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Wer „Fargo“ schon kennt, wird mir wohl zustimmen, dass sich der Film ein bisschen so wie Quentin Tarantinos begnadetes Regiedebüt „Reservoir Dogs“ anfühlt. Der eigensinnige, zutiefst schwarzhumorige Stil der Coen-Brüder entdeckt zum ersten Mal das Licht der Welt und kann Kritiker als auch Zuschauer begeistern. Dass, was in „Fargo“ mit Perfektion angedeutet wird, sollten die Coens ein Jahr später in ihrem „Pulp Fiction“ „The Big Lebowski“ revolutionieren und verbessern und sich somit für wohl ewig einen Rang unter den besten Regisseuren aller Zeiten gesichert haben. 

Jerry Lundegard (William H. Macy) ist pleite und befindet sich in einer Krise. Notgedrungen schmiedet er einen einfachen Plan. Um an das Geld, seines vermögenden Schwiegervaters zu gelangen, engagiert er das Killer-Duo Gaear Grinsmud (Peter Stormare) und Carl Showaller (Steve Buscemi), welches seine Frau entführen soll und dann seine Familie erpresst. Doch nicht Jerry sondern sein Schwiegervater soll für die Lösegeldforderung aufkommen. Doch der einfache Plan scheitert – die Killer richten ein Blutbad nach dem nächsten an  und nachdem sie auf einer verschneiten Straße erst einen Polizisten und dann zwei weitere Augenzeugen brutal ermorden, wird die Polizei aufmerksam und die schwangere March Gunderson (Frances McDormand) auf Spurensuche geschickt. Und auch die Killer fühlen sich nicht an Jerrys Plan gebunden und wollen nach gescheiterter Geldübergabe, das Geld für sich behalten. 

Fargo heißt nicht nur der Film, sondern auch die Kleinstadt, in der der Film spielt und gleichzeitig auch die die Heimat der Coen-Brüder ist. Ohne den Zeigefinger zu erheben, ist „Fargo“ auch ein Abbild dieser Gesellschaft, in der jeder für sich selbst sorgt, niemand etwas gesehen, aber dennoch wirkt diese Gesellschaft unkriminell; grotesk wirkt es, dass diese blutige und brutale Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Die vier wichtigen Charaktere sind Teil dieser Gesellschaft; haben sich angepasst und leben mit den Schattenseiten, so auch, nach dem das Killer-Duo ihr erstes Blutbad angerichtet hat, als March mitten in der Nacht aus Bett geklingelt, um ihren Kollegen bei der Tatortuntersuchung behilflich zu sein. Andere Polizisten haben keine Bereitschaft oder müssen anderweitig arbeiten; solch ein Blutbad passt nicht diese ruhige, einfache Gesellschaft. 

Die ländliche, winterliche Atmosphäre bietet dabei die nötige Abwechslung zum blutigen Geschehen. Immer wieder misslingt den beiden, Carl und Gaear etwas, immer wieder müssen unschuldige Passanten oder Polizisten dran glauben; die schwangere March, die eigentlich gar nicht mehr in der körperlichen Verfassung für diese Mörderjagd ist, kommt immer einen Schritt zu spät. Die gemeinsamen Szenen zwischen Carl und Gaear bilden mit die besten und lustigsten des Films, wenn Carl, der immer zu am Reden ist, z.B. versucht den wortkargen Gaear zum Reden zu animieren. Hitzkopf Carl, bei dem man mit der Zeit das Gefühl, reden wäre das Einzige, wozu er in der Lage ist, verschuldet meist die Morde, in dem er sich und seinen Partner, immer wieder in Gefahr bringt.
Es sind die Dialoge, die die kühlen, präzisen Bilder unterlegen und solche Situationen, wenn Carl Gaear eben zum Reden animiert, erst lustig machen. Gewiss, manche Situationen bzw. Dialoge sind unwahrscheinlich, machen aber den besonderen Reiz aus. Insgesamt gesehen ist „Fargo“ sowieso, ähnlich wie Tarantinos Filme, sehr Dialog lastig. 

Einen wichtigen Teil des unverkennbaren Charmes von „Fargo“ tragen auch die erfrischend abwechslungsreichen und originellen Charaktere bei. Da wäre einmal Jerry, der den genauen Widerspruch zur vermögenden Kleinstadt-Gesellschaft darstellt. Erstmal durch seine, immer zu nervöse und naive Art, die auf Dauer unsympathisch macht. Zu guter Letzt ist da noch March, die aufdringliche, schwangere Polizistin, die so den Normalbürger darstellt, die eifrig und erfolgshungrig auf der Suche nach der Wahrheit ist. Sozusagen „The Good, The Bad and The Ugly“, beim dem die Coens erst in den letzten Minuten des Rätsels Lösung preisgeben.
Als wahnsinnig intelligent entlarvt es sich, sich nicht auf eine Hauptperson festzulegen und die Geschichte aus Sicht, einer Person zu erzählen; alle vier Charaktere haben ungefähr gleich viele Szenen, wobei die beiden Killer immer noch die besten Szenen auf ihrer Seite haben.   

Generell lebt „Fargo“ nicht von seiner Handlung, bei der all die Stärken heraus geholt, sondern von seinen Charakteren, die so liebevoll und detailreich sind und den typisch Coen’schen Momenten und Situationen. Zynismus – Skurrilität – Brutalität – Ironie. Dass ist es, was die Coen-Brüder zu dem machten, was sie heute sind – Kultregisseure. „Fargo“ ordnet sich nahtlos in die Riege ihrer Meisterwerke mit ein, „The Big Lebowski“, „Miller’s Crossing“, „No Country for Old Men“ oder eben „Fargo“. 

Obwohl „Fargo“ eigentlich eher eine Art Zustandsbeschreibung ist und weniger eine Geschichte erzählt, hat auch die einfache Handlung seine tollen Momente: Die vielen Dialoge lassen trotzdem zu, dass „Fargo“ spannend ist und auch so seine äußerst fesselnden Momente hat: Höhepunkt des Films ist die Geldübergabe, die nachts auf einem verschneiten und verlassenem Parkplatz stattfinden soll und in einer blutigen Schießerei mit anschließender Flucht endet. Steve Buscemi ist auch hier, wie in eigentlich allen Szenen, über jeden Zweifel erhaben. 

Jede Rolle scheint perfekt besetzt zu sein, da wäre nach dem brillantem Steve Buscemi erstmal Frances McDormand zu nennen, die die Rolle der March wunderbar verkörpert und dafür 1997 zu recht mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Besonders hervorragend macht auch Peter Stormare seine Sache als wortkarger Gaear im Bruce Willis-Look und nicht zu vergessen William H. Macy der den naiven Jerry darstellt. Des Weiteren ist noch zu erwähnen, dass die Coen-Brüder für ihr ideenreiches und originelles Drehbuch mit dem Oscar belohnt wurden. 

Auch wenn „Fargo“ keine Message verfolgt und sich auch mit keinem Problem-Thema auseinander setzt, darf dieses Meisterwerk zu den besten Filmen der 90er gezählt werden. Man hat das Gefühl, die Coen-Brüder nehmen ihren Film manchmal selbst gar nicht wirklich ernst, in schrillsten und lustigsten Momenten und das macht „Fargo“ so einzigartig. Die Coens verweben all ihre Stärken, ihren Charme zu einer spannungsgeladenen Thriller-Komödie der etwas anderen Art. Und das die Regiebrüder viel mehr haben, als ähnliche Stärken wie sie Tarantino hat, sollte schon längst jedem bekannt sein. Kurzum: Ein Meisterwerk! 


(9/10 Punkte)       

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