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„Eins, zwei, Freddy kommt vorbei...“ - ...füllt die Kassen und verzückt die Zuschauer.

Zusammen mit seinem Kollegen Andrew Kasch drehte US-Dokumentarfilmer Daniel Farrands nach „His Name Was Jason: 30 Years of Friday the 13th” im Jahre 2011 mit „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy” die ultimative Dokumentation zur „Nightmare on Elm Street”-Filmreihe um Pizzafresse und Traummann Freddy Krueger. 1984 von Wes Craven erdacht und von New Line Cinema produziert, hievte die Reihe den Slasherfilm auf ein neues Level und etablierte mit Freddy Krueger eine neue Horrorikone, die in vielerlei Hinsicht Einzug in die Pop-Kultur hielt und seit jeher (nicht nur) die Horrorfilmwelt bereichert.

Spulte man für die „Freitag der 13.“-Dokumentation noch schnell einen Film nach dem anderen ab, nimmt man sich diesmal satte vier Stunden Zeit, um auch wirklich jedem Film, jeder Fortsetzung und sogar Spin-Offs wie der TV-Serie gerecht werden zu können. Man geht streng chronologisch vor und zunächst auf die Geschichte New Line Cinemas als Vertriebs- und Produktionsfirma ein. Man erfährt vom gruseligen realen Hintergrund des Stoffs und wie ausgerechnet Robert Englund zum metaphysischen Schlitzer Freddy Krueger wurde, nachdem man bei New Line Cinema auf volles Risiko setzte und den Film schließlich finanzierte.

So wird deutlich, wie Englund letztlich den Charakter erschuf, wie viel er selbst durch die Wandlung, die er erfuhr, sobald er fertiggeschminkt aus der Maske kam, einbrachte. Die sich um Selbstjustiz drehenden Fragen, die der Subtext der Filme weit subtiler als Cravens berüchtigter Rape’n’Revenge-Movie „The Last House on the Left“ aufwirft, finden Erwähnung, doch zu einer „intellektuellen Auseinandersetzung“ wird „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy“ nie und die Interpretation und Abstrahierung der einzelnen Handlungen bleibt weiterhin dem Zuschauer überlassen. Stattdessen plaudert eine unfassbare Anzahl an den Filmen Beteiligter, vom Produzenten über die verschiedenen Regisseure und Drehbuchautoren (eine stattliche Anzahl, die verschiedenste Handschriften und Einflüsse mitbrachten) über die Schauspieler bis hin zu Spezialeffektkünstlern, frei von der Leber weg von den Dreharbeiten und eine Anekdote ebenso nach der anderen aus wie zahlreiches informatives Insider-Wissen. Dabei wird wirklich jeder Film der Reihe ausführlich inkl. Ausschnitten, Videotestaufnahmen und Behind-the-scenes-Material beleuchtet, wird auch Selbstkritik laut, wird angenehmerweise unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen Platz eingeräumt. Der Humor kommt dabei nicht zu kurz; mein persönlicher Höhepunkt ist die Auseinandersetzung mit der ersten Fortsetzung, die gemeinhin als „der schwulste Horrorfilm überhaupt“ gilt – und niemandem fiel es während der Dreharbeiten auf! Sehr interessant ist aber auch, wie man diesen umstrittenen Teil im Nachhinein einordnet und bewertet.

Während ein „Nightmare“-Teil nach dem anderen auf dem Seziertisch landet, wird besonders ausführlich auf die Spezialeffektspektakel eingegangen – die meines Erachtens großen Stärken der Filmreihe. 80 Effektsequenzen in 90 Minuten, gedreht an nur 26 Tagen, sprechen eine deutliche Sprache. Wie die gesamte Filmreihe ein Fest für jeden Freund plastischer, handgearbeiteter Spezialeffekte ist, so ist der in dieser Dokumentation gebotene Blick hinter die Kulissen, für die die Künstler persönlich zur Verfügung standen, ein wunderbarer Einblick in den unglaublichen Aufwand, der betrieben wurde – und das unter oftmals schwierigen Drehbedingungen, wie beispielsweise beim viel umjubelten Teil 3. In diesem Zusammenhang erhält man Einblicke in das Filmgeschäft im Allgemeinen und das einer stetig wachsenden Independent-Produktionsfirma im Speziellen. Manch Fortsetzung wurde ziemlich hastig heruntergekurbelt und doch bewegte man sich stets oberhalb eines ordentlich Qualitätsstandards. „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy” weckt Verständnis für die Schwierigkeiten, denen solche Independent-Filme ausgesetzt sind, schärft den Blick für Details bei der Entstehung selbiger und überrascht zumindest diejenigen, die sich zuvor nicht tiefgehender mit der Thematik auseinandergesetzt haben, damit, wie man letztlich dank engagierter, professioneller Teams, viel Herzblut und dem richtigen Kalkül gleich mehrere Kassenrekorde brach.

Die Bereiche Merchandise, der zum wahren Overkill heranwucherte, und Zeitgeist, von dem man geprägt war, den man aber gleichzeitig mitprägte, werden ebenfalls behandelt; selbst die Rockgruppe Dokken, die seinerzeit das Titelstücke zu Teil 3, „Dream Warriors“, komponierte und damit voll im Trend lag, kommt zu Wort und gibt augenzwinkernd zu, dass der Song eigentlich viel zu hoch gesungen wurde. Generell findet sich insbesondere in Bezug auf Genreklischees und Selbstironie viel Humor in „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy” und nahezu alle Beteiligten, ob nun Wes Craven, Robert Englund, Heather Langenkamp oder John Saxon, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, wirken wie sympathische Überzeugungstäter. Leider fehlen Johnny Depp, dem „A Nightmare on Elm Street“ den Start seiner Filmkarriere ermöglichte, und Patricia Arquette, die in Teil 3 glänzte. Größter Wermutstropfen der Dokumentation ist jedoch, dass die Fans beinahe komplett außen vor bleiben. Gerade Horrorfans zählen zu den treusten und im positiven Sinne „nerdigsten“ und hätten mit Sicherheit viel zu diesem Film beitragen können. Andererseits hätte dies natürlich auch die Laufzeit noch weiter ausgedehnt und wurde vermutlich aus genau diesem Grund weggelassen. Dennoch wären ein paar kurze, aber anschauliche Einblicke in Fan-Conventions etc. schön gewesen – immerhin bekommt man aber das eine oder andere gelungene Fan-Tattoo zu sehen. In dieser Hinsicht jedoch hat die „Halloween“-Dokumentation „Halloween: 25 Years of Terror“ die Nase vorn.

Alles in allem ist „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy” ein äußerst lohnenswerter Film sowohl für Fans der Reihe als auch für Skeptiker, die einmal erfahren wollen, was es mit diesem Freddy-Kult eigentlich auf sich hat. Aber auch all diejenigen, die sich zwischen beiden Polen einordnen, werden auf ihre Kosten kommen und überraschend kurzweilige vier Stunden voll geballter Genrefilm-Geschichte verleben, die übrigens – als Tüpfelchem auf dem I – von stilvoll animierten Intro- und Zwischensequenzen unterteilt werden. „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy” war ein hehres Unterfangen, das sehr gut gelang; glücklicherweise in seiner Ausführlichkeit absolut untauglich, zum bloßen Bonusmaterial degradiert zu werden.

P.S.: Der Gruselkrimi „Das Biest“ („The Bat“) mit Vincent Price von Crane Wilbur aus dem Jahre 1959 wurde als Inspirationsquelle leider unterschlagen. Soviel Zeit wäre doch sicherlich noch drin gewesen...

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