Die klassische Menage-a-troi im Film ist ein wenig aus der Mode gekommen, daher überrascht der erste Eindruck, den man von Dietrich Brüggemanns "Renn, wenn du kannst" bekommen kann. Drei zentrale Figuren, die nacheinander miteinander in Berührung kommen und schließlich eine Art Freundschaftsbündnis schließen, bis die Liebe auf den Plan tritt.
Dabei sitzt Benjamin von der Hüfte abwärts gelähmt im Rollstuhl, Christian wird sein neuer Zivi und die Musikstudentin Annika überfährt nicht nur verpeilt beinahe Christian mit dem Fahrrad, sie ist auch seit Jahren das heimliche Objekt der Begierde Bens, der sie mittels Fernglas vom Balkon seiner Bottroper Vorstadtsiedlung beobachtet.
Was so beschrieben nach einem Freundschaftsdrama klingt, beginnt jedoch mit ungeahnter Frische als knackige Komödie.
Ben gestaltet sich nur als kleiner zynischer Tyrann, sondern auch als verbal trocken marodierendes Arschloch, das seine gesamte Umgebung entweder nicht ernst oder als psychologische Spielwiese nimmt. Schon in der ersten Pre-Title-Sequenz quält er mit nöligen Anweisungen voll unendlicher Herablassung seinen alten Zivi, bis dieser bei der Montage eines Modelschiffs in einem gefährlich aussehenden Akt vom Tisch stürzt, Bens Laptop und sein Goldfischglas zerstört und sich fast umbringt. Kurz darauf geht seine Magisterarbeit durchs offene Fenster flöten, ein Katalysator, der die drei Menschen näher bringen wird.
In der Folge raufen sich Christian und Ben notgedrungen, aber nicht gänzlich unsympathisch zusammen, woraufhin Ben den zögernden Zivi eben auf Annika hetzt (deren Fahrrad man repariert hat). Das hat noch weitere komische Verwicklungen zur Folge, ehe der Film ab dem zweiten Drittel langsam aber sicher an Drama-Anteilen dazu gewinnt.
Wer mit wem und wann und wie überhaupt - das werden alsbald vorherrschende Themen von ungewöhnlicher Natürlichkeit.
Annika muß sich in ihrem Studium durchsetzen, Christian sitzt wegen Bens Gefühlen in der Zwickmühle und Ben selbst schwankt zwischen echter Liebe und dem zynisch eingefärbten Wissen um seinen Zustand und die Folgen für die Beziehung mit einem gesunden Menschen.
Brüggemann inszeniert diesen Film zumeist mit leichter Hand und gefällt in den Sequenzen, in der das Gefühlsleben halb zärtlich, halb bissig ausgebreitet wird. Das typische Rollstuhldrama läßt er nie ganz in den Mittelpunkt geraten, sondern erzählt seine Geschichte just so, als wären die zu erwartenden Probleme schon bekannt und die Figuren müßten glänzen. Natürlich hat die gesundheitliche Situation Bens das meiste Gewicht und sein langsames Auftauen und sein Umgang mit der schwierigen Situation wird selten deutlicher als in den einprägsamen Situationen, wenn er einerseits ahnt, daß zwischen Christian und Annika sich etwas abspielen könnte (noch dazu nebenan) und später, wenn er selbst am Ziel angekommen scheint und eine intime Szene notgedrungen durch die medizinischen Realitäten kaputt gemacht wird.
Wenn Robert Gwisdek mit müder Stimme die Vorgehensweise für den nun möglichen Sexualakt aufzählt, wohlwissend, daß er gerade jegliche Stimmung abtötet, ja abtöten muß, wenn das wirklich etwas werden soll, ist einer der Höhepunkte des Films: traurig, bissig, herb und dennoch stets witzig.
Gwisdek hat die besten Texte und sein verkniffenes Gesicht ist eine Offenbarung, wenn er zu den Bemühungen der ihn pflegenden Menschen launig Kommentare nuschelt und an sich unendlich müde erscheint. Als Annika liefert Anna Brüggemann, die Schwester des Regisseurs eine nuancierte Leistung irgendwo zwischen intelligenter Frau, verunsichertem Mäuschen und dröseliger Studentin ab, während Jacob Matschenz (Christian) dagegen leider gar nicht ankommt. Obwohl er in einigen Szenen wirklich brilliert, verschwindet er mit fortschreitender Lauflänge immer mehr im Feld, bis er scheinbar ganz aus der Handlung ausscheidet und erst zum Finale wieder antritt.
Bis dahin hat sich ein Film entwickelt, der weder neu noch innovativ ist, weder thematisch unbeackert, noch wirklich auf ein Thema fokussiert; jedoch schafft er es drei Menschen, die Freunde werden, wirklich zum Leben zu erwecken, so daß das Publikum ständig mit ihnen mitleidet und lebt. Mag das einigen Leuten zu unzentriert sein, so macht der Film trotz ernster Thematik vor allem eines: Spaß. Der menschliche und emotionale Weg, den die drei gehen, ist so anrührend wie realistisch und in einigen Szenen, vor allem wenn sie nachts auf dem Hochhausbalkon ausharren wirds sogar magisch für ein paar Momente - was zur Folge hat, daß das Publikum nicht nur mitfühlt, sondern sich auch verstanden fühlt.
So bildet der Film auch folglich nur einen nachvollziehbaren Entwicklungsprozess ab, an deren Ende kein Happy Ende, sondern Folgerichtigkeit steht - zum Schluß bleibt wieder ein Moment für die Ewigkeit, hinter dem ein Abschied, möglicherweise für immer steht. Die Freunde trennen sich, gehen in unterschiedliche Richtungen und bleiben doch, was sie immer waren: Musikstudentin, Medizinstudent und ein Schwerbehinderter, der das nächste Kapitel mit dem nächsten Zivi aufschlägt - bleibt nur die Hoffnung, das alle an den Erfahrungen gewachsen sind.
Bis es aber dazu kommt, erlaubt Brüggemann das Eintauchen in die gesamte Gefühlspalette, spielt mit Slapstick und Screwballkomödie und sorgt im entsprechend eingestimmten Zuschauerraum für zahlreiche Lachsalven. "Renn, wenn du kannst" ist so zutiefst menschlich geraten und bleibt so sympathisch, wenn auch vielleicht nicht ganz ausgereift. Der dramatische Höhepunkt, samt Aufklärung persönlicher Hintergründe und Nahtoderfahrung sind vielleicht nicht gerade frisch aus dem Regal entnommen und wirken etwas forciert, aber übertrieben wird nur selten und der Ton, in dem der ganze Film inszeniert ist, wird bis zum Ende gehalten.
Das Leben vor dem Tod in Bottrop - alles ist möglich. (8/10)