Themroc ist radikal - auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Motivation für das Handeln der Personen wird verzichtet, stattdessen wird uns eine plakative und überspitzte Geschichte präsentiert, die durch die nahezu völlige Abwesenheit jeder sprachlichen Kommentierung in ihrer Botschaft noch eindrucksvoller wirkt.
Der Fabrikarbeiter Themroc rastet aus, nachdem er seine stets nur mühsam verborgenen Triebe zu lange unterdrückt hat und schließlich von der Obrigkeit (hier in der Gestalt seines Chefs) einen auf die Nase bekommt. Das ist zu viel! Das ständige Husten des Protagonisten bricht aus in urtümliches Gegrunze und zeigt: Der Höhlenmensch ist los. Erst wendet sich Themroc der hübschen Sekretärin zu, die von seiner wilden Andersartigkeit auch merklich beeindruckt ist, dann verlässt er den Betrieb, nicht ohne vorher noch für Unordnung gesorgt und das Wachpersonal wortwörtlich zusammengebrüllt zu haben.
Er mauert seine Zimmertür zu, bricht dafür die Wand zum Innenhof auf und entledigt sich aller Gegenstände, die für Zivilisation und Bürgertum jeder Art stehen: Tische, Stühle, Andenken an Vergangenes, Fernseher, alles landet auf dem Hof und vor den Füßen der verdutzten Mieter, die erstaunt, belustigt, aber auch fasziniert das Treiben Themrocs beobachten. Seine junge Schwester, die er schon immer erregt beim Schlafen betrachtete, wird prompt seine Gespielin; des nachts werden Polizisten erjagt und am Spieß gegrillt. Und bald finden auch weiter Bewohner des Blocks Gefallen an Themrocs Treiben...
Themroc bemüht sich zu keinem Zeitpunkt um eine halbwegs objektive Sichtweise der Geschehnisse; stattdessen gibt's eine Art anarchistisches Märchen, in der alle Mitglieder und Vertreter der Obrigkeit verklemmt, gewalttätig und boshaft sind, während der Arbeiter sich mühelos und weitgehend gewaltfrei der Polizeigewalt entledigt und die absolute Freiheit als triebergebener und somit glücklicher Mensch lebt. Die mäßigende und maßregelnde Vernunft ist hier lediglich ein Hindernis eines erfüllten Lebens und muss überwunden werden.
Die subjektive Kamera schildert Themrocs Blickwinkel: Wir sehen in ständigen Wiederholungen sein tristes Alltagsleben, das in aller repetitiven Trostlosigkeit präsentiert wird; wir dürfen aber auch die Verheißung des Triebs beobachten. Die Kameraführung lässt sich Zeit beim Betrachten der nackten Schwester auf dem Bett, zentriert den Blickpunkt immer wieder auf schlanke Frauenbeine und bleibt an Röcken kleben. Der Zuschauer wird auf diese Weise zum Teilhaber an Themrocs Erregung gemacht und kann somit dessen triebhafte Handlung nachvollziehen. Diese wird jederzeit lustvoll und amüsant geschildert: Die freie Liebe, die Themroc mit verschiedenen Frauen praktiziert, das Verspotten der Polizisten und die Jagd auf selbige hat nie einen schweren oder gar kritischen Unterton, sondern wird (scheinbar) naiv, unbekümmert und mit einem Gespür für intelligente Komik beschrieben.
Auch der gezielte Einsatz von "Sprache" lenkt den Zuschauer auf Themrocs Bahnen. Kein einziges verständliches Wort wird gesprochen, stattdessen wird von den "normalen" Personen des Films ein verballhorntes Primitivfranzösisch herausgegrunzt (maximal ein "Oui" ist als tatsächliches Wort auszumachen). Soll heißen: In jedem steckt der Urmensch, wir haben ihn nur verkehrterweise und auch mehr schlecht als recht gezähmt. Wer ihn rauslässt, gewinnt in seinen Lauten an Kraft, die alle, die noch dem Alltagstrott verfallen sind, sofort einschüchtert und keinen Widerspruch duldet.
Themroc ist manipulativ - da es sich ja beim Ganzen um eine märchenhafte Groteske handelt und eine allzu schillernde Betrachtung der Geschehnisse nur deren Aussage verwässern würde, wird bewusst vielerorts vereinfacht und provokant überspitzt. Die hintersinnige Satire gewinnt dadurch die nötige Kraft, um spielerisch an den Grundfesten der Zivilisation rütteln zu können.
Dennoch bin ich nicht so recht begeistert. Zum Einen erscheinen mir einige Szenen gar zu ausgewalzt, sodass deren Wirkung fast in Richtung Langeweile geht, was wohl dem Budget und den heutigen Fastfood-Sehgewohnheiten liegt. Zum Anderen kann ich mit dem Film nicht ganz mitgehen. Zwar kommt diebische Freude auf, wenn Themroc auf leisen Sohlen die Ordnungsmacht zur Strecke bringt und sich einen ordentlichen Happen davon nimmt, und auch seine Mentalität, sich einfach zu nehmen, was er will, stößt auf Faszination. Dass seine Schwester aber eigentlich schon immer Sex mit ihm wollte und dass Themroc sich trotz seiner Naturtriebe, zu denen nun mal auch die Gewalt gehört, weitgehend friedlich verhält, mag sich nicht so recht ins Ganze einfügen. Auch wirken einige Szenen einfach zu simpel und plakativ. Natürlich stecke ich zu tief in der Zivilisation, um den Film wirklich vorbehaltlos genießen zu können; obige Kritikpunkte stoßen mir allerdings als nicht wirklich in das Filmganze passend und zugunsten einer eindeutigeren Botschaft zurechtgebogen auf.
Somit offenbart diese eigentlich sehr gelungene und in ihrer Durchführung konsequente Satire einige Schwächen, die den grellen Ton der Geschichte ein wenig trüben und sie auf eine unbeabsichtigte Art fragwürdig machen.
Jeder aber sollte sich ein eigenes Bild von Themroc machen, nicht nur weil diese einzigartige Skurrilität ihresgleichen sucht, sondern auch weil solch rigoros radikale Filme zu selten und kraftvoll sind, als dass man sie einfach übergehen sollte.