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Die achtzehnjährige Studentin Laura (Déborah François) ist blank. So blank, daß sie nicht mal Geld für ordentliches Essen hat und während einer Vorlesung in der Universität einen Schwächeanfall erleidet. Ihr Freund Manu (Benjamin Siksou), mit dem sie sich eine kleine Wohnung teilt, ist auch nicht sehr erfreut, als eines Abends der Strom abgestellt wird, weil Laura die Rechnung nicht bezahlen konnte. Es geht sich einfach vorne und hinten nicht aus, trotz eines Nebenjobs in einem Call-Center, und so sieht sie sich im Internet nach weiteren Verdienstmöglichkeiten um. Prompt stolpert Laura über eine Seite, wo Männer auf der Suche nach zärtlichen Dienstleistungen so einiges springen lassen. Nach kurzer Überlegung nimmt sie Kontakt zu Joe (Alain Cauchi) auf und verabredet sich schließlich mit ihm. Das Zusammensein mit dem erfahrenen Endfünfziger verläuft für sie ob ihrer Nervosität und Unsicherheit zwar äußerst unbehaglich, aber da sie Joe zu nichts drängt und sie am Ende trotzdem gut entlohnt, geht sie den einmal eingeschlagenen Weg selbstbewußt weiter. Nicht immer ist das Geld leicht verdient, doch die Aussicht auf gutes Essen, schöne Kleidung und einen dringend notwendigen Laptop läßt sie diverse Grenzen überschreiten. Die Verlockung ist halt groß, wenn ihr für zwei Stunden "Arbeit" bis zu tausend Euro geboten werden. Und die richtige Zeit abzuspringen scheint Laura längst verpaßt zu haben...

Mes chères études, auf Deutsch "Mein teures Studium", basiert auf dem 2008 erschienenen, gleichnamigen Buch einer unbekannten französischen Studentin, die ihre Erlebnisse unter dem Pseudonym "Laura D." veröffentlicht hat. Emmanuelle Bercot adaptierte die Vorlage zu einem Drehbuch und verfilmte dieses 2010 für das französische Fernsehen. Studentenprostitution ist ein riesiges Problem in Frankreich. Angeblich prostituieren sich etwa vierzigtausend junge Frauen und Männer, um ihr Studium zu finanzieren. Laura ist eine davon, und der Film begleitet die Teenagerin ein Stück auf ihrem Lebensweg. Was davor oder danach passiert, wird konsequent ausgeblendet. Das führt zwangsläufig zum Problem, daß die Geschichte nicht wirklich befriedigend aufgelöst wird und einfach irgendwann - immerhin mit einer hoffnungsvollen Note versehen - endet, womit der Zuschauer über das weitere Schicksal der Protagonistin im Ungewissen gelassen wird. Auch macht Laura keine besondere Entwicklung durch; sie treibt mehr oder weniger durchs Geschehen, ist zum Teil schrecklich naiv, erlebt Enttäuschungen, hat eine (komplizierte) Beziehung mit dem netten aber arbeitsscheuen Benjamin (Mathieu Demy), heult nach ekligen Erfahrungen Rotz und Wasser, und läßt sich dann doch wieder auf ein neues Abenteuer ein.

Emmanuelle Bercot legt Mes chères études sehr nüchtern, phasenweise sogar annähernd dokumentarisch an und vermeidet es trotz aller Freizügigkeit gekonnt, in schmierige Exploitation abzurutschen. Recht emotionslos schildert sie den tristen Kreislauf, in den die sympathische, von Déborah François (Female Agents, Mademoiselle Populaire) immens glaubwürdig verkörperte Studentin gerät. Bercot und François gelingt es, dem Zuschauer eine Ahnung davon zu vermitteln, was es heißt, seinen Körper zu verkaufen. Und damit umzugehen, schließlich ist es nicht gerade einfach, Körper und Geist zu trennen. Kann man den Verstand wirklich abschalten, wenn man mit gespreizten Beinen auf dem Bett liegt und von einem mehr als doppelt so alten und fettleibigen Mann gefickt wird? Die sexuellen Handlungen, die Laura über sich ergehen läßt, die sie erduldet, sind weder schön anzusehen noch erregend. Ganz im Gegenteil, man fühlt sich ob ihrer ungeschminkten Authentizität unangenehm berührt, regelrecht schmutzig. Vielleicht ein wenig so wie sich auch Laura fühlen muß. "Ich bin keine Nutte", redet sie sich ein, und glaubt wohl selbst nicht an die Worte, an die sie sich so verzweifelt klammert. Verurteilt wird hier übrigens niemand. Weder Laura, noch die Freier, die zwar gar nicht mal so unsympathisch gezeichnet, aber doch ausgesprochen creepy sind. Da die Grenzen dieses mündlich vereinbarten Geschäftes zwischen zwei erwachsenen Personen meist nicht genau definiert sind, sollte es niemanden verwundern, daß die Männer immer mal wieder antesten, wie weit sie gehen können. Für Laura ist das manchmal zu weit.

Mes chères études ist kein schöner Film, er hat kaum Unterhaltungswert und er verströmt ein dermaßen schmerzhaft-bitteres Aroma, daß er manchen den Tag vermiesen könnte. Da dies keine schöngefärbte Pretty Woman-Phantasie ist, muß das auch so sein. Schließlich ist Mes chères études das realistisch anmutende Abbild eines häßlichen Abschnittes im Leben einer mittellosen Studentin. Ob Laura jetzt ihren Traumjob Übersetzerin bzw. Dolmetscherin ausübt und sich all die Mühen, die sie auf sich genommen hat, gelohnt haben, steht in den Sternen. Zu wünschen ist es ihr.

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