„Make peace, not love! - Karl May´s Winnetou - 2. Teil"
Winnetou ist verliebt. Und das durchaus konkret. Im zweiten Teil der Winnetou-Trilogie ist die Liebe des edlen Apatschen zu der schönen Häuptlingstochter Ribanna ein zentrales Motiv. Das dürften seinerzeit nicht wenige für eine durchsichtige Marketingidee der Filmemacher gehalten haben, die die vermeintlich asexuellen Jungsabenteuer von Winnetou und Old Shatterhand mit etwas Romantik aufzupeppen gedachten, um auch dem schmachtenden, weiblichen Publikum etwas zu bieten. Tatsächlich ist diese Liebesbeziehung aber original Karl May, wenn auch dort deutlich nebensächlicher in einer Rückblende abgehandelt und mit Old Firehand als Winnetous Rivale. Dennoch funktioniert die stärkere Akzentuierung im Film erstaunlich gut, da sie tragisch verläuft und dabei wiederum eng mit Winnetous Lebensaufgabe der Friedenssicherung zwischen rot und weiß verknüpft ist.
Überhaupt ist dieser Topos nicht nur das zentrale Motiv bei Karl May, sondern eben auch bei Horst Wendlandts Film-Versionen der 1960er Jahre, die damit zumindest vom Grundgedanken her gesehen sehr werkgetreu waren. Natürlich haftet dieser Vorstellung etwas naiv-romantisches an, aber genau deshalb war sie auch so erfolgreich. Erst als der Ton der Filme zunehmend rauer und abgeklärter wurde, wendete sich das Blatt. Sicher nicht der einzige, aber bestimmt ein wesentlicher Grund für das Nachlassen der May-Euphorie.
Anno 1964 war davon allerdings noch nichts zu spüren. Im Gegenteil. Das bundesdeutsche Publikum war im May-Fieber und lechzte trotz drei Filmen in zwei Jahren („Der Schatz im Silbersee", „Winnetou - 1. Teil", „Old Shatterhand") geradezu nach neuen Abenteuern der beiden Helden. Produzent Horst Wendlandt und die finanzierende Constantin ließen sich da nicht lange bitten und sorgten umgehend für einen ordentlichen Nachschlag. Nur 9 Monate nach dem ersten Teil flimmernde „Winnetou - 2. Teil" über die Leinwände der Republik. Wenn man bedenkt, dass Wendlandt-Rivale Arthur Brauner dazwischen auch noch das Konkurrenzprojekt „Old Shatterhand" platziert hatte, dann war die Gefahr eines Winnetou-Overkills durchaus gegeben, schließlich konnte man den Apatschen samt Blutsbruder seit Dezember 1962 praktisch täglich und durchgängig im Kino bewundern. Da galt es schon auf Qualität zu achten, schließlich lässt ein verwöhnter und zudem wohlgenährter Gourmet sich nicht mit einem lieblos zubereiteten Alltagsgericht abspeisen. Diese Motivation ist dem Endprodukt durchaus anzumerken, ist doch „Winnetou II" in der Rückschau einer der besten, wenn nicht sogar der gelungendste Beitrag der May-Serie. Ein wesentlicher Erfolgsgarant ist dabei das Skript.
Drehbuchautor Harald G. Petersson hat wie schon bei den beiden vorherigen Wendlandt-Produktionen („Der Schatz im Silbersee" und „Winnetou - 1. Teil") ein außerordentlich glückliches Händchen bei der Adaption der Mayschen-Buchvorlage bewiesen, die zwar nur wenige Motive aufgreift, diese aber geschickt ausbaut, verändert bzw. mit erfundenen Handlungssträngen verbindet und dabei den Geist des Romans der filmischen Entstehungszeit anpasst, ohne diesen zu verraten. Darüber hinaus hat er hier eine ebenso spannende wie abwechslungsreiche Fabel ersonnen, die endlich auch einmal dem Titelhelden ausgiebig Gelegenheiten zum tatkräftigen Handeln verschafft und auch als Charakter insgesamt viel deutlicher als bei den Vorgängerfilmen in den Mittelpunkt rückt. Diese Fokussierung auf Winnetou als Motor und Zentrum der Geschichte wird von Beginn an deutlich.
Auf einer Lichtung wird er Zeuge des ungleichen Zweikampfes zwischen einer Indianerin und einem Grizzly-Bären. Praktisch in letzter Sekunde und nur unter Einsatz all seiner Geschicklichkeit gelingt es ihm, den Bären mit dem bloßen Messer zu besiegen. Er hat damit nicht nur die Häuptlingstochter der Assiniboins vor dem sicheren Tod gerettet, sondern zugleich auch ein eindrucksvolles Beispiel seines Mutes und seiner Kampfkraft geliefert. Wie der Zufall es wollte war er gerade zum Vater der Geretteten unterwegs, den er für seinen Friedensplan mit Washington bewegen wollte. Im Indianerlager angekommen muss er sofort wieder tatkräftig einschreiten, denn die Assiniboins sind im Begriff drei aufgegriffene Soldaten am Marterpfahl zu töten. Winnetou fordert als Gegenleistung für die Errettung Ribannas ihre Freilassung, um die Verhandlungen nicht von vornherein zum Scheitern zu verurteilen. Häuptling Tah-scha-tunga willigt ein und Winnetou hat auch dieses Problem entschärft.
