Uwe Boll hat 2009 mit "Siegburg" vorgelegt, Autor und Regisseur Philip Koch zieht nach und offenbart die sozialen Missstände in deutschen Jugendgefängnissen. Dabei kann die Quintessenz erneut nur lauten: Kein schöner Film, aber ein wichtiger.
Kevin ist der "Picco" in der JVA, der Neuankömmling, der zunächst an allen Ecken und Enden gemobbt und drangsaliert wird, vor allem von seinen Zellengenossen Tommy, Marc und Andy. Doch irgendwann verliert Kevin zusehends seine moralischen Grundsätze und schießt sich gemeinsam mit seinen Zellenkollegen gegen Tommy ein...
Boll lief seinerzeit zur Hochform auf, doch auch Philip Koch beweist Mut zur Schonungslosigkeit, obgleich er in den entscheidenden Momenten nie draufhält, jedoch mithilfe einiger langer Einstellungen die Unausweichlichkeit der Knastsituation untermauert.
Kevin hat anfangs noch seine Ideale, setzt sich ansatzweise für Schwächere ein und schaut nicht weg. Doch auch er ist nur ein Rad im düsteren Getriebe der JVA, in der die Psychologin lediglich halbherziges Gewäsch von sich gibt und die Wärter allenfalls ein Auge auf eskalierende Situationen haben, etwaige Kungeleien jedoch erst gar nicht mitbekommen.
Fressen oder gefressen werden, denn im Knast gelten interne Regeln, soziale Komponenten fallen größtenteils weg und es offenbart sich, wie stark die Insassen in ihrer reduzierten Welt auf sich allein gestellt sind.
Zwar hätte man einige Figuren etwas prägnanter in Szene setzen können und auch der Hofalltag ist einschließlich einiger verbaler Entgleisungen reichlich klischeelastig ausgefallen, doch anderweitig steckt der Knast nun mal voller Klischees und da würden Randerscheinungen eher befremdlich wirken. Befremdlich ist auch die Entwicklung Kevins, denn sein Sympathiebonus geht unweigerlich flöten, je näher man sich dem knallharten Showdown nähert, - er passt sich eben an und Machtdemonstrationen, Kompetenzgerangel und entsprechende Allianzen gehen grundsätzlich auf Kosten eventueller moralischer Bedenken: Zuschlagen oder geschlagen werden.
Glücklicherweise beschert uns Koch keine Splatterorgie, denn eine blutige Klobürste reicht bereits aus, um sämtliche Magensäfte nahezu überschäumen zu lassen. Aus Zelle Zehn gibt es kein Entrinnen, aber auch keinen Gedanken an eventuelle Konsequenzen, denn es schwingt stets eine Gleichgültigkeit mit, in der sich die Insassen befinden: Hoffnung, die Welt außerhalb, - all das wird in der Zeit in den kalten Betonmauern wie ausgeblendet und selbst die rar gesäten Besuche Anverwandter oder Freundinnen bescheren oftmals nur noch mehr Probleme und führen wiederum zu neuen Gewaltausbrüchen, wodurch eine endlose Spirale der Gewalt unausweichlich scheint.
Natürlich könnte man sich ellenlang darüber auslassen, was die Alternativen zur JVA sein könnten, doch dieses ist nicht Kochs Aufgabe. Er zeigt auf, belehrt jedoch nicht, er prangert in gewisser Hinsicht an, deckt auf und regt vor allem zum Nachdenken an, denn eigentlich leuchtet jedem Schwachkopf ein, dass ein notorischer Kaufhausdieb nicht in eine Zelle mit einem Mörder passt und ein Gefängnis ohne Überwachungstechnik eher in die Geschichtsbücher von vorgestern gehört.
Und während der ausbleibende Score die Isolation von der Außenwelt unterstreicht, die weitgehend authentisch besetzten Jungmimen angemessen intensiv aber nie drüber performen und die stilsichere Inszenierung erst auf den zweiten Blick überaus sensibel anmutet , kristallisiert sich ein Gefühl der Betroffenheit heraus. Wir erfahren, wie aus einem erst noch hoffnungsvollen Jungen ein gnadenlos linker Mitläufer wird, wie gewaltbereite Menschen innerhalb ihrer Tendenzen bestärkt werden und wie genau das unter den Teppich gekehrt wird, was eigentlich etwas mehr als eine helfende Hand benötigen würde.
"Picco" macht betroffen, schockiert, rüttelt jedoch auch auf und das ist vielleicht genau der springende Punkt, warum dieser deutsche Streifen besonders für Jugendliche eventuell wichtig sein könnte. Wer über den Tellerrand seiner vermeintlich heilen Welt hinwegschauen mag, lässt sich zwar auf ein unbequemes und kaum aushaltbar zynisches Werk ein, doch allein die Nachhaltigkeit ist die Sichtung bereits wert.
8 von 10