Jetzt kommt die zweite Welle.
Manchmal kann selbst kommerzieller Mißerfolg einen gewissen Trend nicht aufhalten, vor allem weil originelle Ideen bei zeitgleicher finanzieller Unsicherheit rar geworden sind in Hollywood. Als Robert Rodriguez und Quentin Tarantino also 2007 ihre Hommage an das Grindhouse-Kino der 60er und 70er Jahre mit "Death Proof" und "Planet Terror" inszenierten, da wirkt diese Mischung aus Retrohorror, gefakter Vintageoptik und gewolltem Sleaze zwar auf die breite Zuschauermasse verstörend genug, um den Kinos fern zu bleiben (das "Grindhouse"-Duo spielte nur die Hälfte ihres Budgets ein), war aber unter den Fans und Genreliebhabern edler Geheimtipp genug, um nagend die Umsetzung der spaßeshalber inszenierten Appetithäppchen namens "Fake-Trailer" zu fordern, die einige angesehene Regisseure aus Spaß dem Doppelprojekt beigesteuert hatten.
Fünf Trailer zu nicht existenten Filmen - und wie es einmal wirklich war im Märchenfilmland, genügt manchmal ein Trailer per se schon, um ein paar Produzenten davon zu überzeugen, daß man den Film wirklich drehen muß.
Rodriguez macht nur mit "Machete" (nebenbei auch der Trailer, der das größte Echo hervorrief) nun selbst den Anfang, die garantiert gewaltgesättigte Action-Exploiterparodie von dem machetentragenden Mexikaner, der für an ihm begangenes Unrecht übelst Rache nimmt. Man stecke dazu einen grimmigen Kerl wie Danny Trejo (der sonst ja eher Nebenrollen veredelt) in einen langen Mantel und eine Lederweste mit vielen schlimmen Schneidewerkzeugen, konstruiere für ihn ein paar absurde Situationen und entwickle daraus eine Mischung aus B-Action, Retro-Reminiszensen und menschenverachtenden Einfällen, speziell für ein Kultpublikum entwickelt.
Daraus könnte man Rodriguez jetzt natürlich Berechnung vorwerfen, aber letztendlich bedient auch er nur seine eigene Klientel, die sich seine actiongesättigten Erwachsenenfilme natürlich liebend gern ins Regal stellen. "Machete" ist die pure Berechnung, aber er ist auch eine gewisse Form von In-Joke, denn Rodriguez lockt mit diesen übertriebenen Reißern nicht nur einige interessante Gesichter an, sondern versammelt auch Freunde und Stammkräfte für eine Form des bewährten Wiedersehens.
Das heißt also Gastauftritte für Cheech Marin und Tom Savini, aber eben auch namhafte Figuren wie Robert de Niro, Lindsay Lohan, Michelle Rodriguez, Don Johnson und Jessica Alba, allesamt Darsteller, die sich einerseits den Spaß machen, ordentlich vom Leder zu ziehen und andererseits nicht zu teuer sind, denn fast alle haben mit Karriereknick zu arbeiten, aus dem einen oder anderen Grunde (Rodriguez hatte Alkoholprobleme, Alba sucht nach der Mutterpause ihr Publikum, De Niro kriegt kaum noch anspruchsvolle Rollen, Lohan ist ein Medien- und Drogenwrack, Johnson kämpft gegen das Vergessen und Seagal ist ein angejahrter Actionstar, der durch C-Spektakel aus Osteuropa tingelt.) - hier können alle nur gewinnen, zumindest wieder an Popularität.
Befeuert vom Grindhousebezug, läßt Rodriguez also mit "Machete" eine Story von der Kette, die ureigenstes B-Potential hat, die Story von dem schicksalsgeplagten, harten Einzelgänger mit dem Rachemotiv, umgeben von schönen Frauen und abgründigen Finsterlingen mit Armeen von Schlägern und Killern. Als Gerüst benutzt er geschickt ein Thema, das tatsächlich in den Staaten eine heiße Kiste ist, die illegale Einwanderung von Mexikanern über die Südgrenze samt Verriegelung der USA, nicht zuletzt vor dem jenseits der Grenze herrschenden Drogenkrieg. Dazu noch karrieregeile und korrupte Politiker und fertig ist die Laube - mehr braucht da kein Mensch.