Im übrigen Verlauf des Films bekommt Winnetou alle Hände voll zu tun, um der Banditenbande um den Öl-Förderer Bud Forrester das Handwerk zu legen. Diesen ist jedes Mittel recht, um den fragilen Frieden zu sabotieren. Zusammen mit Old Shatterhand kommt es zu zahlreichen Feuergefechten, Handgreiflichkeiten, Befreiungs- und Beobachtungsaktionen, bei denen die beiden Blutsbrüder in permanenter Lebensgefahr schweben. Schließlich muss Winnetou auch noch ein großes persönliches Opfer bringen, um den Friedensschluss zu besiegeln.
Old Shatterhand - obgleich Lex Barker in den Credits erneut als erster genannt wird - steht diesmal ein wenig im Schatten seines indianischen Freundes und agiert mehr unterstützend. Dennoch hat auch er wieder ein paar erinnerungswürdige Auftritte als Retter in letzter Not und verkommt keinesfalls zum (unterbeschäftigten) Sidekick.
Diesen Part übernimmt Eddi Arent, der wie im „Silbersee" als spleeniger Engländer Lord Castlepool - hier sogar exklusiv, da man hier auf Ralf wolters Sam Hawkens verzichtet hat - für das komische Moment zuständig ist. Die handlungsirrelevante Albernheit wird allerdings deutlich zurück geschraubt, was dem Film gut tut und Arent (wie insbesondere Chris Howland in „Winnetou I") nicht als Fremdkörper-Kauz zum Kasper macht. Allein die Idee, ihn „Abenteuer" anstatt „Schmetterlinge" sammeln zu lassen, ist irgendwie sympathischer, origineller und integriert ihn auch stimmiger und glaubwürdiger in die Handlung. Zwar gerät er durch seine Tölpelhaftigkeit in die Fänge der Banditen und muss von Winnetou befreit werden, ist den beiden an anderer Stelle aber auch eine Hilfe als zusätzlicher Schütze bei diversen Schießereien.
Überhaupt ist das Personal in „Winnetou - 2- Teil" durchweg gut besetzt und stimmig in die Erzählung eingebunden. Karin Dor macht in ihrem zweiten May-Auftritt (ihr damaliger Ehemann Harald Reinl führte beide Male Regie) auch als Indianerin Ribanna eine gute Figur, wenn sie auch nie den Kultstatus von Marie Versinis Nscho tschi erreichen sollte. Aber erstens war Dor in den 60er Jahren bereits ein überaus bekanntes Gesicht im deutschen Film und zweitens ist ihre Darstellung reifer, abgeklärter und distanzierter als die der jungen Französin. Zudem war ihre Beziehung zu Pierre Brice eher von professioneller Nüchternheit geprägt, ein Umstand den man auch in ihrem Zusammenspiel als Liebespaar erkennt, welches die Leinwand nicht unbedingt zum Knistern brachte (aber auch nicht unglaubwürdig war).
Etwas blass bleibt Mario Girotti, der später europaweit als Terence Hill große Erfolge feiern sollte. Seine Figur des jungen Leutnant Merril ist eine Spur zu brav und naiv-idealistisch gezeichnet, dafür nimmt man ihm aber auch die Rolle als Winnetous „Nebenbuhler" nie so richtig übel, zumal er aus hehren Beweggründen heraus handelt. Beides - blasser Auftritt und konturlose Figur - ist bei Klaus Kinski völlig gegenteilig. Die rechte Hand von Banditenboss Forrester ist ein brutaler, gewissenloser, skrupelloser, aber auch äußerst cleverer und findiger Zeitgenosse, der die Friedensbemühungen der beiden Helden fast im Alleingang zunichte macht. Er täuscht, hintergeht, und mordet mit einer Mischung aus purer Freude und messerscharfem Kalkül, die ihn zu einem brandgefährlichen Gegner macht, der auch seinem eher simpel gestrickten Chef weit überlegen ist. Der auch damals schon auf irre Psychopathen abonnierte Kinski spielt seine Rolle vergleichsweise zurück genommen, was ihn umso bedrohlicher machte. Auch privat soll er den ihm vorauseilenden Ruf als schwieriger, weil extrem cholerischer und unberechenbarer Charakter keinesfalls bestätigt haben, sondern als netter und angenehmer Kollege aufgetreten sein. Zwiefellos ist seine Drastellung das mimische Highlight des Films, wenn nicht der ganzen May-Serie.
