Filme, die die Gedanken eines Menschen, die in seinem Unterbewusstsein verborgen sind, zu Bildern werden lassen, versuchen letztlich nichts anderes, als dessen bewusstes Verhalten zu erklären. Durch das optische Hervorholen wird etwas Unbegreifliches für den Betrachter fassbar - und damit rational erklärbar. In der (Film)Praxis lässt sich dieses Szenario zudem für thrillerartige Elemente nutzen, denn manche Gedanken, die im Unterbewusstsein eines Menschen lauern, sind für den Eindringling schwer einzuschätzen und nehmen in der optischen Umsetzung die Position des Gegenspielers ein, wie schon Jennifer Lopez in "The cell" erfahren musste, als sie in das Gehirn eines im Koma liegenden Gewaltverbrechers eindrang, um diesem das Versteck eines Opfers zu entlocken.
Vordergründig ähnelt Christopher Nolans Grundidee eines Gedankendiebstahls diesem Szenario, denn auch Cobb (Leonardo DiCaprio) schließt sich an das Gehirn eines Schlafenden an, um diesem verborgene Gedanken zu entnehmen. Trotz dieser äußerlichen Parallelen erinnert "Inception" stärker an Kathryn Bigelows "Strange Days", denn die dort betriebenen Videoaufnahmen, bildeten nicht nur die subjektive Wahrnehmung im Gehirn ab, sondern verdeutlichten gleichzeitig die Gefahr, nicht mehr zwischen Realität und immer wieder reproduzierbaren Gedanken unterscheiden zu können. Gemeinsam haben alle diese Filme, dass sie eine futuristische Technik als in der Gegenwart gegeben ansehen, ohne das näher erklären zu wollen. Letztlich geht es nicht um die Wahrscheinlichkeit solcher Kreationen, sondern um die innere Logik des sich daraus ergebenden Geschehens und die damit angestrebte Intention.
An diesem Punkt enden dann auch die Ähnlichkeiten mit den Vorbildern, denn Christopher Nolans Storyaufbau nimmt sich stark zurück und verfährt bewusst nach konventionellen Erzählregeln. Nach der Eingangssequenz mit dem misslungenen Versuch der Spionage aus dem Gehirn des Großindustriellen Saito (Ken Watanabe), die die Methode des Eindringens in das Gehirn eines schlafenden Menschen veranschaulichen sollte, nimmt der Film die klassische Form eines Heist - Films an – klar formulierter Auftrag, Zusammenstellung eines Teams unterschiedlicher Profis, Vorbereitung unter Zeitdruck bis zum Start des gewagten Unternehmens. Den Sidekicks, vor allem den Teammitgliedern Eames (Tom Hardy) und Yusuf (Dileep Rao), ist es zu verdanken, dass auch eine Spur Witz das sonst sehr ernste Konzept auflockert. Man spürt, wie sehr Nolan gewillt ist, dem im Kern fantastischen Geschehen eine strukturierte, logische Basis zu geben, die sich durch zwei weitere signifikante Eigenschaften auszeichnet – die bis ins Detail beschriebene technische Methode, die Cobb der jungen Architekturstudentin Ariadne (Ellen Page), quasi stellvertretend für den Betrachter, erklärt. Und das Fehlen moralischer Begründungen.
Es ist der zuvor angegriffene Saito selbst, der Cobb beauftragt, seine Technik bei einem Kontrahenten anzuwenden. Allerdings soll Cobb keine Informationen aus dessen Gehirn stehlen, sondern diesem im Gegenteil einen Gedanken einpflanzen, um dessen zukünftiges Handeln im Sinne Saitos zu beeinflussen. Zielperson ist Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy), der nach dem Tod seines im Sterben liegenden Vaters (Pete Postlethwaite) dessen Imperium übernehmen wird. Zwar erwähnt Saito kurz, dass dessen Firma sonst über eine weltweite Machtposition verfüge, aber als Sympathieträger funktionieren beide Großkapitalisten nicht. Cobb lässt sich auf den Deal nur ein, weil Saito ihm ohne Garantien zusagt, dass er danach wieder in die USA einreisen kann, ohne befürchten zu müssen, sofort verhaftet zu werden. Dann könnte er seine Kinder endlich wieder sehen. Allerdings wurde die Technik bisher nie zum Eingeben von Gedanken – „Inception“ – benutzt, weil Cobb und seine Gruppe dafür sehr tief in das Unterbewusstsein eindringen müssten, um dem Gehirn zu signalisieren, dass es selbst auf den Gedanken gekommen ist.
„Inception“ lässt sich in dieser Phase des Films sehr viel Zeit, auch um Cobbs Charakter genauer auszuleuchten, aber vor allem, um spürbar werden zu lassen, wie sich nach Beginn des Coups, die Handlungsschraube von Ebene zu Ebene tiefer in das Bewusstsein des Betrachters windet. Der Film ist im Prinzip ein Anti-Actionfilm, der in der Realität schlafende Menschen in einem Ruheraum beinhaltet, der diese Realitätsebene aber zunehmend aus den Augen verliert. Dank der zuvor detaillierten Schilderungen wird der Betrachter zum Komplizen, der sich - ebenso wie die Protagonisten - in den immer tiefer gehenden Schichten des Bewusstseins mit ihren sich verlängernden Zeiten zurechtfindet und sich damit gleichzeitig von seinem Realitätsempfinden entfernt. Nolan gelingt dabei das Kunststück, auf einen Zeitpunkt zuzuarbeiten, „Kick“ genannt, der nicht überraschend kommt, sondern sich geradezu quälend langsam ankündigt, und trotzdem oder gerade deswegen seine volle Wirkung auf den Betrachter entfaltet.
Die Action, Schauwerte und nicht zuletzt die jederzeit dominierende Filmmusik, werden von Nolan in ihrem ursprünglichsten Sinn benutzt – zur Ablenkung von der Realität. Denn anders als etwa in „Memento“, mit dem er einen intellektuellen Diskurs über das Realitätsempfinden führte, spielt „Inception“ vor allem auf der emotionalen Klaviatur. Es gibt zwar eine fast unüberschaubare Fülle an Details, über die man sich nach dem Ansehen des Films seine Gedanken machen kann – bis hin zum letzten Bild – aber das ändert nichts an dem tiefen Eindruck der Verunsicherung, den „Inception“ dem Gehirn des Betrachters unmerklich zufügte (10/10).