Review

Staffel 1

Staffel 1
War die ultrarealistische Polizeiserie „The Wire“ noch eine gesellschaftsschichtübergreifende Baltimore-Studie, widmet sich deren Schöpfer David Simon in seinem Nachfolgeprojekt sowohl einer anderen Region, als er auch einen anderen Umfang seines Betrachtungsgegenstands wählt. „Treme“ befasst sich mit verschiedenen Gruppen von Musikern aus dem New-Orleans-Stadtteil Treme und beleuchtet das dortige, vom Wiederaufbau geprägte Leben nach dem Hurrikan Katrina.

Wieder meidet Simon dramaturgische Kniffe und ist stattdessen innerhalb des von ihm gewählten Kosmos an einem umfassenden Soziogramm interessiert, was ihn erneut zu einem konkurrenzlos authentischen, fast völlig klischeefreien Konzept führt. Die Handlung scheint wie aus dem Alltag gegriffen, was umso mehr auffällt, als dass nicht einmal mehr etwa Drogenschmuggel oder Abhöraktionen thematisiert werden, sondern, schlicht und bescheiden, die Vorbereitungen von Gigs, das Nachtleben oder allenfalls kleinere Konflikte mit der Polizei.

Für „Treme“ konnten wieder einige „The Wire“-Stars gewonnen werden, etwa Clarke Peters, Steve Earle oder Wendell Pierce, die völlig andere Rollen spielen; insbesondere Letzterer hinterlässt als Posauner viel Eindruck. Hinzu gesellt sich ein Kaliber wie John Goodman, der als fluchender Schriftsteller alle Markenzeichen aufgreift, die ihn groß gemacht haben, und ein überragender Steve Zahn, der wohl die Hauptrolle hätte, gäbe es so etwas bei David Simon. Unbekanntere Nebendarsteller wie Lucia Micarelli und Michiel Huisman, die ein Straßenmusikerpärchen spielen, veredeln den Cast ebenso wie ein riesiges Aufgebot an Gastmusikern.

Überhaupt ist „Treme“ für Jazzfreunde eine Oase, denn abgesehen vom intensiven New-Orleans-Flair bietet jede der meist einstündigen Episoden (nur die erste und letzte ist mit jeweils rund 80 Minuten etwas länger) ausschweifende Gigs mit großartiger Musik – was im Umkehrschluss natürlich bedeutet, dass man Jazz schon mögen sollte, wenn man sich für diese Serie interessiert.

Was nach einer Staffel eine höhere Wertung kostet, sind zu einseitige, zu verklärte Reaktionen auf die zweifellos schwierigen Lebensumstände. Die Liebe zu New Orleans ist stark, das wird in jeder Szene und vor allem von jedem einzelnen Charakter, ja von der gesamten Bevölkerung Tremes bei jeder Gelegenheit ausgedrückt. Ob Goodman nun angesichts der US-Politik im Umgang mit der Katrina-Katastrophe bei Youtube mit Schimpfwörtern um sich wirft, ob die Oberflächlichkeit des Südstaatentourismus betont wird, ob das "Mardi Gras" den gesamten Stadtteil zum Feiern mobilisiert und keinerlei Ausnahmen zeigt – im Resultat wird niemals auch nur der geringste Zweifel offengelegt, dass die Liebe zu New Orleans bedingungslos ist.

„Treme“ ist letztlich ein Pamphlet für die Kunst und die Herausbildung einer eigenen Identität, insofern widmet sich Simon also wichtigen, seltenen und erhaltenswerten Themen. Allerdings hätte man gut daran getan, den Blick auf das Musikerviertel etwas kritischer und distanzierter zu betrachten; so bleibt trotz der herausragenden Grundqualität auf allen Ebenen ein schaler Nachgeschmack.
(6/10)

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