Filme über Behinderte stehen meist im Ruch der Übertreibung - entweder man vermeidet jeden Eindruck der Herabsetzung, bei ausdrücklicher Betonung der Normalität, oder nimmt gleich eine bewusste Antihaltung ein, und haut eine Respektlosigkeit nach der anderen raus - letztlich entspringen beide Vorgehensweisen dem selben Versuch, sich einem belasteten Thema in unserer Gesellschaft zu nähern. "Renn, wenn Du kannst" macht beides gleichzeitig und kommt damit einer Realität am nächsten, die einerseits von Unbeweglichkeit und Gleichförmigkeit geprägt ist, andererseits auch von dem Wahnsinn, der automatisch entsteht, wenn man sich als Behinderter in unserer, von Flexibilität und Schnelligkeit geprägten Umwelt, behaupten will.
Ben (Robert Gwisdek) gleicht seine schwere körperliche Behinderung mit einem klaren Verstand, schneller Auffassungsgabe und einem flinken Mundwerk aus. Schon seine Analysen über die Verhaltensmuster unterschiedlich Behinderter, die er seinem neuen Zivi Christian (Jakob Matschenz) gleich an dessen ersten Tag vorträgt, sind eine Mischung aus frechem Witz und erlebter Realität. So wie auch sein Umgang mit den Zivildienstleistenden, der zwar einerseits von seiner körperlichen Abhängigkeit geprägt ist, aber auch von dem geschickten Spiel auf der "Political correctness" - Klaviatur, mit dem er ordentlich Druck ausüben kann.
Durch Gwisdeks schnoddrige Art, die keine Angst davor hat, Sympathien zu verlieren, aber auch durch Matschenz selbstbewusstes Gegenhalten, entsteht hier gar nicht erst der Eindruck eines Films über Behinderte, sondern folgt der Film den klassischen Regeln eines Buddy-Movies mit sehr unterschiedlichen Typen, die sich erst einmal zusammen raufen müssen. Dazu passt auch das amerikanische Cabriolet älterer Bauart, das hier als behindertengerechtes Fahrzeug fungiert, mit dem Ben durch die Stadt cruist. Und die Tatsache, dass er es ist, der die Initiative ergreift, als Christian beim Versuch, die hübsche Annika (Anna Brüggemann) näher kennen zu lernen, in Schwierigkeiten gerät.
Christian ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich bei Annika um das selbe Mädchen handelt, dass Ben von seinem Balkon schon lange mit seinem Fernrohr dabei beobachtete, wie sie jeden Tag - mit ihrem Cellokasten auf dem Rücken - per Fahrrad zur Uni und dabei immer bei Rot über die Kreuzung gefahren war. Darin lag auch die Ursache für den Zusammenstoss mit Christian und letztlich der Anlass für das Zusammenkommen der drei Menschen, nachdem Annika vor Wut, wieder vor Publikum versagt zu haben, eine Komponistenbüste aus dem Fenster schmiss, und diese auf der Motorhaube von Bens Wagen landete, der ihr gerade, gemeinsam mit Christian, das Fahrrad bringen wollte.
Was nun geschieht ist eine klassische Dreiecksgeschichte, bei der von Beginn an klar ist, dass beide Männer gerne die Frau hätten. Es ist Anna Brüggemann zu verdanken, die auf Jeanne Moreaus Spuren in Truffauts „Jules und Jim“ wandelt, ein Gleichgewicht in der Beziehung zu den Männern herzustellen, welches dieser Konstellation die schönste Zeit bereitet, ohne damit ein Versprechen für die Zukunft einlösen zu müssen. Gleichzeitig nimmt der Film die Behinderung Bens jederzeit ernst und wagt eine Liebesszene, die in ihrer Mischung aus realistischer Härte, Sensibilität im Zusammenspiel zwischen Mann und Frau und trockenem Humor, einmalig ist und den Höhepunkt dieses an bemerkenswerten Momenten reichen Films darstellt.
Allein die Gespräche zwischen Ben und Annika, die minutenlang bei einer Kameraeinstellung stattfinden, und doch jeden Augenblick fesseln können, lassen eine Beziehung deutlich werden, die die Grenzen zwischen Behinderung und Nichtbehinderung überwinden kann. Zumindest für diesen Moment, denn Bens psychologische und statistische Analysen über die Rolle von Behinderten in der Sexualität, verfügen zwar über den gewohnt sarkastischen Unterton, entbehren aber nicht der Realität. Auch „Renn, wenn du kannst“, der sich nicht scheut, mit Trickfilmen und ironischen Einspielungen (Ben vor dem Himmelstor) der zunehmenden Dramatik etwas die Spitze zu nehmen, kann diese Regeln nicht außer Kraft setzen, aber es gelingt ihm, die körperliche Behinderung eines Menschen als etwas darzustellen, was zum Leben gehört, ohne dass dieses Leben deshalb normal oder begrenzt sein muss.
Man spürt, dass es den Geschwistern Brüggemann in ihrem Drehbuch sehr wichtig war, ein Ende zu finden, dass weder zu dramatisch, noch zu geschönt erscheinen durfte. Der Weg dorthin zwingt Ben an seine psychischen Grenzen, aber er lohnt sich, denn selten strahlte die letzte Einstellung eines Films so viel Ruhe und Gelassenheit aus, ohne dabei die Erwartungen des Publikums an ein typisches Ende zu erfüllen (9/10).