VACANZE PER UN MASSACRO ist eine ungewöhnliche Mixtur aus Thriller, Beziehungsdrama und Softporno. Es wird kaum verwundern, dass ein solch merkwürdiger Film nur in Italien auf dem Zenit seines B-Movie-Kinos entstehen konnte.
Eine erste Hürde hat Joe schon mal genommen, um sich einen glücklichen Lebensabend zu sichern: er hat sich erfolgreich aus dem Gefängnis befreit, in das man ihn wegen eines schweren Banküberfalls vor Jahren steckte. Nun fehlen ihm zu seiner vollsten Zufriedenheit nur noch zwei Dinge: einerseits die Beute, die er vor seiner Inhaftierung versteckt hat, und zweitens die Flucht ins Ausland, wo er die Lire dann in Freiheit genießen möchte. Vergraben hat er seinen Schatz einst in einer einsamen Berghütte, zu der er sich auf den Weg macht, nachdem er zwei Herren erst ihres Lebens und dann ihres Fahrzeugs entledigt. Leider ist die Hütte inzwischen zum Feriendomizil eines Ehepaars und ihrer Schwester auserkoren worden. Joe kundschaftet zunächst mal Situation und Gelände aus, wartet auf den richtigen Moment, sich zu holen, was ihm gehört. Das ahnungslose Trio setzt sich aus Paola, Sergio und Lilliana zusammen. Letztere hat keine Ahnung, dass ihr Ehemann eine Affäre mit ihrer jüngeren Schwester unterhält, und die beiden jede Gelegenheit nutzen, sie zu hintergehen. Blind vertraut Lilliana Sergio, der wiederum in einer Art Abhängigkeitsverhältnis zu der regelrecht nymphomanen Paola steht. Als am nächsten Tag Lilliana in die Stadt fährt, um Einkäufe zu erledigen, und Sergio sich auf die Vogeljagd begibt, nutzt Joe die Gunst der Stunde und überwältigt Paola in der Hütte. Mit einer Spitzhacke macht er sich am Kamin zu schaffen, unter der seine Beute auf ihn wartet, wird jedoch immer wieder von Paola abgelenkt, sei es nun, weil sie einen Fluchtversuch unternimmt oder weil sie ihn mit ihren Reizen solange aufgeilt bis er sie vergewaltigt. Paolo genießt diesen Akt und in ihrem Kopf setzt sich der Plan fest, dass es keine schlechte Idee wäre, sich von ihrer Schwester und ihrem Liebhaber, die sie beide langweilen, abzusetzen und mit dem Ex-Sträfling und seinen Millionen ein neues Leben zu beginnen. Als Lilliana und Sergio zurückkehren und ebenso von Joe gefangengenommen werden, versucht Paolo alles, um den Kriminellen für sich zu gewinnen. Der jedoch stößt sie ab, scheint mehr an Lilliana interessiert zu sein. Paola und Sergio schmieden nun einen Plan wie sie sowohl Lilliana und Joe loswerden, aber auch die Beute in ihren Besitz bekommen…
Was seinen Thrilleranteil betrifft, versteht sich VACANZE PER UN MASSACRO als eine weitere Variation von Filmen wie LAST HOUSE ON THE LEFT. Hier wie dort geraten einige Personen in die Gewalt eines oder mehrerer Straftäter, die sie als Geisel halten, an ihnen ihre ungezügelte Brutalität ausleben und am Ende dann in einem für den Zuschauer kathartischen Akt von ihren ehemaligen Opfern zu Tode gebracht werden. VACANZE PER UN MASSACRO ist dahingehend innovativ, dass es hier nur einen einzigen Kriminellen gibt und keine ganze Bande. Auch die Zahl der Opfer beläuft sich auf gerade mal drei Personen, was dem Film noch mehr als anderen Genrevertretern den Charakter eines Kammerspiels verleiht. Zudem spielt sich das gesamte Werk, bis auf den Anfang, wenn Joes Flucht geschildert wird, in und um die Berghütte herum ab. Für viel Abwechslung in Location und Protagonisten ist also nicht gesorgt, doch versteht es Fernando di Leo perfekt, den Film trotzdem niemals langweilig oder langatmig geraten zu lassen und in seinen besten Szenen tatsächlich so etwas wie eine klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen.
