Vorwort – „Einer muss es ja tun.“
Eigentlich will ich nicht, und doch muss ich’s tun. Die überragenden Kritiken zwingen mich. Und auch wenn meine Punktebewertung auf den ersten Blick etwas Anderes suggerieren mag, so hab ich doch meine liebe Not mit dem vielgepriesenen „Meisterwerk“. Und auch wenn, gerade im Vergleich zum westlichen Zeichentrickfilm, Regisseur Hayao Miyazakis Verdienste um die „etwas andere Art“ des Zeichentrickfilms nicht genug gewürdigt werden können, nötigt einem die einseitig positive Kritik doch eine kleine Gegendarstellung ab.
Vielleicht liegt das nur daran, dass es mir grundsätzlich in Diskussionen mehr Spaß macht, die Gegenpartei zu ergreifen, vielleicht liegt die Wurzel des Problems aber auch etwas tiefer.
Kapitel 1 – „Subjektive Sichtweisen oder warum Michael Bay-Filme grundsätzlich schlecht sind“
Nerds, Freaks und Geeks – noch vor 20 Jahren hätte sich kein Mensch einmal träumen lassen, dass es genau diese Gruppe von Außenseitern sein würde, die heute unseren Geschmack, unser Einkaufsverhalten und, wenn wir uns ehrlich sind, unser gesamtes Leben bestimmt.
Tatsächlich aber sind es genau diese Leute, wie Steve Jobs, Bill Gates oder gar die ganze Piratenpartei, über die früher die „coolen“ Leute lachten und deren Philosophie sie heute hinterher hecheln. Genau diese Menschen, wie Du lieber Leser und auch ich, die sich die Zeit nehmen nach Filmbewertungen im Internet zu suchen oder gar Kritiken zu schreiben, die – wenn es hochkommt – dann tatsächlich über Gewinn oder Verlust eines Studios bestimmen. Wer hätte gedacht, dass diese Meute an pickligen, Pizzaservicenutzenden Couchkartoffeln mal einen milliardenschweren Wirtschaftszweig bedienen würden. Ich meine, wir sprechen hier von Menschen, die sich monatelang über den peinlichen Jar Jar Bings und dessen geldgeilen Zuhälter George Lucas auslassen können und dann trotzdem an der Premiere von "Star Wars 3D" inkl. Sniffcards teilnehmen – und sogar bereit sind den doppelten Eintrittspreis zu löhnen. Menschen die Ihre Leidenschaft dermaßen spezialisiert haben, dass alles andere von vornherein zur Bedeutungslosigkeit verdammt ist.
Das ist dann der Grund dafür, dass ein True Metal-Fan „Metallica“ für den Ausverkauf schlechthin hält, Waldorf-Anhänger ihre Kinder nur mit Holzspielzeug ins Kinderzimmer lassen oder der Genreliebhaber Hollywood automatisch zum Kotzen findet, aber den nächsten Kung Fu-Heuler aus China sofort mit 10 Punkten adelt.
Oder deutlicher ausgedrückt: Die etwas ambivalente Art, mit der, gerade in Foren oder eben auch auf dieser meiner Lieblingsseite, Filme hochgelobt oder miesgemacht werden kann einem zeitweise schon ordentlich auf den metaphorischen Sack gehen.
Ist es eine Großproduktion, so wird natürlich auf jedes noch so kleine Detail geachtet. „Drehbuch hat ein paar kleine Schwächen“ (2 Punkte Abzug), „Einer der Schauspieler hat eine, für die Zeit in der der Film spielt, unpassende Uhr“ (2 Punkte Abzug), „Brad Pitt ist eh überbewertet“ (3 Punkte Abzug) und „das Ende kommt mir von ´nem anderen Film geklaut vor“ (2 Punkte Abzug) – und schon sind wir beim Bewertungsminimum angekommen. Von der gleichen Person kommt dann wenige Stunden später eine 10-Punkte Bewertung zu „Godzilly vs. der Affenmensch mit den Laseraugen“, weil „die Effekte zwar dilettantisch aber mit Herzblut gemacht sind“ (2 Punkte), „die Schauspieler zwar grottenschlecht sind, aber bei Asiafilmen gehört Overacting nun mal dazu“ (3 Punkte), „das Drehbuch zwar genauso wie bei allen anderen Monsterfilmen auch ist, aber das muss bei dem Genre so sein“ (2 Punkte) und weil man „solche Filme einfach aus dem zeitlichen Kontext heraus sehen muss“ (3 Punkte).
Unvoreingenommene Kritik, ick hör Dir trapsen (ich möcte an dieser Stelle übrigens betonen, dass ich mich auf keinen Fall aus dieser Kritik ausnehme).
