ordentlichen Blutgehalt und expliziten Gewaltszenen verwöhnt. Nun hat sich der Meister erstmals in die Vergangenheit gewagt und mit Centurion für viele überraschend die römische Antike vorgenommen. Aber keine Sorge, auch Centurion ist ein durch und durch typischer Marshall. Vielleicht sogar ein bisschen zu typisch, wirkt der Streifen doch über weite Stecken wie ein „Best of Neil".

Das beginnt bereits beim Setting. Centurion bietet wunderschöne, wenn auch düstere Landschaftsaufnahmen der rauen schottische Hochebene, verschneite Bergpanoramen, dichte, dunkle Wälder und reißende Gebirgsflüsse. Ähnliches kennen wir allerdings bereits aus Dog Soldiers. Wieder einmal spielt Marshall das Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzip bis zum sprichwörtlichen bitteren Ende durch, schließlich hatte er damit ja bereits zweimal großen Erfolg (Dog Soldiers, The Descent). Die Gegner seiner römischen Helden sind die Pikten, die nicht nur optisch wie eine nur unwesentlich weniger durchgeknallte Variante der Kannibalenhorde aus Doomsday wirken. Und natürlich geht es wieder ordentlich zur Sache, soll heißen, Gliedmaßen aller Art werden höchst unsanft von den dazugehörigen Körpern getrennt, der rote Lebenssaft spritzt in meterhohen Fontänen und auch sonst pflegt man gerne einen etwas raueren Umgang.
Wieder einmal durfte sich Paul Hyett, Marshalls bevorzugter Mann fürs Grobe, so richtig austoben. Für die Gewaltszenen kamen fast ausschließlich hangemachte Maskeneffekte und Kunstblut zum Einsatz, was zu einem wesentlich realistischeren Resultat führt, als der inzwischen immer häufiger  zu sehende Computereinsatz. Für Fanboys also sicherlich ein (Schlacht-)Fest. Leider ist nicht alles in Centurion so überzeugend ausgefallen.

Zunächst einmal sind die beschriebenen Selbstzitate einfach zu offensichtlich und zu plakativ. Man hat ständig das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben (was ja auch stimmt), so dass man vom durchaus kompetent inszenierten Geschehen nur selten richtig gepackt wird. Dazu kommt der nicht sonderlich innovative, weil dutzendfach in ähnlichen Filmen durchgespielte Standartplot:
Britannien 117 n.Chr. Quintus Dias (Michael Fassbender) ist Kommandant eines römischen Grenzpostens. Bei einem Überfall der Pikten überlebt er als Einziger und kann fliehen. Aufgrund seiner Erfahrungen und piktischen Sprachkenntnisse begleitet er die folgende römische Racheaktion als militärischer Berater. Die neunte Legion unter Virilius (Dominic West) hat Befehl dem Feind einen Schlag zu versetzten, von dem er sich nicht mehr erholt.
Aufgrund des Doppelspiels ihres stummen Scouts Etain (Olga Kurylenko) geraten die Römer allerdings in einen Hinterhalt. Lediglich sieben Männer überleben das folgende Massaker, unter ihnen Quintus Dias. Meilenweit hinter den feindlichen Linien, versuchen sie sich nun durch die unwirtliche Natur bis zum nächsten römischen Außenposten durchzuschlagen. Ihnen dicht auf den Fersen ist eine berittenes Spezialkommando des Feindes unter der Führung der rachlüsternen Etain, das ihre Rückkehr unter allen Umständen verhindern soll ...