VACANZE PER UN MASSACRO nimmt sich viel Zeit, um seine Figuren vorzustellen und Spannung aufzubauen. Es dauert etwa bis zur Filmhälfte bis Joe überhaupt mal in die Hütte eindringt und sich erstmal Paola vornimmt. Bis dahin beweist di Leo dem Zuschauer, dass der entflohene Sträfling nicht unbedingt der einzige Antagonist des Films ist. In den meisten Genrevertretern sind die Rollen ja klar verteilt. Auf der einen Seite haben wir ein Arsenal an meist unschuldigen Mädchen, auf der andern Seite verworfene Männer, die ihre Überlegenheit ausnutzen, um sie zu misshandeln und ihre Triebe an ihnen zu befriedigen. Erst gegen Ende findet eine Aufhebung der Grenzen statt, wenn die Opfer zu Tätern werden, doch selbst hier sind die Filme nie anklagend, sondern schildern ihre verständliche Rachebedürfnisse als legitime Art der Vergeltung. In VACANZE PER UN MASSACRO gibt es im Grunde nur eine einzige Person, die sich nichts zu Schulden kommt lässt. Lilliana ist völlig blind, was die sexuellen Eskapaden ihres Mannes mit ihrer Schwester betrifft. Sie vertraut ihm und ihr, und ahnt nicht mal, dass Paola sie eigentlich sterbenslangweilig findet und ihr Mann jede Gelegenheit nutzt, um sie zu betrügen. Sergio ist Paola in gewisser Weise sexuell hörig. Wenn sie es befiehlt, sinkt er auf die Knie und befriedigt sie oral. Paola indes lässt Sergio ihre Macht permanent spüren, treibt ihre Spielchen mit ihm, wenn sie ihm ständig vor Lilliana Anspielungen hinwirft, die nur er versteht oder ihn beim gemeinsamen Abendessen gar unterm Tisch mit ihrem Fuß befummelt. Joe beobachtet in der ersten Filmhälfte nur, seine Augen werden zu denen des Zuschauers. Er hat ein klares Ziel vor Augen: es geht ihm zunächst um die Beute, die er einst unter dem Kamin vergrub. Joe agiert dabei besonnen und kühl, zeigt selten Emotionen, ist jedoch hilflos seinen sexuellen Gelüsten ausgeliefert. Ein nacktes Frauenbein in der richtigen Pose reicht schon aus, um ihn um den Verstand zu bringen, die Suche nach seiner Beute erstmal vergessen zu lassen. Paola nutzt auch hier ihre körperlichen Reize, doch als sie merkt, dass Joe der Sex mit ihr reicht und er nicht im Traum daran denkt, sie mitsamt der Beute ins Ausland mitzunehmen, schmiedet sie einen Komplott mit Sergio, in dem die beiden wissentlich Lilliana opfern wollen, um schließlich Joe zu überwältigen und mit der Beute zu fliehen. Rein von der psychologischen Seite fand ich VACANZE PER UN MASSACRO ziemlich interessant. Fernando di Leo ist es gelungen, aus dem begrenzten Raum und mit den wenigen Figuren so viel herauszuholen wie möglich. Für mich hatte der Film seine besten Momente, wenn Paola sich quasi im Minutentakt neue Verbündete sucht, mit denen sie lebend und mit dem größtmöglichen Gewinn aus der Situation herauszukommen versucht.
