Review

Ein Surffilm aus Deutschland, in Deutschland gedreht?
Ganz ehrlich - die Wahrscheinlich war doch sehr gering und das Interesse daran ist fraglich, sofern man nicht aus dem Stand in die Ferne schweift, Hawaii und solche hübschen Orte.
Aber es geht offenbar doch - und wenn es um so eine relativ unbekannte Kuriosität wie das inländische Fluß-Surfen geht, bei dem die Sportler das Wellenreiten an unerwartet geeigneten Stellen üben. So eine Stelle findet man nun wohl ausgerechnet in München, am sogenannten Eisbach, wo zu geeigneten Zeiten eine stete Welle entsteht, was ein paar Hundertschaften Board-Begeisterter dazu veranlaßt, die nur ein paar Meter breite Stelle dauerhaft für ihre Sucht zu okkupieren (und so Einfluß auf die Strömung zu nehmen, daß ständig und nicht nur bei richtigem Wetter das Surfen dort möglich ist).
Für Surfer cum Regisseur Björn Richie Lob ein ausreichender Grund, um fünf Jahre an einer Dokumentation zu drehen, die Leidenschaft und Liebhaberei zugleich ist.

Das Schwierige an solchen Liebhabereien ist, sie einer größeren Anzahl von Menschen (Zuschauern) überhaupt erst einmal schmackhaft oder zumindest relevant genug zu machen, um dafür Interesse zu entwickeln. Meine Wenigkeit selbst hält von der Welt der Kunststoffbretter und Brandungsritter ungefähr genauso viel wie vom Katzenkastrieren und auch wenn in meiner DVD-Sammlung ein Juwel an Film bezüglich dieser Sportart zu finden ist (der sträflich unterschätzte und vollkommen zu Unrecht gefloppte "Big Wednesday/Tag der Entscheidung" von John Milius), würde ich mich freiwillig keine 20 Minuten für diese Sportart interessieren.

So gestaltet sich der Einstieg in Lobs Film dann auch als erwartungsgemäß schwierig - schließlich muß man erstmal einen Ansatzpunkt finden und der sieht nach einem Homevideo einer besoffenen Discoclique aus, die sich durch die Nacht nach Frankreich aufmacht. Wer daraufhin nicht sofort stante pede abschaltet, wird jedoch für seine Geduld entlohnt: Lobs sehr persönlicher und komplett unkommentierter Film (die Interviewten mal ausgenommen) entfaltet nach und nach große Langzeitwirkung, sofern das Sujet auf dem Tisch und die Katze aus dem Sack ist (unkastriert).
Was zunächst noch wie eine zufällige Kuriosität ausschaut, aus der man einen Sechs-Minuten-Bericht bei "Galileo" machen könnte, gewinnt zunehmend an Tiefe, sofern man sich mit den vorgestellten Charakteren, ungefähr ein gutes halbes Dutzend, erst einmal auseinandersetzt und bemüht ist, zu verstehen, was für Leute da der Trieb gepackt hat, nicht anders zu können, als immer und immer wieder zu kommen und an der Stelle zu üben, bis es nicht mehr geht.

Episodisch führt Lob seine Mitstreiter vor, vom normal als Informatiker oder Arzt beschäftigten Mitbürger, der jede freie Minute nutzt, um sein "zweites Leben" dort auszuleben, über den knorrigen Ur-Bayern, der nebenbei Didgeridoos schnitzt und schließlich aufgrund der alles auffressenden Surfintensität nach Sardinien aussteigt; den geborenen und früh weitergezogenen Surfprofi mit leichter Selbstdarstellerneurose, auf allen Weltmeeren zu Hause, den weltreisenden Ami und Fluß-Surf-Expediteur bis zum Macher und Erschaffer der Idee, der auch heute in einer komplett surfbegeisterten Familie aufgeht, sind alle Arten von Typen vertreten, die man sich an so einem Punkt vorstellen kann.

Mit jeder Facette, die man mehr erfährt, gewinnt die schmale Flußstelle an Bedeutung, an Tiefe, an historischer Kraft und an nostalgischer Präsenz, wie eine Heimstatt, zu der man immer wieder gern zurückkehrt. Und Ausflüge sind durchaus enthalten, die Lobs Film zusätzlich aufwerten: sei es das lebensgefährliche Desperadosurfen beim Jahrhunderthochwasser zwischen treibenden Baumstämmen auf der komplett überfluteten Isar samt Polizeieinsatz und Live-dabei-ins-Board-installierter Kamera oder eine besonders tödliche Stelle in den Weiten Kanadas, an der man nur surfen kann, wenn einen ein Boot an die strudelreiche Stelle schleppt - und auch wieder birgt.
Mit geschmackvoller und passender Musikuntermalung, aber nie aufdringlich oder überdramatisch weiß Lob die Spannung und den Nervenkitzel zu steigern und kontert dann immer wieder mit brachial-schönen Zeitlupenaufnahmen der auf der stehenden Eisbachwelle balancierten Heimatfront, gegen die angesurft werden muß (andersrum als im Meer).

Auf einen roten Faden, der auch sofort als solcher erkennbar ist, verzichtet Lob, die Kontinuität erschließt sich dem Betrachter erst, wenn er in die Personen mit eintaucht, wie sie ihr Lebensgefühl und ihren Lebensentwurf vor dem Zuschauer ausbreiten und dabei nicht zuletzt enthüllen, daß sie für ein gewöhnliches Leben eigentlich schon längst verloren sind. Diese Selbstaufgabe besitzt eine Intensität, die abseits der beeindruckenden Bilder mitreißt. Die Blicke der Beteiligten scheinen zumeist in sich gekehrt oder in eine unbekannte Ferne gerichetet, rettungslos Verlorene, die ihre Mitte im Leben gefunden haben, neben Job, Frau, Kindern oder sonstigem privatem Glück.

Das alles ist aber kaum beschreibbar, wen diese Abkapselung nicht anspricht oder wer sich ihr verweigert, wird mit diesem Film leider nichts anfangen können - alle übrigen finden endlich den Beweis, daß für einen Traum Platz in der kleinsten Hütte oder gleich um die Ecke ist, man muß diesen Traum eben nur finden und leben - und sich ggf. in ihm verlieren.
Lob ist ein starker, ungewöhnlicher Film gelungen, der nur in München und nur unter Kundigen fehl am Platz ist, aber thematisch schwierig zu platzieren, auch wenn es überall in Deutschland Surfbegeisterte geben sollte (vor allem auch an der Küste), die vielleicht noch nicht wissen, was im Ländle noch so alles abgeht und möglich ist. Ein interner Blick hinter die Kulissen, der den privaten Geheimtipp mit der ganzen Welt verbindet und nichts anderes will, als das Lebensgefühl irgendwie auf Film zu bannen. Soweit gelungen, jetzt müßte man nur noch jemanden finden, der es allen Surfern bei uns erzählt. (7/10)

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