Review

Hätte der Film und sein unzusammenhängender Nachfolger Interactive Murders [ 2001 ] angemessenen Box Office Erfolg gehabt, wäre dies der Startschuss zu einer Reihe von Thrillern geworden, die sich vor allem mit dem Plottwist beschäftigen. Golden Harvest hatte das Projekt initiiert, aber nach den eher katastrophalen Einspielergebnissen von weiteren Folgen abgelassen; das HK Publikum war offensichtlich noch oder überhaupt nicht bereit für diese Art von Genre.
Nun weiss man nicht, was einem entgangen ist und ob nicht auf Dauer das Vorwissen der Methodik von Drehbuchautor Felix Chong / Regisseur Billy Tang bereits im Ansatz weiteres Gelingen zunichte gemacht hätte; die beiden nun für sich alleinstehenden Produkte können jedenfalls auch so ganz ordentlich abschneiden und zeigen zumindest auf, dass Experimente ganz abgesehen vom Ergebnis zumindest interessanter sind als das strikte Weiterführen von Konventionen.
Ausserdem wurden bei den ersten beiden Vertretern auch unterschiedliche Wege gegangen; man kann die Werke ausser vom Ausgangspunkt des Twists weder inhaltlich noch von der Machart vergleichen.

Während Interactive Murders durch seine überraschende, alles auf den Kopf stellende Auflösung und die wechselseitig beeinflussende Beziehung von Zuschauer und Film seine Wirkung bezieht, besteht Sharp Guns aus permanten Änderungen. Man enthält dem Betrachter wieder stetig Informationen vor und zeigt ihm nicht immer das, was wirklich geschieht; sondern das was er glauben soll. Dabei betrügt man ihn aber nicht komplett und holt erst zum Schluss den Clou aus dem Sack, sondern lässt das Katz - und Mausspiel von Beginn weg starten. Ausserdem erweitert man den jeweiligen Wissensstand soweit, dass mit etwas Mitdenken, Vorausahnen und dem Erlernen der Narrationstechnik der Geschichte ohne Ausfälle gefolgt werden kann; man ist auch fähig, sich weitere Vorgehensweisen auszumalen und so an den Akteuren und ihren Handlungen zu partizipieren. Nur Eingreifen kann man hier anders als in der „Fortsetzung" nicht, aber dort war es ja auch nur ein noch unvollkommener Gimmick.

Diesmal nutzt man als Blaupause einen Actionthriller im und um ein Triadenmilieu; da man nur 85min Zeit hat, legt man auch sofort damit los:
Eine junge Frau ist im Gewahrsam mehrerer Männern. Sie droht ihnen damit, dass ihr Vater sie herausholen wird und sie alle tötet.
Coke [ Ken Wong ] verabreicht ihr ungerührt davon Drogen.
- Credits. Szenenwechsel. -
Macau, Internationaler Airport.
Tricky On [ Alex Fong ] wird von zwei Männern abgeholt und zu seinem alten Freund Ban [ Lap Sam Lam ] gebracht. Er soll ein Team zusammenstellen und die Tochter Bans befreien, die gegen ein Lösegeld von HK$ 50 Millionen festgehalten wird.
Tricky On macht sich an die Rekrutierung.

Bis dahin scheint noch alles normal, und dennoch wurde man bereits hier und da getäuscht. Es sind nur wenige Minuten vergangen, die Filmemacher haben nicht wirklich Aufregendes präsentiert, sondern nur eine nicht ungewöhnliche Geschichte angeleihert. Derartige Stoffe kennt man und hat man in mal besserer und mal schlechterer Manier auch schon zur Genüge gesehen.
Dennoch stimmen bereits die Voraussetzung nicht: Man bekommt keine Rettungsmission zu sehen, sondern denkt nur, dass man einer folgt.
Tricky On hat nur durch kleine Maskerade mit Rollstuhl und Bart seine zwei Fahrer bereits getäuscht. Die Kostümierung konnte das Publikum selber zwar nur für eine Sekunde in die Irre führen, in dieser Zeitspanne hat es aber ein anderes Detail bereits übersehen.
Man wurde abgelenkt und hat Offensichtlichem vertraut und nicht hinter die Fassade geschaut; ja gar keine Fragen gestellt oder Vermutungen, dass etwas nicht so laufen könnte, wie angenommen.
Dabei ist der Film aus einer Addierung von Täuschungen aufgebaut. Eine löst die andere ab oder stellt erst die Prämisse für die Nächste auf.
Manipulation wird in den Vordergrund gestellt. Tests wechseln sich mit Finten ab, Trugbilder werden offenbart und wieder verschleiert.
Die scheinbare Wahrheit entpuppt sich erneut als Bluff.

Die inhaltliche Trickserei stellt aber nicht nur heisse Luft dar, in der sich nach und nach alles in Rauch auflöst und gar nichts Greifbares mehr überbleibt, sondern erweitert eher den Blick auf die Situation.
Man eröffnet mehrere mögliche Optionen; allgemein von der Gangart des Filmes her und speziell von seinem Fortgang.
Dafür werden verschiedene Metiers benutzt; so fällt einem Die gefürchteten Vier [ 1966 ] ebenso ein wie Kobra, Übernehmen Sie [ 1966 –1973 ], deren Kinoableger Mission Impossible [ 1999 ] und Golden Harvests hauseigener Downtown Torpedos [ 1997 ], die alle mit Netz und doppeltem Boden arbeiten.
Informationen werden mit jeder Wendung nachgereicht und machen das Geschehen deutlicher und kompakter; zusätzlich werden die Figuren plastischer. Bei denen ist nämlich nicht wichtig, wer sie sind, sondern was sie darstellen; die anfängliche Eindimensionalität bekommt durch das Hereinwachsen und Anpassen in den Schwindel ein bisschen mehr Räumlichkeit zugestanden.