Der eigentliche Bad Guy Anthony Steel steht dann da als Bud Forrester wenig überraschend etwas im Schatten Kinskis und erreicht auch nicht das Format seiner Oberschurken-Vorgänger Herbert Lom („Silbersee") und Mario Adorf („Winnetou I"). Dennoch gibt er einen durch und durch soliden Bösewicht ab und sorgt vor allem im Verbund mit Klaus Kinski für einen ebenso eisigen wie ungemütlichen Gegenwind, bei dem sich unsere Helden ganz warm anziehen müssen.
Für Spannung, Dramatik und Abwechslung ist also durchweg und auf höchstem Karl May-Niveau gesorgt. Bbleibt noch die Stimmung. Und auch da zeigt sich die Filmreihe von ihrer Schokoladenseite. Das eingespielte Trio Reinl-Kalinke-Böttcher spielt sich gegenseitig die Bälle zu und legt mit „Winnetou II" nochmals eine Schippe drauf. Regisseur Harald Reinl hat daran sicherlich den größten Anteil. Wiederum gelingt es ihm die atemberaubende Natur Jugoslawiens nicht nur stimmungsvoll einzufangen, sondern als zusätzlichen Filmcharakter zu inszenieren. Und wieder einmal hat er dafür neue Schauplätze entdeckt, die dem Film landschaftlich eine eigene Handschrift verpassten, die ihn von den Vorgängern unterscheidbar macht. Besonders eindrucksvoll waren dabei die Tropfsteinhöhlen (dunkel, feucht und klamm) von Postojna, die sowohl für die entstehende Liebe zwischen Winnetou und Ribanna wie auch im großen Finale eine entscheidende Rolle spielen. Einen gänzlich anderen „Look" (gleißend hell, trocken und heiß) hatte das „Nest" der Banditen. In einem alten nicht mehr benutzen Steinbruch ließ Reinl ein großes Ölbecken samt Fördertürmen und mehreren Gebäuden errichten, das vor allem bei einem nächtlichen Brand spektakuläre Bilder liefert. Die wüstenähnliche Szenerie wurde komplettiert durch allerlei Mulden, Halden und künstliche Seen. Grüne Wiesen, umrandet von tiefen Wäldern sind schließlich die Kulisse für das Zeltdorf der Assiniboin und bilden einen weiteren Kontrast, wie auch das auf einer weiträumigen Ebene errichtete Fort Niobara. Zusammen mit Aufnahmen an einem Steilufer der Adria, auf mächtigen Bergkuppen und tiefen Tälern ist „Winnetou II" damit der landschaftlich vielfältigste und farbig kontrastreichste Karl May-Film.
Nicht zu unterschätzen für die Gesamtwirkung ist dabei die Arbeit von Kamera und Musikuntermalung. Ernst W. Kalinke beweist erneut sein Gespür für das Majestätische und Ursprüngliche der gewählten Locations. Er filmt nicht einfach nur starre Motive im Sinne einer Postkartenästhetik ab, sondern lässt die Natur lebendig erscheinen. Komplettiert wird das optische Gesamtkunstwerk dann schließlich durch Martin Böttchers schwelgerische Filmmusik, die zugleich romantisch, wehmütig und erhaben klingt.
Manchmal kommen Qualität und Zuschauergunst zusammen, „Winnetou - 2.Teil" ist ein solcher Fall. Der Film ist kompetent inszeniert, flott erzählt, gut gespielt und toll photographiert. Er ist spannend, kurzweilig und von hohen Unterhaltungswert. Wie schon bei den vorangegangenen drei Winnetou-Abenteuern strömten die Massen heran und sorgten für volle Kassen. Die goldene Leinwand, der Bambi sowie der Titel „besucherstärkster deutscher Film der Spielzeit 1964/65" waren nur einige der Superlative, die Produzent Wendlandt verbuchen konnte. Die Beliebtheitswerte der beiden Hauptdarsteller Lex Barker und Pierre Brice waren in olympische Höhen geklettert.
Und ein Ende schien nicht in Sicht. Nur drei Monate später - pünktlich zum lukrativen Weihnachtsgeschäft - war bereits der nächste Kinostart beschlossene Sache. Schließlich hatte man nur 14 Tage nach Ende der Dreharbeiten mit den Aufnahmen zu „Unter Geiern" begonnen. Viel Zeit blieb Winnetou also nicht um seine verlorene Liebe zu trauern. Für einen mythisch überhöhten Helden wie ihn, wäre so viel menschliche Alltäglichkeit ohnehin eher störend gewesen. Aus Sicht der zahllosen weiblichen Anhänger schließlich war das Ende von „Winnetou II" sowieso nicht nur schlüssig, sondern auch ganz nach Wunsch(-Traum).
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Literatur:
Chatain, Michael, „Vom Silbersee zum Tal der Toten". Das große Karl May Filmbuch, 2012, S. 116-135.
Kastner, Jörg, Das grosse Karl May Buch. Sein Leben - Seine Filme - Die Filme, Bergisch Gladbach 1992, S. 176-183.
Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg 1999, S. 192-210.