Review

Einen Comic, oder wie es inzwischen als edler gilt: eine "graphic novel" auf die Leinwand zu transponieren, ohne daß die Essenz und die Strahlkraft der Vorlage verloren geht, gilt schon als große Kunst für einen Filmemacher, der normalerweise zwischen Fanvorlieben und der Zugänglichkeit für große Besuchermassen abwägen muß.
Der Erfolg der "Scott Pilgrim"-Bücher war mit seiner Mischung aus Nerdtum, Rockmusik, Videospielbezügen, Science-Fiction, romantischer Twen-Love-Story und Superhelden-Comic-Chic geradezu dafür prädestiniert, daß sich ein Liebhaber der Bücher auch daran macht, daraus einen Film zu generieren - allerdings bestand dabei die Gefahr, daß sich eine größere Gesellschaft einfach für einen gut gewachsenen Cash-In die Rechte teuer sichert, um dann die Vorlage zu verwässern. Oder noch schlimmer, den Film jemandem in Unkenntnis des Reizes anzuvertrauen, damit daraus eine ganz neue Vision gezimmert werden würde.

Im Falle von "Scott Pilgrim" hat man es nun mit einem der seltenen Fälle der ersteren Variante zu tun. Mit Edgar Wright, dem Regiekopf hinter dem Komödien-Dreamteam Pegg/Frost ("Shaun of the Dead", "Hot Fuzz"), sicherte sich ein Mann die Rechte, dem es augenscheinlich am wichtigsten war, den gewissen "spirit" der gezeichneten Bilder zu bewahren und das ohne "wenn" und "aber". Wright drehte damit für sich eine Herzensangelegenheit ab, sprach den Comicfans der Welt aus dem Herzen und nahm dabei ein finanzielles Risiko in Kauf, da die Zielgruppe dann doch nicht zu den einspielreichsten Zuschauergruppen gehört.

Doch das finanzielle Scheitern des Films an der US-Kinokasse ("Scott" spielte gerade die Hälfte seines Budgets ein) ändert nichts mehr an den guten Kritiken, die zumindest teilweise verstanden haben, worauf es bei der Produktion ankam - und Wright dürfte Schöpfer Brian Lee O'Malley größtenteils mit der Umsetzung entsprochen haben.

Was den Zuschauer erwartet, entbehrt dann auch sämtlicher Hilfsmittel, visueller oder narrativer Steigbügel oder kreativer Entschuldigungen: Wright bleibt schnurstracks bei der "novel", wenn er sie auch für einen knapp zweistündigen Film deutlich kürzen mußte, um gleichzeitig noch das Problem zu umgehen, daß der letzte Band und damit die Auflösung des Geschehens zur Drehzeit noch gar nicht vorlag oder veröffentlicht war. Während das Finale von Wright also eigenständig entwickelt werden konnte (es ähnelt in Grundzügen und dem Ergebnis O'Malleys sechstem und letztem Band), konzentrierten sich Wright und Co-Autor Michael Bacall auf die Umsetzung der Qualitäten der Vorlage. Das schon erwähnte Stilmischmasch sollte erhalten bleiben, so daß den Zuschauer nun ein über 100minütiger Rausch aus fließenden abstrakten Szenenübergängen, Überleitungen, Schnitten und Comiceinblendungen erwartet, die die "normale" Geschichte unterstreichen, abstrahieren oder ironisieren. Stete Einblendungen erklären anstelle eines Voiceovers die zeitlichen Dimensionen, comichafte Lautsymbole charakterisieren die Herkunft, abgesehen von den aufwändigen Spezialeffekten in den Kampfszenen, die flüssig, abwechslungsreich und extrem bunt sind.

