Review

Wann hat zuletzt ein Slasher mit wirklichen filmischen Qualitäten überzeugt? Wann konnte man mehr aus so einem Film rausziehen als nur hohes Tempo und hohen Bodycount mit krassen FX? Unter den Filmen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe war sowas absolute Mangelware. Wenn einem dann doch noch einige Kandidaten einfallen so sind das relativ groß aufgezogene Remakes gewesen (Texas Chainsaw Massacre und Hills Have Eyes). An kleinen Produktionen fällt mir sonst noch High Tension ein und das war es auch schon. Und jetzt The Loved Ones!

Ein Film der nah an seinen Figuren dran ist, die zudem durch zum größten Teil hervorragende und unverbrauchte Schauspieler verkörpert werden. Ein Film der abwechslungsreich und wirkungsvoll mit der Kamera arbeitet und der sich ebenso effektiv der Musik und des Soundtracks bedient. Der Wahnsinn hat hier Methode und wird beeindruckend in Szene gesetzt. Die Charaktere haben alle ihre Macken und Kanten und ihre Momente, in denen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und diese auch "präsentieren". Gerade zu Beginn überzeugt die Figurenzeichnung auf geradezu großartige Art und Weise. Zu Anfang ist der Film - und das hat mich völlig überrascht - ein unglaublich intensives Drama, dass mir sogar ein wenig die Sprache verschlagen hat. Das Thema Identifikation ist damit mehr als souverän gelöst und der Film hat schon zu diesem frühen Zeitpunkt bei mir gewonnen.

Warum also trotz dieser Lobhudelei nur 8 Punkte? Leider verliert der Film phasenweise etwas von seiner Intensität und ist auch nicht durchgehend als Drama ausgelegt. Die Horror-/Folterpassagen sind zwar nicht schlecht und auch die Härte ist nicht zu verachten, dennoch stehen sie hinter den dramatischen Teilen doch deutlich zurück. Die gesamten Szenen mit mit dem Schulfreund unseres Helden im mittleren und im abschließenden Teil des Films dienen zwar der Abwechslung und dem Spannungsbogen, da man natürlich viel mehr wissen will, wie der andere Handlungsstrang weiter verläuft, fügen sich aber nicht harmonisch in den Film ein. Dabei sind diese Szenen keineswegs schlecht, aber sie stehen viel zu isoliert, so dass man sich durchaus fragen kann und darf, was das eigentlich soll. Die Figuren von Lola und ihrem Vater kommen mir hingegen viel zu kurz - nicht in punkto Screentime, aber was ihre Motivation und Vorgeschichte angeht. Hier fokussiert der Film sich zu sehr auf die reine Darstellung des Wahnsinns, auch wenn er dies wieder mit sehr geschickt en Methoden bewerkstelligt.

Unterm Strich bleibt eine der größten positiven Überraschungen der letzten Zeit, auch wenn der streckenweise phänomenal gute Eindruck mit zunehmender Laufzeit etwas schwächelt. Sollte man als Fan qualitativ hochwertiger Horrorkost aber definitiv zumindest mal angetestet haben, schließlich sind positive Überraschungen von dieser Güte mehr als selten. Bin auf den nächsten Film von Sean Byrne sehr sehr gespannt und hoffe, dass er sich dort ohne Anbiederungen an gängige Versatzstücke des Horrors wie hier der Folterelemente nach Herzenslust austobt und dabei seine erwähnten Stärken im handwerklichen und erzählerischen Bereich voll ausleben kann.

Details
Ähnliche Filme