Es gibt qualitative Belastungsproben für Zuschauer, es gibt geschmackliche und es gibt nervliche. Die schlimmste sind Letztere, bei denen das Gesehene zur schwärenden Wunde wird, zum endlos juckenden Schorf, zum enervierenden Ziehen unter der Schädeldecke. Solche Filme bauen Druck auf, der sich, sofern man Glück hat ("Hostel"), irgendwann entlädt oder dies eben mit satanischer Freude nicht tut ("Martyrs"). "The Loved Ones" ist auch so eine freundliche Belastungsprobe, die den Zähnen auf den Nerv geht: ein kleiner, kurzer, aber außerordentlich fieser australischer Film, der das Prom-Night-Gehabe erfrischend mit der finalen Konstellation von "The Texas Chainsaw Massacre" mischt und dabei diverse Genreversatzstücke durcheinander schmeißt, um dann doch immer noch eine Überraschung draufzusetzen.
Schrill und bösartig an die Grenze des Erträglichen soll es gehen und das kann einen schon mal so mürbe machen, daß man aus dem Sessel aufspringt - wenn das passiert, hat der Regisseur sein Ziel erreicht. Mehr wollte er wohl auch gar nicht.
Inhaltlich umschrieben, wirkt "The Loved Ones" relativ zahm oder zumindest umgibt ihn der Hauch des "Vielgesehenen". Ein vom Unfalltod seines Vaters (er selbst saß am Steuer) traumatisierter Teenager hat kurz vor der dollen "Prom Night" weder die Ausgeglichenheit noch den Durchblick, sowohl die sexuellen Avancen seiner liebevollen Freundin als auch die schüchternen Anmachversuche des häßlichen Entleins der Schule gebührend mitzubekommen. Zumindest im zweiten Falle hätte er es tun sollen, denn die blasse Maus hat nicht nur ein, sondern gleich alle vier Räder ab und lebt mit ihrem ebenso durchgeknallten Daddy in einem abgelegenen Haus. Der entführt den eh schon gebeutelten Brent nach einer Klettertour und bindet ihn daheim in der Küche fest, während sie seine Prinzessin in ein geschmacksarmes rosa Ballkleid haut, um ihren Galan dann so richtig ranzunehmen. Allerdings eher mit menschenverachtenden Mitteln.
Wenn man Plots grob gefaßt mag, dann ist "Loved Ones" eigentlich ein Untervertreter des "Torture Porn"-Genres, nur eben mit etwas mehr Humor und auf die Teenieslasherschiene gebunden. Die meiste Zeit muß sich Brent den Quälereien und Zudringlichkeiten des beknackten Vater-Tochter-Duos erwehren - was schwer ist, da man ihn festgebunden hat. Da er jedoch aufgrund seiner Erfahrungen eh schon hartgesotten ist, spielt er psychologisch nicht mit, sondern hält dagegen, was die Sache immer gewalttätiger und blutiger macht. Und da, wie sich herausstellt, er nicht der erste Prinz ist, der in dieses Haus geholt wurde, haben die beiden Folterer schon so gewisse Erfahrungen im Umgang mit dem Besteckkasten...
Immerhin: Regisseur und Autor Sean Byrne entblödet sich nicht, nur auf blutige Foltermomente zu setzen, allerdings breitet er die Quälszenen so delikat aus, daß es einen irgendwann nicht mehr im Sitz hält, denn die Peiniger (zu denen auch eine bereits dement gefolterte Mutti gehört) gehören in die Kategorie: gebt mir als Zuschauer eine Säge, ich schneid die beiden selbst auf! Die Haßgefühle, die man gegenüber "Lola" und "Daddy" entwickelt, sind vom Feinsten und verdecken manchmal leider fast die zweite horrorfreie und tragische Ebene, in der man verschiedene andere Figuren der Stadt in derselben Nacht bei ihren Ermittlungen und Erlebnissen miterleben darf. Da hat man den Sheriff, die besorgte Mutter und Brents besten Freund Jamie, der scheinbar mit seiner Begleitung Mia (einer Metal/Gothic-Braut) das große Los gezogen hat, aber in einem Drogen- und Saufrausch verschwindet, weil sie nämlich ihrem eigentlichen Freund hinterhertrauert, der ebenfalls das Opfer Lolas wurde (was allerdings niemand ahnt). Alles ist am Ende vernetzt, sogar Brents Unfall hat mit der irren Sippe zu tun und die Auswirkungen werden spürbar, bleiben jedoch sehr persönlich. Das Echo zerbrochener oder kommunikationsgestörter Familie ist weithin spürbar, Eltern haben den Kontakt zu ihren Kindern verloren, die flüchten sich in Rauschmittel oder Sex und die Lehrer ahnen nichts davon, wenn sie sich die "Outcasts" vornehmen. Perverserweise ist die einzige liebevoll intakte Familienbeziehung die der Irren und diese Bande sind nur schwer zu zerstören.
"Erwachsenwerden tut weh!" steht dann auch über der gesamten zweiten Filmhälfte und wie weh, spürt der Zuschauer, während er mit Brent um dessen Leben kämpfen darf, wobei die eine oder andere Quälerei oder erzählerische Überraschung hier nicht verraten werden soll, stattdessen lieber noch ein Hinweis auf den sardonischen, kaum zu verdauenden Humor, der in den Foltersequenzen zur Anwendung kommt. Und daß man auf die "Unsichtbaren" auf den Schulfluren besser achten sollte, bevor herauskommt, was sie in ihrem Hirn so ausgebrütet haben, wird hier noch mal mit Urgewalt deutlich gemacht.
Mit beißendem Sarkasmus schneidet der Film also ins Fleisch seiner Zuschauer und schafft es so (nach ruhigem Beginn), das Publikum für den Rest von 80 Minuten an sich zu schweißen, auch wenn man sich bei aller bonbonbunten Abstrusität der heimgestalteten Abschlußballhölle ein Gnickern kaum verbeißen kann.
"The Loved Ones" verwendet zwar bekannte oder beliebte Elemente des Horrorgenres, gestaltet daraus aber einen unbequemen Querschläger von Film, den man belachen darf, während man sich im Sessel windet. Schon dafür gelungen. (7,5/10)