Hätte di Leo sich auf diese inneren Konflikte beschränkt, die sich selten in Gewalttätigkeiten entladen (überhaupt ist der Film sicherlich alles andere als ein Fest für diejenigen, die hier Splatter und sexuelle Gewalt im laufenden Wechsel erwarten: das titelgebende Massaker findet zumindest hier nicht statt), und seinen Fokus voll und ganz auf die Psychologie von Täter und Opfern gerichtet, wäre VACANZE PER UN MASSACRO sicher ein Film gewesen, der auch mit seinem MILANO KALIBER 9 hätte mithalten können: kein Meisterwerk, aber einer der besten Vertreter der italienischen Crime-Movie-Welle. Leider rutscht der Film, so kompetent er auch inszeniert sein mag, dann doch immer mal wieder in trashige Gefilde ab, die zwar nie trashig genug sind, um ihn unfreiwillig komisch werden zu lassen, jedoch trashig genug, um den Gesamteindruck zu schmälern. Es wirkt einfach lächerlich, wenn Sergio und Lilliana, kurz nachdem Joe auch sie in seine Gewalt brachte und ihr von der Untreue ihres Gatten berichtete, sich vor dem Lauf seiner geladenen Waffe eine lange und unrealistische Ehestreitszene liefern. Den Vogel vollends schießen allerdings die schier endlosen Sexszenen ab, die scheinbar nur da sind, um die Laufzeit zu strecken. Lorraine De Selle, die Darstellerin der Paola, ist quasi fast den gesamten Film über splitternackt, lässt ihre Hüllen selbst in Szenen fallen, wo sie nur ein Buch liest oder Kaffee zubereitet, und die Kamera saugt sich gierig an ihrem Fleisch fest. Ausgewalzte Kopulationen zwischen ihr und Sergio und später mit Joe lassen den Film streckenweise tatsächlich wirken, als ob die Verantwortlichen darauf abzielten, nicht nur diejenigen, die hier einen Thriller erwarten, sondern auch das Softcorepublikum zu befriedigen. Leider sind die Sexszenen durch die Bank weg relativ unspektakulär, zu keiner Sekunde irgendwie erotisch, und bringen die Handlung nicht im Geringsten voran, ziehen sie eher unnötig in die Länge. Für alle, die ihre Filme am liebsten politisch inkorrekt haben, gibt es dann auch eine Szene, in der Joe Paola vergewaltigt, die sich nur anfänglich wehrt, den Sex dann zu genießen beginnt und ihm später attestiert, er sei einer der besten Liebhaber, die sie jemals hatte.
VACANZE PER UN MASSACRO leidet zudem darunter, dass die Handlung sich innerhalb von ein paar Stunden abwickelt. Es ist Vormittag, als Joe in die Hütte eindringt, und bei Filmende wird es früher Abend sein. Ziemlich unglaubwürdig wirkt in dem Rahmen, dass Joe sich plötzlich in Lilliana verliebt. Überhaupt sind sämtliche Figuren recht sprunghaft, was ihre Gefühle angeht. In der einen Szene scheint Paola noch drauf und dran, ihr restliches Leben mit Joe verbringen zu wollen, kurz darauf tut sie sich schon mit ihrem Lover Sergio zusammen. So interessant ich all diese Entwicklungen finde, so plötzlich wirken sie dadurch, dass sie sich alle innerhalb weniger Stunden vollziehen.
Loben muss ich die Musik, die, ertönt sie nicht on-screen aus Radios, netten instrumentalen Progressive-Rock darstellt, der mich stellenweise an Emerson, Lake & Palmer erinnerte, und ansonsten aus absolut klebrigem Italo-Pop besteht, der nicht nur sämtliche Sexszenen unterlegt, sondern auch die wenigen Gewaltausbrüche, die dadurch härter wirken als sie eigentlich sind, weil die zuckrigen Melodien das perfekte Kontrastprogramm zu ihnen bieten.
Unterm Strich ist VACANZE PER UN MASSACRO ein Film irgendwo zwischen Ernsthaftigkeit und Trash, der sich nie recht zu entscheiden vermag, in welche Richtung er nun tendieren soll.