Und hier kommen wir auch schon zum ersten Punkt, der mich an den Rezensionen zu „Prinzessin Mononoke“ stört. Nur weil wir es hier im Westen, bis auf wenige Ausnahmen (etwa „Felidae“), nicht auf die Reihe bekommen, einen Zeichentrickfilm mit erwachsenen Themen zu kreieren, ist nicht jeder aus Asien daher geschwommene Cartoon, der sich traut die Worte „Umwelt-“ oder „Wirtschaftskrise“ zu verwenden, der heilige Gral, auf den die Filmwelt gewartet hat. Etwas mehr ist dann doch nötig und dazu gehören nicht nur die richtigen Themenkomplexe, sondern eben auch eine entsprechende Inszenierung. „Prinzessin Mononoke“ macht vieles richtig und traut sich – für uns Europäer eben eher ungewöhnlich – Probleme von existentieller Wichtigkeit anzusprechen, doch fehlt ihm letztlich die Konsequenz und die durchgehende Stringenz um diesen Themen völlig gerecht zu werden. Dies fällt vor allem beim schrecklich versöhnlichen Ende auf, das in einem Meer aus Kitsch und Weichspüler zu versinken droht. Von einigen Handlungssträngen die unterwegs aufgegriffen und dann spontan fallengelassen werden (was ist mit dem Mädchen, das Ashitaka zu Beginn zurücklässt?) oder den nur halbherzig bedienten Grautönen (entgegen der Meinung der meisten Kritiker gibt es mit dem Mönchen Jigo eben doch einen rein bösartigen und korrupten Charakter – der zudem ein wenig an die „Stürmer“-Karikaturen des 3. Reiches erinnert) ganz zu schweigen. Dass es auch konsequenter geht, haben ausgerechnet die Engländer mit „Wenn der Wind weht“ eindrucksvoll bewiesen.
Kapitel 2 – „Öko-Fanatismus oder warum Soja noch lange kein Schnitzel ersetzt“
Glaube, und mag es nur der Glaube an das Gute sein, hat von jeher etwas Absolutes. Religionen, politische Standpunkte und auch Lebensphilosophien neigen gerne dazu ins Extreme zu kippen und verleiten das Individuum nur zu gerne, andere zu überzeugen und auf die eigene Seite zu ziehen. Der Mensch ist halt doch ein Herdentier. Je mehr Menschen jedoch der eigenen Idee verfallen, desto mehr neigt man zu einer gewissen Radikalisierung. Gegenargumente werden kaum noch wahrgenommen, entscheidend ist nur, wer sich am lautesten bemerkbar macht. „Wenn so viele Schweigen, müssen wir noch lauter schreien.“ Dieser Satz kann auch negativ gesehen werden.
Radikalisierung aber bedeutet wiederum Einseitigkeit, also Schwarz-Weiß-Denken. Und gerade das Thema Ökologie hat so viele Aspekte, so viele Verzweigungen, dass man mit einfachen Standpunkten fast nur verlieren kann. So wie man es kaum schaffen wird, gleichzeitig gegen Fleischverzehr UND Gentechnik zu sein (außer man baut seinen Soja im eigenen Garten an), so wenig wird ein fehlsubventioniertes Photovoltaikfeld unseren Kindern eine atomfreie Zukunft sichern. Tatsächlich schafft es „Prinzessin Mononoke“ über weite Teile den Protagonisten ein recht gelungenes „Grau“ zu zugestehen. Zumindest die Menschen der Eisenstadt sind nicht schlecht oder von Grund auf Böse, auch nicht Ihre Herrin Madame Eboshi. In diesem Kontext störend ist allerdings, dass die Tiere des Waldes und auch Mononoke selbst, bis auf die undomestizierte Wildheit, allesamt gut zu sein scheinen. Den Dämon erschafft erst der Mensch durch seinen Raubbau an der Natur.
Diese Sichtweise entbehrt nicht einer gewissen Naivität, gerade im Hinblick auf das Leben von Tieren in freier Wildbahn. Tiere denken an ihr Überleben, an den Fortbestand ihrer Sippe und gehen dabei nicht selten über Leichen. Die schöne Aussage, Tiere töten nur wenn sie Hunger haben (ein Gedankenspiel dass nur zu gern auch auf antike Urvölker wie etwa die Indianer übertragen wird), relativiert sich mit Blick auf Revierkämpfe unter Hirschen oder – um ins Extreme zu gehen – Affen, die erst mal den alten Chef meucheln, dann seine Brut, um später das Weibchen für sich allein zu haben. Das alles mag dem Instinkt geschuldet sein, zeugt aber dennoch von einer gewissen Grausamkeit.
Wäre „Prinzessin Mononoke“ wirklich das großartige Meisterwerk, dieser zutiefst in der Gegenwart verwurzelte Diskurs über unser Verhalten mit der Erde – er würde nicht auf diese Gaya-Naivität á la „Final Fantasy – Die Mächte in Dir“ setzen.
Kapitel 3 – „30-jährige Kinder oder warum Spielzeugpistolen verboten werden sollten“
RTL II, 16:30 Uhr, im Fernsehen läuft ein vermeintlich süßer Kinderfilm – stattdessen werden Köpfe und Arme abgeschlagen, das Blut fließt in Strömen, die Kinder weinen, die Eltern halten ihnen die Augen zu. Noch Tage später, wird der Jüngste immer wieder von Alpträumen geplagt ans Bett von Vater und Mutter kommen. An Schlaf nicht zu denken. Was hat sich der Sender nur dabei gedacht?
