Sieht man sich die Spielfilmlandschaft der letzten Jahre an, scheint die Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus eine rein amerikanische Angelegenheit zu sein. Zahlreiche Hollywood-Produktionen neueren Datums befassen sich mit den Auswirkungen vor allem des islamistisch motivierten Terrorismus auf die außen- wie innenpolitischen Strukturen der USA sowie deren Umgang mit dieser im wahrsten Wortsinn explosiven Konfliktsituation. Mit dem französischen Polit-Thriller Secret Defense bekommt man nun auch einmal eine andere Sicht auf diese brisante Gemengelage geboten.
In einer Parallelmontage erzählt der Film die Rekrutierung zweier junger Franzosen für die jeweiligen Konfliktparteien. Die Arabistik-Studentin Diane (Vahina Giocante) wird vom französischen Geheimdienst für einen möglichen Undercovereinsatz im Nahen Osten ausgebildet. Bei ihrer Anwerbung geht der zuständige Agent Alex (Gérard Lanvin) wenig zimperlich vor und setzt ihren Nebenjob als Edelprostituierte als Druckmittel ein.
Pierre (Nicolas Duvanchelle) ist ein Kleinkrimineller, der nach einem missglückten Drogendeal im Knast landet. Dort freundet er sich mit arabischen Leidensgenossen an, die ihm neben Schutz vor anderen Insassen auch neuen Halt durch den Islam bieten. Langsam überzeugen sie ihn von der Notwendigkeit des Heiligen Krieges, so dass sich Pierre nach seiner Entlassung in Afghanistan zum Selbstmordattentäter ausbilden lässt.
Unterdessen plant Al-Qaida-Führer Al Bahrad (Simon Abkarian) einen Giftgasanschlag in Frankreich. Der zum Islam konvertierte Pierre spielt dabei in seinen Planungen eine zentrale Rolle. Als die französische Abwehr von Bahrads Vorhaben erfährt, schlägt Dianes Stunde. Sie soll den Womanizer und Lebemann umgarnen, um so an wertvolle Informationen zur Verhinderung des Anschlags zu gelangen. Aber der steinreiche Geschäftsmann ist ein ausgebuffter Vollprofi, der schnell die wahre Sachlage durchschaut ...
Secret Defense ist ein fein gespielter und clever geschriebener Beitrag zum wiedererstarkten Politkino. Weniger reißerisch und actionlastig als amerikanische Vergleichswerke wie Operation Kingdom oder Der Mann, der niemals lebte, zeigt der Film auf ebenso überzeugende wie schonungslose und nüchterne Art, wie im Minenfeld des internationalen Terrorismus Menschen auf beiden Seiten eiskalt instrumentalisiert und benutzt werden. Gefühle, Befindlichkeiten und letztlich sogar das Leben der eingesetzten „Fußsoldaten" zählen am Ende gar nichts.
Diane und Pierre werden von ihren jeweiligen Führungsoffizieren wie Schachfiguren hin und hergeschoben und sind jederzeit austausch- bzw. ersetzbar. Sie wird durch eine perfide Mischung aus Lügen und Erpressung für den brandgefährlichen Vaterlandsdienst „motiviert", während bei ihm seine allgemeine Orientierungs- und Perspektivlosigkeit sowie seine akute Notsituation im Gefängnis gnadenlos ausgenutzt werden. Als Diane droht aufzufliegen, lässt Alex sie bewusst in der Nähe Bahrads, um über dessen Schritte bis zuletzt im Bilde zu sein. Und Pierre wird nur so lange zuvorkommend behandelt, so lange er für seine neue Gemeinde von Nutzen ist.
Plakative Schwarz-Weiß-Malerei kann man Regisseur Philippe Haim sicherlich nicht vorwerfen. Auf beiden Seiten agieren die Strippenzieher Alex und Bahrad gleichermaßen menschenverachtend, berechnend und zynisch. Während ersterer einen bis dato völlig unbescholtenen muslimischen Kollegen nur auf einen vagen Verdacht hin brutal foltern lässt, müssen Bahrads Anhänger schon mal herhalten, um die Wirksamkeit des Giftgases auf Menschen zu testen. Der Zweck heiligt die Mittel - und seien sie noch so grausam.
Dass dieser Film noch lange nachwirkt und den Betrachter gleichermaßen bedrückt wie konsterniert zurücklässt, liegt auch an den hervorragenden Darstellern. Vor allem Simon Abkarian als stets den Überblick behaltender und souverän agierender Terrorchef sowie Gérard Lanvin als eiskalter und einsamer Abwehroffizier liefern beeindruckende Vorstellungen. Aber auch die beiden Hauptdarsteller Nicolas Duvanchelle (Pierre) und Vahina Giocante (Diane) überzeugen durch ihr eindringliches Spiel.
Fazit:
Der französische Polit-Thriller Secret Defense ist ein ebenso packender wie verstörender Kommentar zur aktuellen Terrorismus-Problematik. Ohne Polemik oder Parteilichkeit, wirft der Film einen zutiefst pessimistischen und düsteren Blick auf den Krieg mit bzw. gegen Terror. Gefühlskälte, Brutalität und eiskaltes Kalkül bestimmen die Aktionen auf beiden Seiten. Wer in die Fänge der jeweiligen Kombattanten gerät, wird gnadenlos zermalmt. Ob Freund oder Feind spielt dabei oft nur eine untergeordnete Rolle. Definitiv kompromissloser und galliger als die jüngsten Hollywood-Beiträge zum Thema. Sehenswert.