Review

Der klassische Stoff rund um Robin Hood, den edlen Ritter, der zum Geächteten wurde, weil er im mittelalterlichen England für die Rechte der Armen eintrat, bekommt also noch einen weiteren neuen Aufguss. So dachte ich zunächst, als ich die Schlagzeile im Filmmagazin las. Doch als ich dann weiterlas und sah, dass für die Neuverfilmung des Stoffes Ridley Scott auf dem Regiestuhl Platz nehmen würde, da kribbelte es dann doch schon ein bisschen in mir. Später wurde dann auch noch bekannt, dass Ex-“Gladiator“ (2000) Russel Crowe nicht, wie ursprünglich angekündigt, in die Rolle des Sheriffs von Nottingham schlüpfen, sondern die Titelrolle übernehmen würde. Spätestens jetzt kam doch einige Vorfreude auf, das Duo Scott und Crowe nach dem bereits genannten „Gladiator“, „Ein gutes Jahr“, „American Gangster“ und „Der Mann, der niemals lebte“ wieder einmal vereint, da konnte man einen epischen, historischen Film erwarten, wie ihn Scott bereits mit „Königreich der Himmel“ oder eben „Gladiator“ schuf.

Diese Beschreibung trifft das Ganze auch einigermaßen, allerdings wird jemand, der – wie ich – zunächst (ich weiß, Internetrecherche hätt's gezeigt) eine Neuauflage der klassischen Robin-Hood-Geschichte erwartet, schnell eines besseren belehrt: Ridley Scott kümmert sich nicht groß um die ewig und drei Tage alte Story, die zuletzt erst in den frühen 90ern mit großem Budget verfilmt wurde („Robin Hood – König der Diebe“ mit Kevin Costner), sondern richtet sein Augenmerk mehr auf die historischen Aspekte der Geschichte und erzählt die Vorgeschichte der eigentlichen Sage.
England im 12. Jahrhundert: König Richard ist bei der Rückkehr vom Kreuzzug gestorben und wird durch seinen ebenso schwachen wie geltungsbedürftigen Bruder John (Oscar Isaac) ersetzt, welcher zunächst mehr wie eine Marionette des französischen Saboteurs Godfrey (Mark Strong) anmutet. Noch vorher ist Sir Robert Loxley mit der Krone des Königs unterwegs nach England und wird dabei von den Mannen eben jenes Godfreys getötet. Mit dem letzten Atemzug bittet er den zufällig vorbeigekommenen Bogenschützen Robin Longstride (Russel Crowe), die Krone zurück nach London, sein Schwert zurück zu seinem Vater (Max von Sydow) zu bringen. Nach erfolgreicher Erfüllung beider Aufgaben jedoch wird Longstride von Sir Walter Loxley darum gebeten, als Ersatz für den verlorenen Sohn zu fungieren – unter anderem auch in dessen Rolle als Ehemann der schönen Lady Marian (Cate Blanchett).
Während sich Robin und Marian langsam näher kommen, entzweit sich das Land aufgrund der Intrigen Godfreys immer weiter, sodass es für Robin Longstride gilt, die Adeligen Englands zu einen, um ihrem König bei einem drohenden Angriff der Franzosen zur Seite zu stehen.

Soweit der Plot. Wer also bei diesem Film viel Bogenschützen-Action, Schlachtengetümmel und Pathos erwartet hat, kommt definitiv in den ersten anderthalb Stunden zu kurz, erst in den letzten 60 Minuten werden all diese Aspekte in die Geschichte eingeflochten, vorher konzentriert sich Ridley Scott mehr auf das Zwischenmenschliche, auf das Charakterdrama und die politisch-historischen Vorgänge im England des späten 12. Jahrhunderts. Diese werden durchaus spannend erzählt, auch wenn es in der ersten halben Stunde nach dem Prolog in Frankreich hier und da immer mal wieder die ein oder andere Länge gibt. Durch den hohen Anteil an Dialog- und Charakterszenen können vor allem die Schauspieler punkten, die alles in allem gut ihre Rollen einkleiden. Vor allem Cate Blanchett, Max von Sydow und Russel Crowe können überzeugen, aber auch Mark Strong als Antagonist ist eine Augenweide. Etwas fehl am Platz wirkt lediglich Oscar Isaac, der zwar die Schwächen des jungen Königs einigermaßen herüberbringen kann, aber insgesamt etwas blass wirkt.
Ein wenig komisch mutet jedoch an, dass König John ein bisschen, der Sheriff von Nottingham (Matthew Macfadyen) gänzlich zum Comic Relief verkommen ist. Das hätte nicht sein müssen, gerade John hätte man in seiner Eigenheit als schwacher, zerbrechlicher, geltungssüchtiger junger König dunkler, zerrissener darstellen können. (Und warum sollte man in einem solchen Film überhaupt ein Comic Relief brauchen? Ach ja, die Teenies … .)

Auch technisch kann Ridley Scotts Film einiges, die Schlachten am Anfang und am Ende sind gut bis sehr gut inszeniert, die historischen Sets sehr detailreich; Kamera, Schnitt und die Musik von Ridley Scotts Stamm-Komponisten Mark Streitenfeld bewegen sich zwar auf Standard-Mainstream-Niveau, aber definitiv in der oberen Ecke davon.

So bleibt unter dem Strich ein gutes, ein enorm gutes historisches Drama mit Action- und Abenteuerfilm-Einsprengseln, das über weite Strecken überzeugen kann, wenn man denn in einem solchen Film Charakterdrama und vor allem viel Dialog sehen will. Mich stört es nicht, sondern überzeugt es eher; wer aber auf Schlachten und Pathos steht, sollte entweder lieber noch einmal zu „Gladiator“ greifen oder den Mittelteil mit der Vorspultaste überbrücken (oder einem guten Buch … oder so …). Als Kritikpunkte sind lediglich der mittelmäßige Oscar Isaac, die ein oder andere Länge zu Beginn des Films sowie das Verkommen zweier doch eigentlich wichtiger Charaktere zu Comic Reliefs (auch wenn der Sheriff von Nottingham in Ridley Scotts Version kaum eine andere Rolle spielt) zu nennen.

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