Es ist ein wenig aus der Mode gekommen, kurz vorm Abspann in den Sonnenuntergang zu reiten und infolgedessen kommt dieser Western rund vierzig Jahre zu spät.
Da Regisseur Shane Van Dyke offenbar ein Faible für Italo-Western und insbesondere den typischen Rollen von Clint Eastwood hat, schickt er seinen Vater Barry Van Dyke als Held ins Rennen, - der sieht seinem Vorbild auf den ersten Blick sogar ein wenig ähnlich, doch mehr als ein liebloses Plagiat diverser Versatzstücke will ihm mit seiner Rachegeschichte nicht gelingen.
Selina Stevens ist zur Trinkerin geworden, seit Schurke Lee Horn und seine vier Begleiter erst ihren Mann und die beiden Söhne töteten, sich an ihr vergingen und sie zum Sterben zurück ließen. Als Kopfgeldjäger Frank in der Stadt verweilt, kommt Selina auf den Gedanken, Rache zu üben und bittet den erfahrenen Revolverhelden um Schießtraining. Doch Lee Horn befindet sich bereits erneut in der Stadt…
Ja, das ist der Stoff aus dem feuchte Knabenschlüpfer entstehen, bei dem die Helden schweigsam und mit dunklem Mantel umhüllt durch die Gegend latschen und die bösen Wichte mindestens fies grinsen, regelmäßig ihren Rotz verteilen oder, wenn sie dickleibig sind, permanent eine fette Zigarre in der Schnute haben und sich vor Behäbigkeit kaum bewegen können. Hinzu kommt eine liebreizende Frau, die sich nach Aufforderung des Helden sogar wäscht und gleich nicht mehr so Hartz IV- mäßig aussieht. Am Ende mischt sie natürlich beim Showdown mit, denn schließlich hat sie nicht nur ein Motiv, sondern auch Schießtraining erhalten.
Im Grunde ist dieser Neo-Western eine komplett einfallslose Nummer, der es massiv an Action und sonstiger Bewegung mangelt, vor allem am notwendigen Augenzwinkern, da sich Genreklischees alle Nase lang überlappen.
Musikalisch und von der hellen Farbgebung mit geringen Kontrasten her kommt man den klassischen Vorbildern sogar ein wenig näher und auch diverse Zeitlupen bestätigen, dass Van Dyke die Genreelemente kennt.
Leider will die Story nach dem durchaus gelungenen Einstieg nicht so recht in die Gänge kommen, da wird besonders im Mittelteil zuviel geschwatzt und zu wenig gehandelt, während die Schurken lange Zeit aus dem Geschehen verschwinden und eher so zwischendurch eine Hilfstruppe des Sheriffs plätten.
Besonders bei den Schießübungen nimmt sich die Handlung bedauerlicherweise recht ernst, da wäre sicher der eine oder andere Schmunzler drin gewesen, anstatt völlig humorfrei diverse korrekte Körperhaltungen zu besprechen.
Besser gerät der Showdown in der Stadt, welcher wiederum alle klassischen Zutaten miteinander kombiniert und sogar ein paar spannende Einstellungen, inklusive des Aufeinandertreffens der drei wesentlichen Figuren beinhaltet.
Darstellerisch ist kein großer Wurf gelungen, Barry Van Dyke gibt die Rolle des schweigsamen, aber charismatischen Helden angemessen mit nur wenigen Gesichtsausdrücken, während der Fiesling und seine Genossen ebenso angemessen dreckige Fratzen zum Besten geben, aber eher austauschbar bleiben.
Sage Mears in der Rolle des Racheengels Selina muss für weitere Auftritte definitiv noch mehr üben, um überzeugende Figuren abzugeben, da sie hier die schwächste Leistung hinlegt.
Man muss kein ausgesprochener Freund von Western aller Art sein, um hier eine abgekupferte Idee nach der anderen auszumachen, obgleich der Kern der Geschichte und seine sympathischen Helden einigermaßen Interesse wecken.
Handwerklich brauchbar und passabel ausgestattet, bringt „6 Guns“ nicht viel mehr, als einen leidlich unterhaltsamen Rachefilm, dem leider jegliches Herzblut fehlt und der eben nur kopiert, als mit frischen Impulsen zu überzeugen.
4 von 10