Vom Zuschauer wird dann allerdings auch verlangt, daß er sich selbst mit diesen organischen Hilfestellungen selbst in der Geschichte zurechtfinden kann, was aber eine Menge Aufmerksamkeit verlangt, denn allein die Einführung der Figuren, ihr Aufbau und ihr Verhältnis zueinander wird so rasant und flüssig abgewickelt, daß der ganze Film offenkundig nur für ein jüngeres Publikum zugeschnitten wurde.
Der Kern der Geschichte blieb erhalten, wenn auch das Gerüst ein bißchen gerupft werden mußte (man kann nicht sechs Comicbücher mit weitschweifendem Inhalt in einen Langfilm kondensieren, ohne an Ausschmückung und Hintergründen zu verlieren): Scott, ein sonst eher loserhafter Bassist einer kleinen Rockband verliebt sich in das "etwas andere", aber doch schillernde Mädchen Ramona, muß aber für die Erlangung des reellen Beziehungsstatus ihre sieben ehemaligen Ex-Lover bekämpfen und besiegen. Die Kämpfe mit den ehemaligen Lovern gestalten sich dann wie eine Mischung aus dem wilden Eskapismus Tex Averys und den bekannten Gegenüberstellungen der Opponenten wie in den "Street Fighter"-Computerspielen, angereichert mit absurden Arcadebezügen und SF- und Fantasyversatzstücken, die nie erklärt werden und "Scott Pilgrim" so in bizarre Realität versetzen, in der die uns bekannten Naturgesetze aufgehoben sind (zumindest wenn für die Handlung vonnöten) und auch von niemanden in Frage gestellt oder angezweifelt werden.

Dabei touchiert die Story noch so manch andere Themen wie die Verweigerung des Erwachsenwerdens (es gibt in diesem Film keine richtige "Erwachsenenfigur"), den Umgang mit den Mitmenschen, das Verhalten in Beziehungen und die freundschaftliche Verantwortlichkeit, wobei hier so ziemlich jeder einen allgemeinen oder speziellen Groll mit sich herumträgt, ohne daß das den generellen Fluß der Geschichte wirklich stören würde. Alles, auch das Seltsame oder Unpassende wird als normal genommen und der eigentlichen Liebesgeschichte unterworfen, die wiederum mit verletzten Gefühlen, Schlußmachen, aufkeimender Zuneigung und charakterlichen Schwächen sehr realistisch gezeichnet ist.

Das alles ergibt ein rockiges Fantasiekonglomerat aus vielerlei Pop-Art-Motiven, einen wilden Ritt durch die Zeiten und Genres, bei dem man sich von der Welle tragen lassen muß, um durch die Subgenres, Versatzstücke und audiovisuellen Extras überhaupt noch durchzufinden.
Was unter der Hingabe an den Stil der Bücher leidet, ist die vielseitige und tiefe Struktur der Saga; "Scott Pilgrim" auf Film ist stromlinienförmiger, aber auch eindimensionaler als die Vorlagen, der zentrale Kampf gegen die sieben bösen Ex-Lover steht im Vordergrund, was gerade gegen Ende des Films eine Art optischen Overkill praktisch nahtlos aneinander gefügter Kämpfe nach sich zieht, die einerseits immer wieder überraschende Wendungen tragen, andererseits aber den Spannungsbogen dann doch sehr überlasten, bedenkt man, daß das erste Drittel eine gelungene und feinfühlige Einführung in den Pilgrim-Kosmos bietet und so den besten Teil des Films an den Anfang stellt, als alles noch nicht laut, schrill, bunt und abnehmend übersichtlich ausfiel.

Auch wenn die Tiefe der Figuren unter der Aktionswütigkeit des Geschehens leidet, ist Wrights Werk doch einer der wenigen phantasievollen Filme, die sich sowohl selbst genügen als auch ihrem Schöpfer treu geblieben sind und so den Geist der Vorlage atmen, ohne allzu dick aufgetragene Klischees und ein übermäßig rosiges Happy End, wenn auch die Begradigung der vielen Stolpersteine in Bezug auf die Nebencharaktere etwas nebensächlich vonstatten geht.
Der Spaß an dem Mix, an der Fabulierfreudigkeit und der Dimension einer zutiefst menschlichen Geschichte und all ihrer Stärken, Schwächen und Fehler, all das macht den Reiz dieses Rauschs aus - eine enorme Anhäufung von Szenen, in denen man sich selbst wiedererkennen kann, wenn man sich im Herzen ein wenig von seiner Jugend und der entsprechenden Gefühlslage bewahrt hat. Purer Rock'n Roll! (9/10)

Details
Ähnliche Filme