Tricky On holt sich einen Scharfschützen [ Ken Chang ], eine SM Killerin [ Anya Wu ] und einen Fluchtfahrer [ David Lee ], die ihn bei seinem Vorhaben unterstützen sollen. Er arbeitet neu mit ihnen zusammen und sie kennen sich anscheinend auch untereinander nicht.
Als Ziel gilt es, Coke und die Frau ausfindig zu machen, sie zu befreien und über ihn an seinen Auftraggeber Sergeant [ Ken Lok ] heranzukommen; Bans Konkurrenten.
Dabei ist das geringste Problem, dass Coke Polizist ist und seine gesamte Truppe eng hinter sich stehen hat; man legt sich mit den Gesetzeshütern und den Kriminellen gleichzeitig an und muss sich dazu noch in die Höhle des Löwen wagen.
Dabei werden mehrere Partien ausgetragen, die jeweils neue Konstellationen eröffnen; die Machtverhältnisse sind nie konstant und nur weil man kurz vorm Schachmatt steht, heisst es noch lange nicht, dass man verloren hat.
Mal denken die Polizisten, dass sie Tricky On und seine Truppe genau da haben, wo sie sie haben wollen und in der nächsten Sekunde fliegt ihnen das Revier um die Ohren.
Die Stimmung dabei ist eine spezielle: Niemand kann dem Anderen trauen. Die Überwacher werden selber observiert. Desinformation, Ausreden, Verrat, Lügen, Rätsel bilden den Grundstein für Gewalt und Tote, immer garniert mit einen spezifischen sexuellen Unterton. [Die in bauchfreiem Lack gekleidete Anya will bei ihrem Bodycount offensichtlich vom Fleck weg vernascht werden; ausgerechnet während des langsam ausblendenden Abspanns bekommt sie dann auch ihren innigsten Wunsch erfüllt.]

Der Film muss dabei immer in Bewegung bleiben; nicht nur weil die Figuren ständig einen Schritt voraus sein müssen um vor den anderen zu agieren; sondern auch weil der Antritt flink war und man die Geschwindigkeit halten muss, um nicht plötzlich unwiederbringlich durchzuhängen. Trickserei hängt von Präzision und Verblüffen ab. Schnelligkeit zeigt die Beherrschung der Instrumente.

„Okay, Plan B.“

Regisseur Tang beweist mehrmals sein Können; er stellt die Justierung für ein ausgewogenes Maß von Illusion und Wirklichkeit richtig ein und kalibriert die Überraschungen in einer der Atmosphäre zugute kommenden unaufdringlichen Pose. Schein überragt das Sein, aber es wird nicht lästig oder indiskret darauf hingewiesen, sondern ohne grosse Ausrufezeichen in die Sachlage integriert. Objekte und Subjekte bewegen sich zumeist zur Bildmitte hin, nicht andersrum. Die Kamera arbeitet mit klaren, kontrastreichen Einstellungen, die in Einzelheiten auch durchaus mal etwas bunter sein dürfen; sowieso mehr leicht in Richtung Schund und Pulp tangieren, ohne dies als Schimpfwort zu benutzen. Subtilität weicht B – Movie Charme, ohne gleich nachlässig zu wirken.
Erstaunlich oft wird dabei auch in Action aufgelöst. Zwischendurch häufen sich Explosionen, Verfolgungsjagden, Shootouts und auch Martial Arts Anwendungen; allerdings wird durch rein funktionale Umsetzung keine wirkliche Referenz abgeliefert, eher purer Durchschnitt ohne gravierende Mängel. Man merkt, dass es den Filmemachern nicht darum ging; man es aber zum Steigern des Drucks, zum Lösen einiger zu verwickelter Knoten und manchmal auch zum Verdecken von Logikfreiheiten benötigte und deswegen veranschlagen musste.

Mankos lassen sich vor allem bei der Besetzung finden. Alex Fong als eine Art John “Hannibal” Smith Verschnitt verbleibt als Mastermind eher in einer ruhigen Haltung, während viele andere um ihn herum in die leichte Überdramatik verfallen oder auf andere Art einfach schlecht schauspielern. Wenigstens hat man auf eine frische Abmischung der Darsteller geachtet und viele Neue und Unverbrauchte besetzt.
Die Originalität auch in anderen Bereichen hilft dem Film über die gröbsten Schwierigkeiten hinweg und macht ihn zu etwas Bereicherndem, auch wenn Kreativität nicht automatisch mit Innovation und Versuch ebensowenig selbstständig mit Gelingen gleichzusetzen ist. Das Projekt war ja sowieso noch im Anfangsstudium und muss nicht unbedingt gleich einer tiefergehenden Analyse standhalten; man hat es immerhin geschafft, alte Bausteine durch neue Anordnung und den verschlagenen Umgang damit gehörig aufzupeppen.

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