Dieses vor allem aus vielen Kriegsfilmen bekannte Szenario wird von Neil Marshall durchaus routiniert und actionreich in Szenen gesetzt. Allerdings auch ohne große Überraschungen. Ein weiteres Problem ist die Figurenzeichnung. Die sieben Versprengten sind fast ausnahmslos holzschnittartig angelegt, so dass kaum Sympathie oder Antipathie aufkommen kann. Neben Michael Fassbender - als Protagonist die einzig wirklich gut ausgearbeitete Figur - ist lediglich Liam Cunningham als eigentlich Kampfmüder, kurz vor der Pensionierung stehender Legionär als Charakter interessant und erinnernswert. Zudem fehlt ein charismatischer Gegenspieler. Es war sicher kein allzu glücklicher Einfall Olga Kurylenko als stumme Kriegsamazone zu besetzten. Der Russin fehlt ganz entschieden die nötige Leinwandpräsenz und auch das mimische Handwerkszeug, um trotz eines solchen Handicaps furchteinflößend und bedrohlich wirken zu können. Zumindest reicht es noch, um Keira Neightlys Äquivalentpart in King Arthur zu toppen.

Trotzdem hat Centurion vor allem für Fans harter Action einiges zu bieten. Insbesondere der nächtliche Überfall auf die im Wald ihrer militärischen Vorteile beraubten Legion ist in dieser Hinsicht ein Volltreffer. Und eine filmische Kampfansage an den deutschen Film, sich endlich einmal der Varussschlacht anzunehmen. Die Messlatte dafür liegt nach Centurion  jedenfalls schon mal ein ordentliches Stück höher.  Man kann die Angst der Römer vor dem bevorstehenden Sturm förmlich spüren. Der eigentlich Kampf ist überaus brutal und wuchtig inszeniert. Stuntchoreographien und Maskeneffekte bilden hier eine perfekte Symbiose. Anders als in der vergleichbaren Sequenz aus Gladiator behält man zudem stets den Überblick, da Marshall zwar mit der Kamera voll draufhält, aber sowohl auf nerviges Gewackel wie auch auf schnelle Schnitte verzichtet. Hier bekommt man jedenfalls - sofern man will - einen mehr als anschaulichen Eindruck, was Schwert, Lanze und Axt so alles anrichten können. Schade, dass der finale Kampf zwischen den Flüchtenden und ihren Verfolgern diese Intensität und brachiale Vehemenz nicht mehr erreicht.

Wenigstens gelingt es aber den Themen- und Look-verwandten King Arthur in die Action-Schranken zu weisen. Ein Mainstreampublikum war hier sicher nicht anvisiert, worüber man sich bei Marshall aber ohnehin keine Sorgen machen muss. Er hängt viel zu sehr an Splatter und Gore, um irgendwelche Kompromisse einzugehen. Das gilt allerdings nicht für historische Authentizität. Die vollständige Vernichtung bzw. das unerklärliche Verschwinden der neunten Legion in Britannien ist eine Legende, die nur von wenigen Historikern als wahrscheinlich angesehen wird und wenn überhaupt, auf das Jahr 60 oder 61 datiert wird. Aber Marshall wollte wohl am Ende noch ein paar Bilder des berühmten Hadrianswalls einbauen (auch hier lassen sich übrigens wieder Bezüge zu Doomsday finden), um dem ganzen Geschehen einen noch dramatischeren Anstrich zu verpassen. Aber geschenkt.

Centurion ist kein historisches Drama mit Actionanteilen, sondern ein Actionfilm im historischen Gewand. Nichts anderes will er sein und als solcher kann er auch überzeugen. Hätte Neil Marshall nicht so offensichtlich im eigenen filmischen Hinterhof geklaut und seinen Figuren etwas mehr Tiefe und Charakter verpasst, dann wäre ein neues Genrehighlight durchaus drin gewesen. So reicht es leider „nur" zu einem unterhaltsamen Actionabenteuer, das vor allem Freunden expliziter Gewaltdarstellungen gefallen dürfte. In Neil Marshalls Filmographie bedeutet Centurion allerdings mehr Stillstand als Fortschritt. Eine amüsante Parallele zur Geschichte, schließlich waren die Römer in Britannien nicht so erfolgreich wie anderswo, warum sollte es da einem britischen Regisseur mit einem Römerfilm anders ergehen?

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