Mit ihrem Debutfilm "Blood Simple" (1984) zeigten sich die Coen Brüder von einer ihrer besten Seiten und präsentierten dem Publikum eine eigenwillige Inszenierung, die mit "Fargo" dann einen deutlichen Fortschritt erleben sollte. "Fargo" stellte Mitte der 90er sicherlich den Höhepunkt des Coenschen Schaffens dar und blieb es auch für die nächsten Jahre, ehe sich ihr Stil mit "No Country for Old Men" (2007) nochmals konsequent verfeinerte - bishin zur Perfektion.
"Fargo" erzählt (angeblich nach wahren Tatsachen) von einer Kriminalgeschichte, die sich [Achtung: Spoiler!] für fast alle Beteiligten unglücklicher nicht entwickeln könnte: Da ist zunächst Jerry (William H. Macy in typischer Loser-Rolle), ein mit dem Leben unzufriedener Autoverkäufer, der für seinen ungnädigen Schwiegervater arbeitet und auch daheim bei Frau und Kind nicht so recht zur Ruhe kommen kann. Um sein Blatt zum Guten zu wenden, heuert er zwei von einem Mitarbeiter vermittelte Gangster an, die erst seine Frau entführen und dann ein Lösegeld erpressen sollen. Eine deutlich höhere Summe will sich Jerry dann von seinem Schwiegervater aushändigen lassen, um einen Teil an die angeheuerten Entführer zu übergeben und einen großen Teil für sich und seine Zukunftspläne zu behalten.
Die Gangster - Carl (Steve Buscemi), ein schräger Vogel, der den Leuten dadurch im Gedächtnis bleibt, dass er "irgendwie schräg" aussieht, und Gaear, ein schweigsamer, kaltblütiger, tumber Hüne - sind zwar trotz einiger Turbulenzen letztlich in der Lage, Jerrys Frau zu entführen, müssen jedoch auf nächtlicher Landstraße in der Nähe von Brainerd erst einen Cop erschießen, der sie im ungünstigen Augenblick zu kontrollieren gedenkt, und bei der anschließenden Bereinigung des Tatorts noch ein zusätzliches Zeugenpaar, das zufällig vorbeifährt.
Dann ist da noch die hochschwangere Marge (Frances McDormand, die hier als sonniges Gemüt nachhaltigen Eindruck hinterlässt), eine Polizistin, die sich zuhause rührend um ihren zu Selbstzweifeln neigenden Mann kümmert - und die sich beruflich nun mit den drei Leichnamen am Straßenrand konfrontiert sieht.
Letztlich geht so ziemlich alles schief: Jerrys Schwiegervater will das Geld selbst übergeben und sorgt mit seinem Konfrontationskurs dafür, dass Carl ihn erschießt - kann diesem im Gegenzug aber ebenfalls noch in die Wange schießen. Der verwundete Carl nimmt die abgesprochene Summe aus dem Lösegeldkoffer und verbuddelt den Rest im Schnee am Straßenrand, um nicht mit seinem Partner teilen zu müssen. Doch es kommt zwischen beiden zum Streit, als Carl den von Jerry zur Verfügung gestellten Wagen für sich beansprucht (schließlich sei er ja auch angeschossen worden) - und nachdem Gaear bereits die Entführte aus einer Laune heraus erschossen hat, schlägt er nun Carl mit einer Axt nieder. Marge ist derweil Jerry auf die Schliche gekommen, der sich in seiner panischen Reaktion endgültig zum Verdächtigen abstempelt und flieht, und stößt zuguterletzt auf Gaear, der gerade seinen Komplizen im Häcksler zerkleinert. Mit ihm fährt sie schließlich seiner Verurteilung entgegen, während anderswo der flüchtige Jerry von der Polizei überwältigt wird.
Die Welle von Unüberlegtheiten und unglücklichen Zufällen, die letztlich vielen Schuldigen und Unschuldigen Leben oder Freiheit kostet, durchzieht in dieser Unglücksgeschichte den gesamten Film: schon das erste Treffen zwischen Jerry und den Verbrechern wird von einem Missverständnis im Hinblick auf die vereinbarte Uhrzeit und die Bezahlung überschattet. So ziemlich alle beteiligten Figuren treten reichlich in diverse Fettnäpfchen und Fallstricke, nicht selten aufgrund der eigenen Dummheit und Kurzsichtigkeit.
