Die Ereignisse in Algerien, auf die "Von Menschen und Göttern" zurück kommt, liegen inzwischen 15 Jahre zurück und damit zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, als Bürgerkriegs ähnliche Auseinandersetzungen zwischen den traditionellen muslimischen Kräften und der Militär - Regierung eines arabischen Landes nur wenig Aufmerksamkeit in der westlichen Welt erregten. Auch das Leben der französischen Mönche, die in friedlicher Koexistenz irgendwo in Algerien auf dem Land in ihrem Zisterzienser - Kloster lebten, war nur von regionalem Interesse. Für die muslimische Dorfgemeinde waren die Katholiken eine Bereicherung, denn sie sorgten für ärztlichen und fürsorglichen Beistand, ohne das die überwiegend alten Männer jemals Einfluss hätten ausüben wollen. Im Gegenteil war an diesem Ort ein natürliches Zusammenleben entstanden, das die üblichen gegenseitigen Vorurteile längst überwunden hatte.
Der Film schildert diesen Zustand zu Beginn nicht als theoretisches Idealbild, sondern als die normalste Sache der Welt. Wenn Menschen viele Jahre an einem Ort zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen, dann haben unterschiedliche Ausbildung, Überzeugungen oder Religionszugehörigkeit keine trennende, sondern eine bereichernde Wirkung – für Jeden. Angesichts der weltweiten Hysterie, die seit dem Anschlag auf das World-Trade-Center 2001 entstanden ist, wirkt diese Weisheit heute ebenso weit entfernt, wie das gesamte Geschehen damals in Algerien.
Trotzdem ist „Von Göttern und Menschen“ von frappierender Aktualität, denn er führt dem Betrachter vor Augen, wie selbstverständlich das Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen funktionieren kann und wie sehr Radikalität und Fanatismus dieses zerstören. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, auch diese Geschichte für die jeweilige Haltung auszuschlachten, denn die schrecklichen Konsequenzen sind bis heute weder aufgearbeitet, noch ist die Schuldfrage eindeutig geklärt. Beides spielt in „Von Göttern und Menschen“ letztlich keine Rolle, denn nicht die Ergebnisse interessieren den Film, sondern der Prozess dahin, ganz individuell betrachtet aus dem Blickwinkel der Mönche.
Dabei macht es sich der Film nicht einfach, indem er die Gottes gläubigen und friedlichen Männer als Opfer betrachtet, die zwischen die Mühlen der Ereignisse geraten, sondern sieht sie in einer eigenständigen Position. Als in der Nähe des Klosters europäische Mitarbeiter eines Straßenbautrupps von den Revolutionären ermordet werden, bekommen die Mönche Besuch von Militärvertretern, die ihnen zum Schutz Soldaten in das Kloster abstellen wollen. Christian (Lambert Wilson), der von den Mönchen gewählte Vorstand des Klosters, lehnt diese Hilfestellung ab, denn er erkennt darin einen Übergriff der algerischen Regierung, deren Kontrolle er sich nicht unterstellen will. Auch auf die Gefahr, möglichen Angriffen schutzlos ausgesetzt zu sein, will sich Christian auf keine Seite stellen. Nur in einer individuellen, unabhängigen Haltung erkennt er die Möglichkeit, weiter an diesem Ort, gemeinsam mit den Bewohnern des Dorfes, leben zu können
Doch seine Position wird nicht von allen Mönchen geteilt, die sehr unterschiedlich auf die Ereignisse reagieren. Die neun Männer werden zu einer Diskussion darüber gezwungen, wie sie reagieren sollen. Ist eine Existenz wie bisher überhaupt noch möglich? – Sollte man sich auf die Seite der Regierung stellen, um deren Schutz zu erhalten, oder wäre es am besten, Algerien zu verlassen und nach Frankreich zurück zu kehren? – Lässt man damit die Bewohner des Dorfes im Stich, die ihre Hilfe benötigen?
Bei diesen Überlegungen nimmt der Film ihre tief religiöse Haltung und ihren unmittelbaren Kontakt zu Gott sehr ernst, zeigt sie ausführlich beim Gebet und ihren Gesängen, und passt sich mit seiner ruhigen, optisch zurückhaltenden Bildsprache ihrem spartanischen Leben an. Aber er betrachtet sie auch als Menschen, die wie jeder Andere von Ängsten und Selbstzweifeln, von egoistischen Vorstellungen oder rationalen Abwägungen geprägt sind. Die Identifikation mit Christian und den anderen Mönchen fällt entsprechend leicht, unabhängig von Geschlecht und religiöser Einstellung, worin sich der Film letztlich erfüllt.
Der von Außen eindringende Fanatismus, unabhängig, ob von religiöser oder weltlicher Seite, zeigt sein Gesicht darin, dass er nicht in der Lage ist, abzuwägen und die eigene Position zu hinterfragen, so wie es die Mönche hier tun. Sein Handeln ist vorbestimmt, seine Meinung darf nicht in Frage gestellt werden und seine Konsequenzen geschehen, unabhängig der individuellen Situation. Die in diesem Geist Handelnden haben sich dieser rigiden Haltung untergeordnet, während die Mönche versuchen, ihren eigenen Weg zu finden. Der Film verschweigt nicht, dass das nicht die beste Überlebensstrategie ist, aber er lässt diese kleine Gruppe von alten Männern, die sich für ein Leben in der Abgeschiedenheit eines Klosters entschieden haben, zu Vorbildern werden – als Menschen (9/10).