Review

Was für einen Filmfan nie aufhört, Freude zu bereiten, ist, wenn man aus irgendeiner verstaubten Truhe auf dem Dachboden einen alten Film kramt, den es schon immer gab, der aber aus irgendwelchen Gründen vom Schicksal vergessen wurde. Und wer der dann noch überraschend gut ist…

Willkommen bei „The Rocking Horse Winner“, einem Film, der wie seine von D.H.Lawrence geschriebene Kurzgeschichtenvorlage immer wieder unverzagt in die Geistergeschichtenschublade einsortiert wird, obwohl es sich doch vielmehr um ein Familiendrama mit Moraluntertönen – und einer schwer definierbar übernatürlichen Glasur – handelt.

Lawrence‘ Kurzgeschichte wurde, was heute fast vergessen ist, in der Nachkriegszeit Großbritannniens, als dort Literaturverfilmungen hoch im Kurs standen, im Jahre 1949 schließlich sehr sorgfältig und mit detailgetreu der Vorlage entnommen, für den Film adaptiert.
Verantwortlich war dafür Anthony Pelissier, Abkömmling einer Künsterfamilie, der zwischen 1949 und 1953 nur insgesamt siebenmal auf dem Regiestuhl Platz nahm, darunter zweimal für Episodenfilme, wobei der vorliegende Film schon fast der noch bekannteste ist.

Obwohl die Geschichte wahrhaft überschaubar ist, übertrug Pelissier, verantwortlich auch für das Skript, sie problemlos auf einen 90minütigen Film, indem er den Fokus noch stärker auf die Figuren richtete und Nebenfiguren ausbaute. Trotz ruhiger, fast entspannter Inszenierung geriet ihm der Film sehr eindringlich in seiner Botschaft, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen, wie es hier problemlos möglich gewesen wäre.

Am ehesten in Gefahr, beim Sympathiefaktor hinten über zu fallen, ist die Figur der Mutter, Hester, die den Haushalt der Grahames auf die eine oder andere Art dominiert. Aus einer reichen Familie stammend, aber am falschen (nicht vermögenden) Ende des Stammbaums verankert, muss sie damit zurecht kommen, dass ihr Mann Richard nicht nur ein mieser Glücksspieler ist, sondern auch in seinem Job ohne Fortune ist.
Das ist um so bedauerlicher, weil Hester eben die Extravaganz liebt, von der sie umgeben ist: das große Haus, der Garten, die Bediensteten und das Kindermädchen, die vielen tollen Kleider und Kostüme. Mit vollen Händen das Geld ausgebend, noch bevor es überhaupt da ist, bringt natürlich Probleme mit sich: ihr Gatte steht der Situation eher grimmig gegenüber, im Foyer kommen die Gläubiger und Schuldeneintreiber der Reihe nach an und ihr Bruder Oscar, süffisant die verschwenderische Situation kommentierend, kündigt irgendwann auch seine Leihspendierhosen.

Dabei sind die Eltern bemüht, ihren drei Kindern die Geldnöte zu verschweigen, speziell dem Ältesten Paul, dem aber nicht entgangen ist, dass ihm das Haus (tatsächlich) zuraunt: „We need more money“!
Nachdem er zu Weihnachten (übrigens das verschwenderischste bis die Hoppenstedts kamen) ein großes Holzschaukelpferd bekommen hat, macht sich der noch etwas naive Jüngling so seine Gedanken, wie er seiner geliebten Mama (die ihn höflich und liebevoll vernachlässigt, indem sie ihn aus ihren Nöten ausgrenzt) die Börse füllen kann.

Mit Hilfe des reitbegeisterten neuen Gärtners Bassett versucht er sein Glück mit Pferdewetten, wobei er sich bemüht, die Namen der Gewinner zu erfahren bzw. zu erraten. Dazu bedient er sich einer – und hier kommt das phantastische Element zum Tragen oder auch nicht – etwas bizarren Methode: er reitet wie ein Besessener das Holzschaukelpferd, bis er gelegentlich mit einem quotensicheren Pferdenamen wieder aus seiner Kemenate steigt. Dass ihn das an den Rand der Erschöpfung bringt, merkt jedoch vorerst niemand.

