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Trotz der gedanklichen Abhängigkeit zu den beiden Wilson Yip / Donnie Yen Arbeiten Ip Man und seinem Sequel stellt der früh als Prequel angekündigte The Legend is Born - Ip Man keine reine Imitation von Themen und Formen dar und gelingt der durchaus als Konkurrenz angelegten Produktion eine unerwartete Eigenständigkeit, die sie mitsamt aller anderen Qualitäten nicht verschämt im Schatten verstecken lassen muss. Wurden von den beiden anderen Erzählungen bereits die medialen Tore der Welt, sowohl in der Darstellung als auch der Rezeption geöffnet, so vollzieht sich die Vorgeschichte als Übergangsgestalt, die sich sicherlich auch an dem bereits Gegebenen und den nun schon vertrauten Bildern bedient, aber gleichzeitig seine eigenen Änderungen vollziehen lässt. Gerade auch der vielfach gemachte Vorwurf, sich zugunsten von schierem Martial Arts der eigentlichen Biographiearbeit und den wichtigen Personen um Ip Man herum großteils zu verweigern, kann bei dieser Variante hier nicht mehr gemacht werden; agiert man doch nunmehr unter veränderten Bedingungen.

Sicherlich nicht wissenschaftlich bzw. historisch legitimiert, aber die Kennzeichnen der Eigenschaften der Person Ip Man durch sein Werdegang schlechthin begreifbar machend, wird sich neben den Jahren der Kindheit vor allem um die entscheidenden Schritte im Leben gekümmert. Und stellt der zeitliche Handlungsrahmen ab 1905 mit Sprung zu 1915 und ab dort die Ereignisse deutlicher und langsamer betrachtend besonders den ersten Zusammenstoß einander fremder Schichten dar. Ip Man trifft hier bereits mit dem subjektiven Eintritt in das Imperialistische Zeitalter sowohl auf Briten als auch Japaner, deren Vorhandensein und Verhaltensweisen in den anderen Sichtungen mit die Hauptmotive für die jeweilige Erzählung waren, als auch seine spätere Ehefrau Cheung Wing-shing, deren Kennenlernen viel Raum und somit endlich auch die inhaltliche Bejahung findet. Alles Weitere neben dieser indirekten Vorausdeutung ist die Illustration der Genre-Pflicht, inklusive selbständig-zwangloser Kampfszenen mit der Beschleunigung des Imaginationstempos und einer gewissen familienfreundlichen Kintopp-Mentalität, die altmodische Erinnerungen an die Früh Neunziger Kung Fu Welle bis Tai Chi II [ 1996 ] erweckt:

Von ihrem Vater [ Chen Zhi-hui ] als Heranwachsende in die Schule von Chan Wah-shun [ Sammo Hung ] und Ng Chung-so [ Yuen Biao ] geschickt, erlernen Ip Man [ Dennis To Yue-hong ] und sein leicht älterer Adoptivbruder Ip Tin-chi [ Louis Fan Siu-wong ] schnell Stil und Einheit des wahren Wing Chun. Als Ip Man zehn Jahre später vorübergehend auf das entfernte St. Stephens College zur Ausbildung geschickt wird, ändert sich in mehrfacher Weise das bisher lockere Leben. Nicht nur, dass seine Freundschaft zu Tin-chi und die gemeinsame Kameradin Li Mei-wai [ Rose Chan ] die Trennung und eine mit der Zeit aufkommend problematische Dreiecksbeziehung überstehen muss, auch seine Liebe zu Cheung Wing-shing [ Crystal Huang Yi ], der Tochter des Deputy Mayors Cheung Ho-tin [ Lam Suet ] wird durch die Abwesenheit zusehends brüchig. Hinzu kommt, dass Ip Man daheim in der Fremde vom als abtrünnig angesehenen Leung Bik [ Yip Chun ] viele Erweiterungen seiner Kampfkunst erhält, die ihm bei der Rückkehr als ungehörige Einflussnahme des Erbes seiner Meister angelastet werden. Außerdem wollen die japanischen "Geschäftsleute" um Kitano Yukio [ Kenya Sawada ] und dessen Tochter Kitano Yumi [ Bernice Liu ] nach und nach die Herrschaft über die noch friedliche Gegend erlangen wollen und dazu jede Schandtat recht ist.

