Zu Beginn ein warnender Hinweis für Pro-und-Contra-Fetischisten: Die folgende Review wird ein Loblied werden auf A Matter of Life and Death und seine Macher Michael Powell und Emeric Pressburger, die zwischen 1942 und 1957 eine Reihe von Meisterwerken nicht nur des britischen Films schufen, die ihresgleichen sucht. A Matter of Life and Death darf dabei getrost neben Black Narcissus als Anwärter auf den Titel "ihr Bester" gelten.
Zum wiederholten Male stammt der Protagonist aus dem britischen Militär, doch anders als in The Life and Death of Colonel Blimp, spielt der Krieg nicht die Hauptrolle, auch wenn er einen entscheidenden Einfluss auf die Handlung besitzt: Bomberpilot Peter Carter (David Niven, der hier sein "britischer als alle Briten zusammen"-Image zementiert und zelebriert) nutzt die verbleibenden Minuten bevor sein getroffenes Flugzeug abstürzt, um über Funk mit dem Kontrollzentrum Kontakt aufzunehmen. Die Amerikanerin June (Kim Hunter) hört seine letzten Worte. Ohne Fallschirm springt Carter dann in den sicheren Tod, doch wie durch ein Wunder wird er lebendig an die Küste gespült und trifft June wieder. Im Himmel bemerkt man den Fehler und schickt den verantwortlichen Conductor 71 (Marius Goring) zurück auf die Erde, um Peter einzusammeln. Doch Peter, der sich in June verliebt hat, sieht nicht ein, warum er das soeben gewonnene Glück aufgeben soll.
Schaut man sich A Matter of Life and Death an, so wird der Schock nachvollziehbar, der 16 Jahre später Powell's Peeping Tom für Kritiker und Publikum gewesen sein muss. Die Ballade vom Serienmörder Mark, die oberflächlich gesehen nichts mit den märchenhaften Filmen der Archers (so hieß die Produktionsfirma von Powell und Pressburger) gemein hatte, beendete bekanntlich Powells Karriere. Doch bei näherer Betrachtung wird eine Parallele zwischen den beiden so unterschiedlichen Filmen auffällig: die filmische Selbstreferenzialität, d.h. die Behandlung der Natur des Films im Film. In Peeping Tom widmete sich Powell der Zuschauererfahrung im Kino, indem er Mark seine Morde filmen ließ und der Zuschauer gezwungen wurde, sie aus Sicht des Mörders mit anzusehen. In A Matter of Life and Death ist der Verweis wesentlich unauffälliger: Hier gibt es das Motiv der Camera obscura von Junes Freund Dr. Reeves (Roger Livesey), mit der er das Dorfleben heimlich beobachtet, welches wiederum Ähnlichkeiten mit der Darstellung des Himmels und seiner Allwissenheit aufweist.
P&P widersetzen sich glücklicherweise jeglicher christlicher Symbolik und gestalten ein schwarz-weißes Jenseits, - ein Konzept, welches Wenders später in Der Himmel über Berlin variieren wird - das in seiner technokratischen Optik auch aus einem Science Fiction-Film stammen könnte. Der von Bürokratie geprägte Himmel ist keineswegs ein kitschiges Paradies. Nicht umsonst lässt Pressburger Goring einmal sagen: "One is starved for Technicolor up there". Das Diesseits, von Jack Cardiff in prächtigen Farben inszeniert, erscheint wesentlich erstrebenswerter. Der Übergang zwischen beiden Ebenen ist eindrucksvoll inszeniert, das fängt bei den Farbübergängen und dem Stillstand der Welt an, wenn Conductor 71 sich mit Peter trifft und hört bei der berühmten Treppe auf, die Himmel und Erde verbindet.
Die Fantasie, die sich bereits in einzelnen Sequenzen in The Life and Death of Colonel Blimp angedeutet hatte, nimmt hier den ganzen Film ein und bringt in Verbindung mit der traumartigen Atmosphäre Szenen hervor, die der Kinoliebhaber so schnell nicht vergisst. Da ist zum einen einer der radikalsten Point of View-Shots überhaupt, wenn die Kamera nämlich noch hinter den Augenlidern "positioniert" ist, sowie das Pingpong-Spiel, welches gefriert, als sich der himmlische Botschafter mit Peter trifft und natürlich die gigantische Gerichtsverhandlung um Peters Schicksal im Jenseits, mit einem amerikanischen Britenhasser als Staatsanwalt (Raymond Massey, der psychopathische Jonathan aus Arsenic and Old Lace). An dieser Stelle nimmt der Film eine unerwartete Wende und wird zum unterhaltsamen Diskurs um angloamerikanische Beziehungen in der postkolonialen Zeit. Pressburger schrieb eben nicht nur reine Liebes- oder Fantasyfilme, immer lassen sich mehrere Bedeutungsebenen finden, meist nimmt das Drehbuch einen unvorhergesehenen Lauf durch die Erweiterung um ein neues Thema.
Vor Alfred Junges wiedereinmal perfekten Kulissen bilden David Niven und Kim Hunter ein erstaunlich selbstverständliches Liebespaar jenseits Hollywood'scher Melodramatik. Sie werden unterstützt von Roger Livesey als Neurologe, der Peters "Halluzinationen" auf den Grund gehen will und dem fabelhaft barocken Marius Goring als geköpften französischen Himmelsbotschafter. Wer genau hinsieht mag den jungen Richard Attenborough als englischen Piloten im Himmel erkennen.
Man kann den Film als Plädoyer für eine enge amerikanisch-britische Zusammenarbeit in der Nachkriegszeit lesen, als ein Hohelied auf die Parallelwelt, die das Kino zu schaffen imstande ist oder als ein filmisches Gedicht unverbesserlicher Romantiker über die Liebe als die Fähigkeit, die den Menschen erst zu dem macht, was er ist. A Matter of Life and Death auf eine Aussage festzulegen wäre eine Beleidigung der Intelligenz der Macher.
Der Film verbindet das gekonnte Drehbuch, welches Black Narcissus auszeichnen würde, mit der magischen Wärme von The Red Shoes im Rahmen der für Powell und Pressburger typischen technischen Innovationsfreude. Wenn auch die Entscheidung, bei welchem Film es sich um den Besten der Archers handelt, eine Debatte wert ist, so kann man doch ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass es sich bei A Matter of Life and Death um einen der besten britischen Filme aller Zeiten handelt. Allein dieses Argument sollte ausreichen, um den ein oder anderen Cineasten auf das Werk der beiden Herren aufmerksam zu machen.