Review
von Leimbacher-Mario
World Wide Web Wut
Hideo Nakata, einst mit dem ersten "Ringu" Ende der 90er Grusel-Vorreiter & eines von Asiens hoffnungsvollsten Talenten. Mittlerweile eher in Vergessenheit geraten. Sein "Chatroom" aus 2010 ist jedoch ein kleiner Geniestreich & mehr als nur ein Konzeptfilm. Meiner Meinung nach hätte der Psychothriller über eine Gruppe labiler & mental angeknackster Jugendlicher in der Welt der Chatrooms, sogar das Zeug dazu gehabt den Japaner wieder auf die Karte zu bringen. Doch anstatt wirklich hohe Wellen zu schlagen, polarisierte er im besten Fall & fiel oft genug durch, ging sogar komplett an allen vorbei, was fast noch schlimmer ist. Das hat der sehr physische & clevere Cyber-Horror nicht verdient. "Chatroom" ist eine emotionale Mischung aus "eXistenz", "Ben X" & "Eiskalte Engel", wie man sie so noch nie gesehen hat & die vor allem bei der Generation Internet eigentlich durchweg ins Mark trifft. Status: es ist kompliziert. Oder kurz: Geheimtipp!
Die dargestellte Cyber-Clique besteht zwar aus ins Extrem gezogenen Stereotypen & sein großes Potenzial nutzt die düstere Studie über eine depressive Generation nicht vollends, trotzdem ließ mich der Film staunen & alles andere als kalt. Allein die physische Darstellung der Chatroom-Welt samt krankhafter Auswüchse & Gefahren, macht den Film zu etwas Besonderem. Eigentlich eine simple Idee, so klar aber selten umgesetzt. Gerade da hätte noch viel mehr in die Breite & Tiefe gebort werden können. Die Szene mit dem pädophilen alten Mann zeigt dies deutlich. Desweiteren nenne ich den Soundtrack mal zurückhaltend eindringlich & die Nachwuchstalente machen ihre Sache stark. Kein Wunder, dass Namen wie Taylor-Johnson, Imogen Poots oder Daniel Kaluuya heiß gehandelt werden & auf dem besten Weg zu großen Stars sind. Hier zeigen sie gleich doppelt ihr Talent/Potential: einmal psychisch sehr angeschlagen in der grauen, echten Welt & einmal etwas selbstbewusster & freier in dem selbst gestalteten Chatroom.
Der Film ist Opfer falscher Werbung, denn Horror oder Grusel ala "The Ring" ist er nicht. Eher ein Charakterdrama 2.0. Das Ende ist ein knackiger, intensiver Schock & die Aussagen zur Verletzlichkeit im Netz, der emotionalen Verwahrlosung einer ganzen Generation & den Gefahren der virtuellen Welt, sind zwar weder neu noch schockierend, jedoch effektiv & sehr nahe an allen jungen Menschen. Etwas extrem verdunkelt & an Spezialfällen verdeutlicht, aber nie zu überhöht oder von der Realität entfernt. Klasse Konzept, strikte Umsetzung, phänomenal gespielt. Dazu ein paar Tabuthemen & keine Angst dorthin zu gehen, wo es weh tut. Zumindest dort vorbeizugehen, denn allzu lang hält sich Nakatas Kammernetzspiel nicht an einer Stelle auf. Zu hart geht man nie in die Tiefe. "Chatroom" ist ein intensives Drama in einem kreativen Gewand, dass man ruhig mal an Schulen oder in der Nähe von halbstarken Internetjunkies zeigen kann. Lehrreich & unterhaltsam.
Fazit: extrem interessanter & besonderer Cyber-Thriller mit einigen vielversprechenden Jungtalenten. Der "Ringu"-Macher liefert ein eindringliches Netz-Psychospielchen über ein paar Härtefälle der Generation X, dass trotz liegen gelassener Möglichkeiten tief im Gedächtnis bleibt. Oberflächlich aber sehenswert & kreativ!