Durchaus eine Nummer kleiner angesiedelt, da aufgrund des Wissens um weniger Zugkraft auch mit weniger Budget gesegnet, gelingt dem Team um Regisseur Herman Yau die Anbindung an die Szenerie vor allem mit den einfachen Mitteln von Folklore, Tradition, Nostalgie und scheinbarer Authentizität. Gefühle des Schwelgens in der Vergangenheit werden bereits ab den ersten Minuten evoziert, in Form verzerrt-abgeblasster Dokumentaraufnahmen damaliger Zeit, der Anregung durch die Epoche festhaltenden Standbilder und Fotografien und der bemühten Nachstellung dieser nunmehr mythischen Grundlage. Interessanterweise wird hier die Farbgebung nicht so sehr auf das Braun-Schwarz-Weiß der "Nachfolger" beschränkt, sondern die Umwelt auch in optischer Weise sprichwörtlich zum Leben, da zum Blühen erweckt, wenn auch ein wenig provinziell gefärbt. Weiterhin sorgen besonders anfänglich vielerlei Settingwechsel, manche abstrakt charakterisierende Ausstattungsdetails [ Grammophon, Dampflok, ein frühes Filmtheater ] und anderweitige Chronikpassagen für eine Form von angenehmer architektonischer Szenenlokalisierung.

Zudem wird sich materiell natürlich, wenn auch mittlerweile wie aus dem Zwang heraus wirkend, mit der als Wertethik bekannte Lehre vom Wing Chun, seiner Lebensphilosophie und der Weltanschauung an sich beschäftigt, ohne dass dort entscheidende Apologetik stattfindet. Gleichfalls ideologisches Widerspiegeln erfahren die Japaner auf ihre Weise; sind ihre bevorzugten Waffen doch weiterhin Heimtücke, Korruption, und die gespaltene Zunge und werden ihre Taten in wachsender Mystifizierung bereits im albtraumähnlich aussaugerischen Irrationalismus angekündigt. Eine Nation verfaulender Gesellschaft, typischerweise geschmäht und besudelt und wie der Nosferatu um die Ecke schleichend.

Leider macht das schon vorhandene Bemühen um eine klassische Dramenkomposition in Form von Aufstieg, drohendem Fall und dem letztlichen Gewinn sowie die Zeit- und Ortssprünge und gerade die Vielfalt im Gegensatz zur sonstig einsträngigen Handlung auch einen gewissen Nachteil bemerkbar. Zwar wird der Plot schließlich doch und dann auch im mehrfachen Showdown verdichtet, erscheint die vorhergehende episodenhafte Reihung jedoch wie aus verschiedenen Fassungen und eher bastardhaft gestückelt. Auch durch die erwartungsgemäße Konvention der Inszenierung lässt sich der Eindruck einer auf das Wichtigste gekürzten Serie und so einer eher lockeren Kette von Karriere nicht gänzlich erwehren.

Lässt man mittig auch ein wenig die Übergänge hängen und agiert man sich dort eher in der poetischen Produktion, verzichtet man doch nicht gänzlich auf die fortschrittlich eingefangenen Bewegungsformen des Wing Chun. Obwohl als Regisseur vollkommen fremd mit der Materie, hat Herman Yau als director of photography zuletzt die Actionszenen von Dennis Laws Fatal Contact, Fatal Move und Bad Blood eingefangen, wobei dieses Vorwissen hier zusammen mit der Choreographie durch Tony Leung Siu-hung und dessen Assistenten Dang Taai-woh, Kam Loi-kwan und Lau Chi-ming für zuweilen erstaunliche Flexibilität in auch angenehm längeren Einstellungen sorgt. Pralle Lebenslust erwecken die modernerweise recht flinken Abfolgen von gegenseitigen Schlagabtäusche, eine entrückte Ästhetik von blind vertrauender Körperbeherrschung, die besonders in je neu ansetzenden Einzelabfolgen von hand-to-hand combat und später auch vermehrter Beinarbeit gefeiert wird.

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