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Mit einem Fernglas in der Hand sitzt er jeden Tag auf seinem Balkon hoch über der Skyline von Duisburg und beobachtet die Welt, zu der er nur noch auf vier Rädern Zutritt hat: Benjamin ist seit einem schweren Unfall von der Hüfte abwärts gelähmt und daher auf ständige Betreuung angewiesen. Seine Trauer und Wut kompensiert er, indem er seine Umwelt mit Verachtung straft, diverse Lügengeschichten über sein Leben erfindet und die ihm zugeteilten Zivildienstleistenden verbal schikaniert. So ergeht es zunächst auch Christian, der sich Bens beißendem Zynismus aber trotzig erwehren kann. Es bliebe womöglich bei einem lockeren Zweckbündnis, wenn die Runde nicht durch die angehende Cellistin Annika komplettiert würde. Zwischen den dreien entwickelt sich eine kurze, aber innige Freundschaft, die aber nicht ohne Komplikationen bleibt.

„Die große Liebe, mein Zivi und ich“ - angesichts der dramaturgischen Konstellation deutet alles auf eine profane, moralinsaure Dreiecksgeschichte hin. Doch Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann gelingt das Kunststück, den schwermütigen Stoff als leichtfüßige Coming-of-Age-Geschichte mit geradezu ansteckender Lebensfreude zu inszenieren.

Geschuldet ist dies einerseits dem überragenden Drehbuch, das mit erfrischend pointiertem Wortwitz überzeugt, gleichzeitig aber nie den ernsthaften Grundtenor der Geschichte aus den Augen verliert und so jederzeit die Balance zwischen Tragik und Komik beibehält.

Auf der anderen Seite ist „Renn, wenn du kannst“ ein Musterbeispiel für perfektes Casting: Anna Brüggemann, die das Drehbuch mitverfasste, Jacob Matschenz und Robert Gwisdek sind als Darstellertrio schlicht eine Offenbahrung. Dieser Eindruck wird zusätzlich dadurch forciert, dass die drei ihre stärksten Momente trotz aller Dialograffinesse dann erhalten, wenn keine Worte, sondern Blicke und Gesten das Geschehen bestimmen: Selten haben eine hochgezogene Augenbraue, eine schnelle Handbewegung oder ein skeptischer Gesichtsausdruck eine deutlichere Ausdruckskraft besessen.

Bemerkenswert unverkrampft ist auch die Darstellung des Behindertenalltages: Wenn Christian gefühlte Stunden braucht, um Ben vom Rollstuhl in sein handgasbetriebenes Auto zu hieven, so ist das vor allem erstklassige Situationskomik mit Tendenz zum Slapstick, die aber keinen von beiden zur Lachnummer verkommen lässt. Weitaus heikler wird es, wenn Ben den Akt der körperlichen Liebe vollbringen will, dies aber nur durch Hilfsmittel möglich ist. „Einfach machen geht nicht“, sagt er und bringt diesen Umstand als selbstverständliche Tatsache zur Sprache, ohne dass die geschilderte Situation zur melodramatischen Mitleidsbekundung verkommt.

Dieser Tonfall bleibt bis zum Ende erhalten, auch wenn die emotionale Schraube in den letzten fünfzehn Minuten etwas angezogen wird. Spätestens aber, wenn die drei am Ende wieder zusammensitzen und in die Ferne blicken, möchte man sich am liebsten dazugesellen und mit ihnen schweigend von Segelschiffen träumen, die am Horizont des wasserüberfluteten Ruhrgebietes kreuzen.

Lustig, traurig, dramatisch, wahrhaftig, melancholisch und hemmungslos optimistisch. „Renn, wenn du kannst“ ist Kino für die Seele, ein Jungbrunnen voller frischer Ideen, mutig und unbekümmert in seiner Erzählweise. Was das Leben auch bringen mag, packen wir es an, solange wir können! Meine nächste Wohnung hat definitiv einen Balkon.

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