Natürlich ist es nie soweit gekommen. Unser aller Lieblingsprollsender hat vorsorglich ordentlich die Schere angesetzt und alles was auch nur im Entferntesten nach Brutalität aussah rigoros gekürzt. Kinder müssen solange von Gewalt fern gehalten werden, wie möglich – sagt die Generation die noch voller Lust Cowboy und Indianer gespielt hat.
Und doch sollte man sich mal fragen, was sich Studio Gibli beim Konzept des Filmes gedacht hat, welche Zielgruppe sie im Auge hatten – gerade im Hinblick auf den westlichen Markt. Wir haben es hier mit einem grundsätzlichen Problem asiatischer Zeichentrickfilme zu tun und zwar dem für uns oft unpassend wirkenden Verhältnis ernster Situationen zu albernem "Teletubby"-Quark. Und auch wenn hier die übergroßen Schweißperlen und übergroße Augen fehlen, auch „Prinzessin Mononoke“ gelingt es seine sorgsam aufgebaute Stimmung immer wieder durch unpassend infantilen Humor oder Zugeständnisse an die Zielgruppe „3 – 6 Jahre“ zu zerstören.
So lustig ich es finde, dass ein guter Bekannter von mir diese Wackelkopffiguren exakt nachahmen kann – was um alles in der Welt sollte das? Als erwachsene Person, die kurz zuvor noch von der düster-dramatischen Stimmung gefangen war fühl ich mich doch ein wenig auf den Arm genommen. Auch 12-Jährige dürfen ernst genommen werden und auch ihnen kann man gerne einmal etwas schwerere Kost zumuten, und muss ihre Intelligenz nicht durch „Fanservice“ in Frage stellen. War nicht „Schindlers Liste“ mit derselben Freigabe bedacht?
Haben wir es also doch mit einem Kinderfilm zu tun?
Dagegen spricht die epische Länge von 2 Stunden. Den 6-jährigen will ich sehen, der die durchsteht. Dagegen sprechen die zahlreichen und langen Dialogpassagen, die Metaphern und überhaupt der ganze Unterbau der Geschichte. Einem 12-jährigen mag es schon schwer fallen eine Brücke zu unserem Umweltverhalten zu schlagen, einem Jüngeren ist dies schlichtweg unmöglich. Was bleibt sind dann doch Jugendliche und Erwachsene. Doch gerade für diese, sind einige Szenen schlichtweg zu albern. Ich weiß das gehört grundsätzlich zum Anime, und selbst 18er-Filme beinhalten diese Elemente. Aber haben die Herren „Gibli“ tatsächlich gedacht, auf diese Weise einen Oscar nach Hause schleppen zu dürfen?
Würde es keine absolut gelungenen Gegenbeispiele geben, vor allem „Jin Roh“ ist hier das Aushängeschild eines konsequent ernsten und düsteren Filmes, der Vorwurf bliebe dennoch bestehen.
Nachwort – „Alles nur halb so schlimm!“
Nein, „Prinzessin Mononoke“ ist nicht das formvollendete Meisterwerk von dem die Kritiker einhellig sprechen. Und es hat das Genre Zeichentrick auch nicht aus dem Dunstkreis des Kinderfilms gezogen und Erwachsenen zugänglich gemacht. Denn wer Animes schon vorher doof fand, wird sich auch von diesem nicht komplett vom Gegenteil überzeugen lassen (ich habs versucht). Zu sehr beinhaltet er immer noch die verrufenen "Pokemon"-Elemente. Aber – und das ist ja auch etwas – es ist der richtige Schritt. Ein weiterer Tropfen auf dem gar nicht mehr so heißen Stein.
Ihm aber deswegen einen quasi-heiligen Status zu verleihen, ihn ein unerreichtes Meisterwerk nennen, nun das führt zu weit. Dass er im Entstehungsland an den Kinokassen "Titanic" abgehängt hat ist ebenso kein Qualitätsmerkmal, sieht man sich einmal die Einspielergebnisse von "Sex & Zen 3D" verglichen mit denen von "Avatar - Aufbruch nach Pandora" in China an.
„Mononoke“ ist nicht so erwachsen wie wir ihn gern hätten und seine Kritik nicht so treffend wie wir hineininterpretieren. Warum schimpfen so viele Kritiker einen Film wie „L.A. Crash“ naiv, während sich keiner an diesem hier stört? Darf man einem Zeichentrickfilm seine Naivität leichter verzeihen als einem Realfilm? Nein, denn genau diese Sichtweise sagt aus, dass der Zeichentrickfilm längst nicht seinen legitimen Platz Seite an Seite mit den anderen Spielarten des Films gefunden hat, dass er immer noch nicht für voll genommen wird, dass der Einäugige unter Blinden automatisch zum König erwählt ist.
Lassen wir uns aber dennoch nicht die Hoffnung nehmen, dass irgendwann einmal auch das gezeichnete Bild ernst genommen wird – von seinen Machern wie von seinen Kritikern.