Man ist ja nicht dagegen gefeit, manchmal braucht man einfach eine schöne, dicke Portion Film mit Schlagsahne zum Mitschmachten, nicht unbedingt bleischwer hochproduziert, sondern mit guten Einfällen und Feinschliff und einer Geschichte, an der man sich in kalten Nächten das Herz wärmen kann. Für so etwas sind die Franzosen ja immer prädestiniert (ich will die Italiener nicht unterschlagen), die gewähren ihren Filmemachern noch den Raum und das Geld für kleine, feine Geschichten, die zart und gefühlvoll einfach für sich stehen.
Die Deutschen mühen sich zwar redlich, aber schlußendlich ist das alles immer den gewissen Hauch zu verkopft oder problemfokussiert, um Leichtigkeit und Magie des Kinos wirklich zelebrieren zu können, da mangelt es meistens an dem Willen zur Abkupferung bei großen Vorbildern oder man setzt zu sehr auf komplex-schwere Kost, gute Filme, aber wenig Genuß.
Um so höher sollte man es Mona Achache, der Regisseurin, anrechnen, daß ihr Langfilmdebut (mit nicht mal 30 Jahren, nach gerade mal zwei Kurzfilmen) so manche emotionale Funken schlägt, noch dazu bei einer Geschichte, die gar nicht direkt auf ihr Ziel zusteuert, sondern sich vor den Augen des Zuschauers praktisch zufällig zu entwickeln scheint. Bis jedoch der Kern der Geschichte, das Zulassen von Gefühlen und Lebenswille, sich langsam offenbart, vergeht einige Zeit.
Bis dahin stürzt Achache das Publikum in einen Zustand offener Irritation, indem es den Fokus auf ein elfjähriges Mädchen legt, das mittels einer alten Super-8-Kamera ihre Umwelt sowohl einfängt, wie auch analysiert. Paloma, so ihr Name, ist das Kind reicher Eltern, überdurchschnittlich intelligent und darauf versessen, nicht so neurotisch im Lebenslabyrinth zu enden, wie ihre Eltern und ihre Schwester, die zwischen Politikerkarriere, neurotischem Verhalten, Medikamenten und emotionalen Zusammenbrüchen hin- und herschwanken. Um dieses "Leben im Goldfischglas" samt unsichtbarer Wände zu verhindern, plant sie strukturiert ihren Selbstmord am 12. Geburtstag mittels Tablettenüberdosis, während die Vignetten eines kaputten Lebens im Wohlstand ein schräges Mosaik bilden.
Schon an dieser Stelle wird klar, daß wir es hier nicht mit einem realistischen Film oder filmischem Realismus zu tun haben, Achache erzählt uns ein Kinomärchen, in dem Kinder schon präpubertär so penetrant eloquent daherreden, daß man fast verärgert reagiert.
Doch mit zunehmender Filmlänge verlagert sich der erzählerische Fokus, zwei andere Personen rücken in den Mittelpunkt: die störrische, alternde Concierge Madame Renée Michel und der neue Nachbar, der alternde Kakuro Ozu, zwei Gegensätze per se.
Während Ozu, schwerreich und hochgebildet, zwischen den ununterbrochen plappernden oder in mentalem Verfall stagnierenden Hausbewohnern (es handelt sich um ein Pariser Appartmenthaus mit fünf riesigen Wohnungen) wie ein Fremdkörper wirkt, hat man das Gefühl, bei Madame Michel mit dem üblichen Grobschnitt der unteren Stände zu tun zu haben: mürrisch, zurückhaltend, dienstbar, aber niemals freundlich, stets zurückgezogen. Hinter der kühlen, unbewegten Fassade lauert jedoch ebenfalls ein mehr als belesener Mensch, der in einer verschlossenen Kammer Aberhunderte von billigen Ausgaben großer Literaturklassiker verschlungen hat und große Gefühle durchaus zu leben und zu schätzen weiß - auch wenn niemand es mitbekommen soll.
Dem patenten Ozu genügt dabei ein einziger Ausspruch, um sein Gegenüber zu entlarven und verfolgt sein Ziel, die eingeigelte Frau aus ihrem Bau zu locken, weil sie ihm geistig und emotional als Einzige nahe steht. (Der Originaltitel "Le hérission" ist übrigens französisch für "Igel", bezeichnet, steht jedoch auch für einen "störrischen Menschen" oder eine "Kratzbürste"!). Gleichzeitig erwärmt sich die standbewußte Concierge für die menschliche Annäherung, wenn auch widerstrebend folgt sie den Einladungen und beginnt, das Leben und das Gefühl an sich wieder zu genießen, denn beide haben ihren Lebensgefährten schon vor langer Zeit verloren.
So simpel, gefühlvoll wie folgerichtig entwickelt sich das Beziehungsgeflecht dieser drei Menschen, die sich unausgesprochen für seelenverwandt halten und dennoch die ganze Zeit sie selbst bleiben. Daß das Auftauen aus dem Isolationsprozess ein paar kuriose, ja entzückend witzige Folgen hat, ist dabei praktisch selbstverständlich.
Unterstützt und behutsam geführt von Gabriel Yareds ungemein gefühlvollem Cello-Score, der zugleich tieftraurig wie hoffnungsvoll die Stimmung einfängt, werden die tragischen Untertöne dieser drei Leben jedoch nicht vergessen, allein vollbringt Achache das kleine Wunder, die Figuren in diesem Kinomärchen ganz simplifiziert liebzugewinnen, weil man ihnen das Glück gönnt, auch wenn sie nicht alle das Ziel so erreichen, wie man sich das vorstellen mag.
Unterstützt wird das von einem geschickten, weil bunten und vielseitigen Set und der vielen Facetten, die hier dezent angeschnitten werden: ein bißchen Kritik an den unbenannten und unsichtbaren Ständen von reich und arm, etwas Krallenschärfen an der mangelnden Kommunikation, ein sanfter Biss ins Verständnis der Menschen untereinander - Achache ist damit poetischen Märchen und Publikumserfolgen wie "Amelie de Montmatre" verblüffend nah, ist der Film doch mit ungeheuerer Bildwucht und kleinen Animationsausflügen angereichert, wie nur Kinomärchen sie als Beilage mitliefern dürfen.
Ergo kann sich jedes Programm- und Arthauskino freuen, wenn es für ein interessiertes und neugieriges Publikum hier mal wieder einen zwanglosen Feelgoodfilm präsentieren kann, der das Zeug zu einem Sleeperhit aufgrund von Mundpropaganda hat. Für die große Leinwand des Multiplex zu intim und zu wenig reißerisch, ist das der perfekte Film durch alle Altersklassen, die von reiner Neugier getrieben gern mal wieder so laut lachen möchten, bis sie merken, daß sie schon wie ein Schloßhund heulen.
Dafür, kann man endlich mal wieder mit Fug und Recht behaupten (seit "The Fall" möchte ich meinen), werden Filme wirklich gemacht, für so komplexe Geschichten wie die hier: ein Mann verliebt sich in eine Frau! Tolle Idee, kann man öfter verwenden! (8,5/10)