Und auch die Randfiguren, die nicht damit beschäftigt sind, sich unwissend eigene Gruben zu graben, stehen nicht viel besser da: die Zeug(inn)en, die Marge und ihre Kollegen vernehmen müssen, stellen mit ihrer Begriffsstutzigkeit eine wahre Geduldsprobe dar. Auch Marges Kollege, mit dem sie die drei Leichen untersucht, ist nicht unbedingt eine große Leuchte. Und ein ehemaliger Bekannter von Marge, der diese zu einem gemeinsamen Abendessen überredet, bei dem er sich an sie heranmacht und ihr gleichzeitig seine (frei erfundene) Lebensgeschichte offenbart, ist wohl das absonderlichste Kuriosum des Films.
Was den Film mit den meisten Coens eint, ist sicherlich das diabolische Vergnügen, den Protagonisten bei ihrem Abrutschen ins Verderben zusehen zu müssen/können. In „The Man Who Wasn't There" (2001) und „A Serious Man" (2009) tritt dieses Abrutschen als Leitmotiv in aller Deutlichkeit zutage und auch etliche andere ihrer Filme sind von solch tragikomischen Entwicklungen zwischen Schadenfreude und Mitleid erfüllt.
Doch mit den eingangs erwähnten Thrillern „Blood Simple" und „No Country for Old Men" unterscheidet sich „Fargo" dennoch recht entschieden von der Masse ihrer Filme: denn wo ihr restliches Werk zumeist die humoristische Seite hervorkehrt (in den überbordenden vergnüglichen Klamaukstreifen „Arizona Junior" (1987), „Hudsucker" (1994), dem reichlich auf Kultträchtigkeit getrimmten „The Big Lebowski" (1998) und dem misslungenem Remake „Ladykillers" (2004) ebenso überdeutlich, wie auch in den doch eine Spur tragikomischeren und/oder hintergründigeren Filmen „O Brother, Where Art Thou?" (2000), „Intolerable Cruelty" (2003), „Burn After Reading" (2008) und „A Serious Man"), wirkt der wie beiläufig eingestreute Humor in den drei Thrillern doch recht bitter und böse, weshalb das Lachen mitunter im Halse steckenbleibt.
Einzig „Barton Fink" (1991) und vor allem „The Man Who Wasn't There" erreichen noch diesen bitterbösen Beigeschmack, wobei auch letzterer vereinzelt noch auf so überstilisierte wie absurde Gags zurückgreift (etwa in den UFO- und Radkappen-Szenen), die in „Barton Fink" einen noch größeren Spielraum einnehmen - ohne in erster Linie eine Komödie aus dem Film zu machen. Der Gangsterfilm „Miller's Crossing" (1990) und der Western „True Grit" (2010) weisen zwar durchaus noch ironische Untertöne und humoristische Auflockerungen auf, ein durchgängig humoristischer Touch stellt sich aber nicht ein.
In „Fargo" jedoch wird das Humoristische vergleichsweise unauffällig in Szene gesetzt: keine überästhetisierten Sequenzen à la „The Big Lebowski"-Traumsequenzen, keine absurden Richtungswechsel im Handlungsverlauf (wie die vorgetragene UFO-Geschichte in „The Man Who Wasn't There") trennen das Komische vom eigentlichen Geschehen ab, hier bleibt es immer fest verbunden mit Mord, mit Entführung, mit Schlägerei, Erpressung, Unterdrückung - bestenfalls mit den Tücken des Alltags (Missverständnissen, Versagensängsten). Der Witz ist hier durchgängig an allen Schandtaten beteiligt (anders also als bei ironischen Genrefilmen wie „Miller's Crossing" oder „True Grit"): egal, ob Carl nach unglücklich verlaufener Geldübergabe mit blutiger Wange davonfährt, egal ob er von seinem Kollegen erschlagen und dann grotesk im Häcksler zerkleinert wird; egal ob Marge und ihr Kollege bei der Untersuchung dreier Leichen Trivialitäten austauschen, egal ob Jerry in Unterwäsche einen letzten Fluchtversuch unternimmt, aber von der Polizei überwältigt wird; egal ob Jerrys Frau sich bei der Entführung beinahe den Hals beim Sturz von der Treppe bricht, egal ob Jerry von seinem Schwiegervater zur Schnecke gemacht wird - stets schwingt eine Spur von Komik mit, die den Schrecken und die Tragik dabei nie vergessen lässt.
Diesen Drahtseilakt bot schon „Blood Simple", wo ein gehörnter Ehemann Frau und Liebhaber beschatten lässt und beide später umlegen lassen will - dass nicht nur er aus Geld- & Rachsucht ein doppeltes Spiel spielt, lässt aus dem Beziehungsgefüge schnell ein Blutbad entstehen, das letztlich die Frau überlebt ohne zu ahnen, was genau sich eigentlich ereignet hat: der sterbende Killer lacht sich, als er dies erkennt, am Ende des Films quasi zu Tode.
