Als DreamWorks, Fox und vor allem Pixar den Markt des CGI-Animationsfilms erfolgreich beackerten, wollte auch Universal nicht hinten anstehen und schickte „Despicable Me“ ins Rennen.
Hierbei geht es um einen anderen Blick auf das Superheldengenre, ähnlich wie es Pixar schon zuvor („The Incredibles“) und DreamWorks zeitgleich („Megamind“) tat. Wo die Konkurrenz das Verhältnis von Superhelden und Superschurken in den Blick nahm, da ist bei „Despicable Me“ allein der Übelwicht von Belang. In diesem Falle ist es Gru, der mit Freude kleine Fiesligkeiten begeht, sei es das rabiate Fahren und Einparken seines überdimensionierten Superschurkengefährts oder einfach nur das Spiel mit Kinderemotionen – denn Kinder, die sind für Gru ein besonderer Graus.
Das bedeutet natürlich, dass das Drehbuch Gru bald mit Kindern konfrontiert, fürs maximale Konfliktpotential. Denn Grus größere Pläne laufen nicht so erfolgreiche, die jugendliche Konkurrenz schlägt sich besser (Pyramidendiebstahl!) und ein Darlehen von der Schurkenbank kriegt Gru daher nicht mehr. Ein kühner Coup, der Diebstahl des Mondes, soll die Verhältnisse ändern, doch dafür braucht Gru den Schrumpfstrahler, den sein Konkurrent Vector geklaut hat. Da der die Waisenkinder Margo, Edith und Agnes zwecks Keksverkauf auf sein schwerbewachtes Grundstück lässt, adoptiert Gru das Trio kurzerhand, damit es bei seinem Coup hilft…
Dass sich der familienfreundliche Animationsfilm an Erwachsene wie Kinder richtet und dabei auch für letztere verständlich und zugänglich sein soll, das ist okay. Allerdings dürfen die Filme ihrem kleinen Publikum dann gerne auch etwas mehr zutrauen als „Despicable Me“, der im letzten Drittel dem Zuschauer seine Message ebenso moralinsauer wie klebrig-süß in den Schädel hämmert: Freunde und Familien zu haben ist doch viel schöner als böse zu sein und eigentlich will auch der garstige Gru, der eine achso emotionsarme Kindheit hatte, nur geliebt werden. Etwas, das man schnell begriffen hat, die Regisseure aber wieder und wieder betonen müssen, damit es jeder, aber auch wirklich jeder Zuschauer kapiert.
Das ist schade, denn „Despicable Me“ hat durchaus auch seine hintersinnigen Momente. Gerade in den Details sind amüsante Anspielungen, auch für ältere Zuschauer versteckt, etwa die zahlreichen Verweise auf Marotten von den Schurken aus Agenten- und Superheldenfilmen oder ein Player, dessen „Blu-Ray“-Logo durch in „Gru-Ray“ abgewandelt wurde. In seiner Aufarbeitung des Fieslingtums ist „Despicable Me“ dann zwar weniger hintergründig als die Konkurrenz von Pixar und DreamWorks, kann dafür aber auf stellenweise famos getimten Slapstick setzen, etwa wenn Grus Flugzeug um ihn herum schrumpft oder Vector auf jeden Versuch Grus sein Gelände zu stürmen die passende (und für Gru äußerst schmerzhafte) Antwort parat hat. Auch extrem gut sind visuelle Gags wie die Statuen, welche die Säulen in der Bank des Bösen halten und immer mehr zerquetscht werden, je näher Gru der Tür kommt.
Im negativen Sinne frech dagegen ist die Tatsache, wie offensichtlich manche Szene lediglich auf dem (im Kino und 3D-Blu-Ray zu sehenden) 3D-Effekte ausgelegt ist, etwa eine Achterbahnfahrt oder die Minions-halten-Gegenstände-in-die-Kamera-Szenen während des Abspanns – es sind Szenen ohne Mehrwert, gerade wenn man den Film in 2D sieht, die das Tempo herunterziehen, ebenso die Überlänge mancher animierten Actionszene im letzten Filmdrittel, das sowieso allgemein abbaut: Weniger Gags werden geboten, dafür wird es übertrieben moralinsauer und kitschig, womit die anarchischen Ansätze in der Spätphase freudig über Bord kippt.
Das ist schade, denn gerade in Sachen Design und Sprecher kann „Despicable Me“ mit Pfunden wuchern: Steve Carrell spricht Gru, der mit seiner gebückten Haltung, dem osteuropäischen Akzent und der langen Nase Unmengen von Fieslingsklischees verkörpert, so, dass man ihm die Wandlung zur Nettigkeit ebenso wie seine anfänglichen Gemeinheiten abkauft. Jason Segel als Jungschurke Vector (mit herrlich beknackten Ideen wie einer Oktopus-Knarre), Russell Brand als Bastler Dr. Nefario, Kristen Wiig als garstige Heimmutter und Will Arnett als Chef der Bank des Bösen unterstützen als Vollblutkomiker großartig; während die Regisseure Pierre Coffin und Chris Renaud diversen Minions ihre Stimme leihen, jenen gelben, pillenartigen Helferlein, die für Anarchoslapstick in der Art von Scrat aus „Ice Age“ zuständig sind und – befreit von Figurenentwicklung und narrativen Zusammenhängen – zu den heimlichen Hauptattraktion des Films werden. Vielleicht auch deshalb, weil man sie nur dosiert einsetzt.
Vergnüglich ist „Despicable Me“ auf jeden Fall, aber es hätte – gerade im letzten Drittel – weniger moralinsauer und kitschig sein dürfen, wenn die Message mit dem Holzhammer eingetrichtert wird. Da kommt dann die amüsante Verballhornung von Fieslingsklischees und Genres wie dem Agenten- und den Superheldenfilm immer kürzer und auch der gut getimte Slapstick muss immer mehr überlangen Szenen der Animationsaction weichen. Schade um das etwas verschenkte Potential.