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"Mit ungetrübten Blick die Wahrheit sehen, das will ich."

Bei der Verteidigung seines Dorfes infiziert ein zum Dämon gewordener Keiler den jungen Prinz Ashitaka mit einem tödlichen Fluch. Die einzige Hoffnung dem Tod zu entrinnen liegt weit im Westen. Dort soll es einen Waldgott geben, der über Leben und Tod bestimmen vermag. Auf seiner Reise gelangt er zwischen die Fronten eines Krieges. Die Herrin Eboshi rodet immer mehr Bäume des anliegenden Waldes, um ihre Eisenhütte in Betrieb zu halten. Dies erzürnt die Tiere und auch das bei den Wölfen lebende Mädchen San. Auch die Armee von Fürst Asano stellt immer wieder eine Bedrohung für das Dorf dar. Eboshi behält durch ihre hergestellten Feuerwaffen zunächst die Oberhand.

"Prinzessin Mononoke" gilt als wichtigster Film für Regisseur Hayao Miyazaki ("Chihiros Reise ins Zauberland", "Das Schloss im Himmel") und Studio Ghibli. Das Ökomärchen rund um einen tapferen Krieger und der von Wölfen aufgezogenen San brilliert nicht nur durch den Bilderrausch, sondern auch durch das Auslassen von altbekannten Stereotypen. Hier gibt es kein Gut und Böse. Jeder der einzelnen Charaktere hat einen Grund, wieso er so agiert. Die Grenze zwischen Schwarz und Weiß verwischt immer mehr im Laufe des Films. Das ist auch ein Aspekt, der Animes und Mangas auszeichnet. Denn gegenüber westlichen Produktionen wird hier gleich ein Bezug zur Realität gesponnen, in welcher ja auch nicht alles so einfach klassifiziert ist wie oft dargestellt.

Im Grunde ist es eine sehr univer­selle Märchen­ge­schichte, von dem "Prinzessin Mononoke" handelt. Von dem Verhältnis von Zivi­li­sa­tion und Natur, der bemühten Versöhnung aber ständigen Entzweiung und dem unlösbaren Konflikt der Koexistenz.
Die Geschichte baut sich langsam auf und präsentiert zunächst immer weitere Schlüsselfiguren. Mit der Zeit nimmt dies eine angenehme Komplexität an, denn durch die zahlreichen schlüssigen Figuren entbrennt ein Interessenskonflikt über mehrere Parteien. Kein Wunder also, dass das groß angelegte Finale auf mehrere Fronten verteilt wird. Der Zeichentrickfilm scheut sich bei diesen kampfintensiveren Szenen auch nicht mit Blut oder abgetrennten Körperteilen umzugehen. Für westliche Verhältnisse ist dies zunächst auch ein Punkt, der gewöhnungsbedürftig erscheint.
Der Schluss wirkt etwas überhastet erzählt und für einen massentauglichen Geschmack angepasst. Das geschönte Ende mit seinen biblischen Referenzen passt nicht zum Konzept des Films und wirkt beinahe wie ein Fremdkörper.

Die Welt von "Prinzessin Mononoke" enthält zwar reale Elemente, legt den Fokus aber auf fiktive und fantastische. Die Tiere können sprechen und haben als Gottheiten eine größere Physis als normal Tiere. Gewimmel aus Würmern, das die Körper von Mensch und Tier übersät, führen zu todbrin­genden Flechten am ganzen Körper, der mit sich kommende Fluch macht den Protagonisten stärker oder lässt seinen Arm eigenständig handeln. Und die Figuren können weiter und höher springen, so wie es bei vielen asiatischen mittelalterlichen Filmen der Fall ist. Trotz dieser zahlreichen Abweichungen zur Realität wirkt die aufgebaute Welt schlüssig und schnell erfasst.

Die Animation ist typisch für Ghibli. Ein bisschen sehen auch hier alle Figuren aus wie in der Zeichentrickserie "Heidi". Auch manches an der Geschichte erinnert an die Naivität und Schlichtheit von Kindergeschichten. Doch die Unbeschwertheit wird diesmal schnell gebrochen. Die rasanten, dabei poetischen Bilder, strotzen nur so von gezeichneter Kunst. Die Landschaften wirken episch zur eingängigen Musik. Zahlreiche Licht- und Feuereffekte heben das Niveau und Massenszenen sowie animierte Bilder von Gebäuden und mechanischen Hilfsmitteln strotzen vor Details.

"Prinzessin Mononoke" ist ein Meisterwerk der Zeichentrick Kunst und ein episches Märchen, in dem es um den Kampf zwischen Natur, Technik und dem Menschen geht. Hayao Miyazaki gelingen nicht nur atemberaubende Bilder und temporeiche Action-Szenen, sondern auch mehrschichtig gezeichnete Figuren, deren Charaktere nicht in das für Märchen übliche eindeutige Gut-Böse-Schema passen. Die Geschichte transportiert die Moral unterschwellig ohne belehren zu wollen. Für westliche Verhältnisse wird man sich nur an das fantastische Setting gewöhnen müssen.

10 / 10

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