Vielleicht noch ein paar knuffige Oneliner, etwas ironischen Abstand und jede Menge Gewalt und das liefert Rodriguez mit Freuden, ohne das heikle Thema jetzt wirklich ernst zu nehmen. Der Plot entwickelt sich schön organisch, obwohl nicht übermäßig anspruchsvoll aus dem Verschwörungsbereich gibt es reichlich Schauwerte und Abstruses zu sehen und der menschliche Körper darf in all seinen Facetten auseinander genommen werden. Die Pausen füllen diabolisch vor sich hinränkende Schurken und wohlgeformte Frauen mit wenig bis nichts an - so gewinnt man die Aufmerksamkeit des männlichen Publikums.
Klingt jetzt vielleicht zu sachlich für den fertigen Film, aber so produziert "Machete" eine Menge kurzfristigen Spaß und gibt gerade als Parallelprojekt UND Gegenentwurf zu "The Expendables" der stargespickten Actionmelange von Sylvester Stallone eigentlich den nötigen Tritt in den Hintern, denn wo Stallones Helden doch etwas steif Lockerheit simulieren und die Kampfszenen vorsichts- und alterhalber eher superschnell dargeboten wurden, anstatt genau die alten Qualitäten ironisch zu brechen, kümmert sich Rodriguez zumindest zwei Drittel seines Films überhaupt nicht darum, daß Trejo Mitte 60 ist und für einen monumentalen Hero eigentlich ziemlich klein (nämlich gerade 1,70m), es geht nur darum, wie man den beabsichtigten Camp-Kult denn nun in Szene setzt. Es muß nicht immr rollenkonform sein oder Sinn machen, also darf De Niro chargieren, Seagal übertreiben und die Lohan mehr oder minder nur nackt agieren, es ist das Wissen um die Hintergründe der "Stars", die den halben Spaß ausmachen.
Woran es hapert, ist leider ein letztes Drittel, daß den ersten beiden inszenatorisch Rechnung trägt, denn der grimmige Tonfall nimmt eine stärkere Wendung ins Alberne, ein bemüht gedrechselter Aufstand illegaler Mexikaner sieht leider nicht sonderlich gut choreographiert aus und die aufmunternden Botschaften, die halb übertrieben, halb ernst gemeint von den Figuren geschmettert werden, sind annähernd fremdschämenswert. Traurig auch, daß das lang erwartete Finale zwischen Trejo und Seagal (als Drogenbaron) dann gegen Restfilm geradezu enttäuschend ausfällt, gewollt ironisch und aufgrund der körperlichen Mängel bzw. des Alters der Beteiligten (Seagal trägt ein geradezu monströses Übergewicht durch die Kulisse und kann nur ein paar Schwerthiebe anbringen, während er stattdessen ununterbrochen zur Überbrückung redet.) kurz und unspektakulär.
Bis zu diesem Finale funktioniert der Film aber als Partybombe wie ein Uhrwerk, sicher nicht in Sachen Nachhaltigkeit, aber als Stimmungsflasher, der (bis auf den Retrovorspann) auf die Grindhousekinkerlitzchen in Sachen kaputtes oder beschädigtes Filmmaterial verzichtet. Rodriguez ist einfach zu wenig Perfektionist, um mehr als ein knallbuntes und groteskes Feuerwerk abzufackeln und selbst bei den körperlichen oder darstellerischen Limitierungen aller Beteiligten läßt er doch genau das von der Kette, was die Leute an den billigen Grindhousefilmen zu lieben glauben, weil sie die meisten dieser oft sehr gestreckten und wenig spektakulären Filme nämlich selbst nie gesehen haben.
"Machete" ist nicht mehr und nicht weniger als ein Partyspaß, der seine Kohle erst als Silberscheibe machen wird, aber gerade deswegen unbedingt auf einer Großleinwand (bevorzugt unter freiem Himmel) genossen werden sollte, denn Überlebensgröße ist hier der beste und einzige Existenzgrund. Blut und Gewalt, Waffen und Sex, schöne Frauen und fiese Sprüche, dicke Autos und komische Figuren. Arthaus wartet auch noch bis morgen. (8/10)