Nicht nur dieser rabenschwarze Humor, der dem Lachen des Publikums teilweise gar etwas abwehrhaftes verleiht, fand sich schon im Debutfilm der Coen-Brüder - es ist auch die geradezu episodenhafte Aufsplitterung der Handlung: in „Blood Simple" wird sie am Ende nochmal gesondert erwähnt, wenn der Killer belustigt feststellt, dass die Frau, die eigentlich sein Opfer werden sollte und die nun stattdessen ihn tödlich verletzt hat, weder wusste, wer ihr eigentlich ans Leder wollte, noch, warum man es wollte. In „Fargo" setzt sich das dann fort: zwar kann Marge die Ereignisse am Ende des Films für sich sinnvoll zusammensetzen - aber zumindest die anderen ins Geschehen verwickelten Figuren bleiben am Ende ohne Gesamtzusammenhang der Dinge, zumindest bleibt auch der von Carl verbuddelte Geldkoffer am Straßenrand vergraben. Der Zuschauer kennt alle Perspektiven und wird in dieser Überlegenheit Zeuge grausamer Missverständnisse - mehr noch: auch dass Augenzeugen unabhängig voneinander Carl als „irgendwie schräg" beschreiben, ist ein Gag, den keine der Figuren als solchen erkennen kann.
„Fargo" geht sogar noch einen Schritt weiter als „Blood Simple", insofern hier eine der „Episoden" neben der Handlung vorbeiläuft - sie kommt aus dem Nichts und führt nirgends hin: es ist das Treffen mit dem Asiaten, nach welchem Marge später durch Zufall erfährt, dass er ihr seine vermeintlich tragische Lebensgeschichte bloß vorgelogen hat. Marges Treffen mit dem psychisch labilen Verehrer bleibt ohne Folgen für die eigentliche Handlung - es verweist allerdings darauf, dass das Geschehen des Films letztlich keine von aller Welt abgekapselte Einheit bildet, sondern dass der letzte große Gesamtzusammenhang auch dem Zuschauer entgehen muss. (Und auch den Filmemachern - egal bei welchem Film und wie lang er auch ist. Der Gesamtzusammenhang von allem kann nur mit gutem Grund angenommen, aber keinesfalls nach-gedacht werden: so bleiben im Film - wie in jedem anderen Kunstwerk - nur abgetrennte Geschichten übrig, die bestenfalls so wie hier gewitzt über sich hinausweisen.)
Mit dieser aufgefächerten, offenen Erzählweise ist „Fargo" eines der Aushängeschilder der US-Kinokultur der 90er Jahre: „Reservoir Dogs" (1992), „Pulp Fiction" (1994) von Tarantino, „Short Cuts" (1993), „Prêt-à-Porter" (1994) von Altman (der schon mit „Nashville" (1975) auf ein solches Konzept setzte), „Smoke" (1995) von Wang, „Happiness" (1998) von Solondz, „Magnolia" (1999) von Anderson, „Traffic" (2000) von Soderbergh sind nur einige Beispiele für die angewachsene Popularität einer Erzählweise, die freilich eine lange Tradition hat: vom „Fluss des Lebens" (Kracauer) im italienischen Neorealismus hat dieses so offene wie verschachtelte Erzählen sicher ebensoviel wie vom multiperspektivischen Klassiker „Citizen Kane" (1942) und seinen Nachfolgern (etwa „Rashomon" (1960), „The Barefoot Contessa" (1954)).
Mit dem Gegenwartswestern „No Country for Old Men" haben die Coens dieses Prinzip dann nochmal etwas verfeinern können: dort werden dem Zuschauer dann entscheidende Szenen komplett vorenthalten; der Ausgang des Ganzen für einige Figuren bleibt mit dem Ende des Films ungewiss, während Kleinigkeiten und Details einen größeren Stellenwert bekommen. Auch der Humor geriet nochmal eine Spur unmerklicher.
„Fargo" ist beklemmend, melancholisch und ungemein witzig, gerade auch in Nebensächlichkeiten noch durch und durch kalkuliert in Szene gesetzt und nicht zuletzt hervorragend gespielt: an vorderster Front agiert in dieser Hinsicht sicherlich Frances McDormand (Joel Coens Gattin), die völlig zurecht mit einem Oscar belohnt worden ist, dicht gefolgt von William H. Macy in einer Paraderolle als ewiger Verlierer. Steve Buscemis Rolle, die nicht zuletzt vom einprägsamen Äußeren des Schauspielers lebt, ist ebenfalls Gold wert.
8,5/10