Mit „Bergblut“ ist dem Nachwuchsregisseur Philipp J. Pamer (*1985) ein kleines Wunder gelungen. Der Abschlussfilm des erst 25-jährigen Studenten an der Hochschule für Fernsehen und Film München ist alles andere als ein normaler Studentenfilm. Mit großem Aufwand, Kraftvollen Bildern und einer eindringlichen und authentischen Geschichte über eine Bergbauernfamilie liefert der Film unterhaltsam umgesetztes Kino in einer besonderen Kulisse.
Der Film beginnt im Februar 1809, wo sich die junge Augsburger Arzttochter Katharina (Inga Birkenfeld) vom Schutz der elterlichen Familie trennt und ihrem Tiroler Ehemann Franz (Wolfgang Menardi) in dessen Heimat Tirol folgt. Dort fällt es der bayerischen Stadtfrau erst sehr schwer, besetzen doch gerade Bayern und Frankreich das damals österreichische Kronland Tirol. Doch schon bald muss Katharina ihren Stolz ablegen und sich die Finger schmutzig machen: Während ihr Mann in den Krieg zieht, gilt es den Hof zu bewirtschaften und die Rückkehrer zu versorgen. Katharina steht dabei zwischen Identitätssuche und menschlichem Empfinden auf einer Reise durch historische Überschneidungen mit der Geschichte Tirols im Jahr 1809.
Im Alter von 21 Jahren kam Philipp J. Pamer auf die Idee für den Film, als er mit seinem Bruder auf einer Bank einer Südtiroler Alm saß. Der Ansatz ist gut gewählt: Ein historisches Landesereignis seiner Heimat wird durch die Augen einer bayerischen Arzttochter erzählt (wichtig, da die Bayern ja Tirol besetzten und somit einen schweren Stand in der Bevölkerung hatten). Das Drehbuch ist in der ersten Hälfte eher klassisch gestrickt, wenngleich es über genügend Einfallsreichtum verfügt. Die feine Verstrickung von tiroler Eigenarten wie dem dortigen Dialekt erzeugen eine Art historischen Culure-Clash zwischen Tirol und Bayern. Das Buch nutzt dann die Stärken der Liebesbeziehung zwischen Katharina und Franz. Sie: ein ungewohnter Fremdkörper auf dem Bergbauernhof eines fremden Landes; er: ein Mann zwischen Identitätssuche und dem Kollektivgeist der damaligen Zeit.
Die Verstrickung am Ende mit dem Erzählstrang, welcher die historischen Geschehnisse in Tirol bisher nur als Überschneidung mit den Hauptfiguren erzählt hat, wirkt etwas unvermittelt, weiß aber zumindest zu überraschen.
Ein besonderer Aspekt stellt die Sprachebene im Film dar. Sie unterstreicht wunderbar die Schwierigkeiten mit denen Katharina zu kämpfen hat. Das raue Bauernleben, eingefangen in stimmungsvollen, kräftigen Bildern, macht ihr genauso schwer zu kämpfen, wie die politischen Umstände des instabilen Landes, das den aussichtslosen Kampf gegen Napoleon wagt. Mit großer Sorgfalt bereichern die Schauspieler rund um die Hauptdarstellerin den Film mit der alten Tyroler Sprache, die etwas sehr raues, um nicht zu sagen bergiges in sich hat.
Die verschiedenen Sichtweisen der Söhne der Bergbauernfamilie bewahren den Film vor all zu einseitigen Attacken auf Katharina und liefern Energie und Spielfläche für viele interessante Szenen. Hierbei vermischt der Film sehr gut die schönen Erlebnisse einer eigentlich heilen kleinen Bergwelt mit den rauen Konsequenzen kriegerischer Auseinandersetzungen. Ein weiterer Fokus wird auf die Sichtweise der Frauen gelegt, die mitunter die stärksten Figuren im Film sind. Hier haben wohl auch die Schauspieler das ihre dazu beigetragen: eine herrlich trotzige Inga Birkenfeld und eine giftig-gute Verena Plangger. Gerade der Charakter der Elisabeth ist, mit einer liebevollen Backstory einer
wunderbaren Szene verknüpft, sehr gut gelungen: Sie ist eine der vielen
Figuren, die eine Wandlung im Film durchmachen. Krieg hat eben viele Gesichter.
Bergblut fühlt sich nicht wie ein Abschlussfilm einer Filmhochschule an. Vielleicht liegt das gerade daran, dass der Film vom Einzelnen auf das Ganze sieht. Ein guter Ansatz, der die Stärken des jungen Teams in den Vordergrund stellt und über einzelne Schwächen hinweghilft. Hier ist neben der Musik auch die Sprache zu nennen, die um einigen Pathos nicht herumkommt. Er überzeugt aber trotz einer stattlichen Länge von 120 Minuten, da er nie langweilig wird und mehrere Ebenen öffnet. Man darf gespannt sein, was Philipp J. Pamer in Zukunft noch drehen wird.