Dennoch hat Paul eine unglaubliche Glückssträhne, auf die irgendwann auch Onkel Oscar aufmerksam wird, der freundlich und bestimmt mit einsteigt und gleichzeitig einen Weg findet, den Willen seines Neffen zu erfüllen, dessen Gewinne an die Familie weiter zu geben. Doch damit sind der Verschwendungssucht erst recht Tor und Tür geöffnet…

Was zunächst noch leicht beginnt und im Folgenden nachdenkliche Töne provoziert, wird in der zweiten Filmhälfte immer düsterer und ernster. Schon bald verliert Paul die Freude an seinen Ritten, das „Pferd“ wird zur Belastung. Und irgendwann kommt auch der Mutterinstinkt zu Hester zurück, der ihr sagt, dass hier unbemerkt sich eine Katastrophe anbahnt.

Das ist alles nichts Handfestes für Gruselfreunde, hat aber so seine Momente, die einen bis in die Träume verfolgen können. Da wäre vor allem das riesige Holzschaukelpferd, welches zu keiner Sekunde kindgerecht oder lustig aussieht, sondern eher bizarr und verrückt in seiner Mimik.
Wenn sich Pauls wilde Ritte in ekstatische Schattenspiele an den Wänden auswachsen und die Kameratricks optische Tricks einsetzen, wird es dann doch gruselig und der letzte Gang zum Pferd gleich musikalisch und visiuell so sehr einem Gang zum Schafott, wie es nur eben möglich ist.

Es wird nie geklärt, ob das Pferd nun Teufelswerk ist oder nur das Werkzeug, in das Paul seine eventuelle Hellsichtigkeit hinein projeziert, gut tut es auf jeden Fall aber nicht. Tatsächlich ist das Pferd aber auch nur die Metapher für den familiären Zustand, der sehr gut die Botschaft der Story verkörpert: das Streben nach Glück durch Geld und die Liebe können nicht zueinander kommen.

Dabei fokussiert die Geschichte fast ausschließlich auf Mutter, Sohn, Onkel und den Gärtner, der Vater bleibt als nutzlose Figur nur Beiwerk. Jeder von ihnen hat mindestens eine großartige Sequenz: Paul die Reitszenen von ungeheurer Intensität; die Mutter eine für sie entwürdigende Sequenz, in der sie in der ärmlichen Vorstadt per Taxi bei einem Pfandleiher auf die Schnelle wertvolle Kleider verticken muss, weil ein Schuldner droht, sich bei ihnen häuslich einzurichten und Onkel Oscar eine denkwürdige Szene, in der er sichtlich mit sich ringt, ob er angesichts der alarmierenden Situation noch immer die Tipps seines Neffen ausnutzen soll.

Die Regie Pelissiers ist nahezu makellos, dazu kommt eine schon fast magische S/W-Photographie von Desmond Dickinson (der später auch zwei der Miss Marple-Filme aufnehmen sollte), was den von der britischen Schauspiellegende John Mills produzierten Film den schmalen Grat zwischen Märchen und Realismus gehen lässt.

Mills übernahm auch gleich noch die Nebenrolle des hinkenden Gärtner Bassett, der hier einem englischen Unterklassenakzent mal so richtig Zucker gibt. Hervorragend auch Valerie Hobson, die es nuanciert immer wieder schafft, Hester nicht gänzlich unsympathisch wirken zu lassen und der verschmitzte Ronald Squire als Oscar gewinnt auch immer mehr Tiefe, je länger der Film dauert.
Hapern tut es maximal mit der Glaubwürdigkeit von John Howard Davies, der zwar erst 10 Jahre bei der Produktion war, aber älter aussieht und der für sein Aussehen eine nicht eben überzeugende Naivität gegenüber der Realität an den Tag legt. Wenn sich der Junge, der nach in Kürze beginnender Pubertät schnuppert, auf das recht große Schaukelpferd setzt, scheint irgendetwas nicht ganz zu stimmen, aber sobald es sich bewegt, ist das auch schon wieder vergessen.

„The Rocking Horse Winner“ fand seinen Weg leider nie nach Deutschland, ist aber in England auf DVD erschienen und zufällig auf Youtube (noch?) in einer optisch sehr schönen Fassung abrufbar.
Ein höchst empfehlenswerter Film, der jedem gefallen sollte, der sein Herz an die „Film blanc“-Welle verloren hat, aber die düsteren Töne nicht scheut. (8/10)

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