Review

Der grobe Inhalt des Films wird als bekannt vorausgesetzt. Er ist so komplex dass ich hier nicht Eure Lesezeit mit Inhaltsangaben verschwenden will sondern gleich zu meiner Bewertung übergehen will. Der Film wurde im Pre-view in Frankfurt am 28.07.10 in bester Bild- und Tonqualität in der deutschen Fassung gesehen.

Wie gross wurde der Film nicht vorab als "der Film" des Jahres 2010 angekündigt ? Christopher Nolan's Vorschusslorberen sind mit den grossartigen Filmen wie zuletzt "Batman Begins" und "Dark Knight" geradezu gigantisch. Da sind die Erwartungen zu Recht sehr hoch. Trotzdem bin ich an den Streifen sehr neutral rangegangen und möchte ihn hier trotz der super Story und teils genialen Umsetzung etwas differenzierter beurteilen. Es wird hier kein Inhalt verraten oder "Spoiler" geliefert der den Sehspass mindert.

Zusammenfassend haben wir es mit einem optisch, FX- und schauspielerisch sehr gut und innovativ umgesetzten Film zu tun. Die Story ist extrem gut und sozusagen frisch und so noch nicht umgesetzt worden. Dazu hat es einen Chris Nolan gebraucht. Und er hat seine Sache mehr als gut gemacht.

Allerdings verstrickt sich der Film besonders am Anfang in nicht enden wollende Erklärungen an den Zuschauer die nach über einer Stunde wirklich nerven. Nicht alle Schauspieler sind souverän und das eigentlich gute Ende ist absolut voraussehbar.

Um nicht weiter in langen Sätzen zu verbleiben hier eine für den Leser vielleicht einfacher zu verdauende Stichpunktaufzählung der guten und negativen Seiten des Films:

POSITIV

- die Special Effects des Films sind überragend und teilweise noch nie so gesehen worden. Es geht hier nicht um die Emmerich-like-Gigantomanie in den "Katastrophenszenen" sondern um die Feinheiten, z.B. sind die Szenen der Schwerelosigkeit der Darsteller in Ihrer Perfektion noch nie so umfassend und perfekt gezeigt worden.

- es ist ein inhaltlich sehr anspruchsvoller Film was sehr löblich ist heutzutage und ein Massenpublikum muss sich sehr anstrengen den Inhalt nachzuvollziehen und vollends zu verstehen, das ist positiv zu sehen.

- der Film ist in der zweiten Hälfte der Laufzeit deutlich besser nachdem die ellenlangen Erklärungen der Handlung nun endlich optisch und handlungsmässig perfekt umgesetzt werden

- der Zuschauer wird gut an der Spannung entlang mitgeführt und man wird von dem Geschehen positiv eingenommen und "lebt" den Film mit

- die Story selbst ist sehr kreativ und noch nie so konsequent in einem Film dargestellt worden, dies ist der grösste Pluspunkt des Films


NEGATIV

- die Lauflänge von ca. 148 Minuten ist zu lange und verwendet zu viel Zeit darauf dem Zuschauer immer und immer wieder das komplexe Szenario der parallelen 3-4 Handlungsstränge zu erkären. Es muss möglich sein, eine gute Story in ca. 2 Std. max. zu erzählen. Ausnahmen wie AVATAR die diese Überlänge zu Recht beanspruchen und mit Leben füllen sind selten

- wie schon gesagt, wird vor allem in der 1. Hälfte des Films der Zuschauer quasi mit Fakten zum Ablauf und Inhalt und Erklärungen des "wie" und "warum" und "warum nicht" in sehr  schnellen und sich selbst überholenden Dialogen der Protagonisten überrannt und sehr "zugetextet" um den zugegeben sehr komplexen Inhalt und den Verstrickungen überhaupt folgen zu können, das hätte man versuchen müssen einfacher zu lösen

- ohne eine gewisse Vorinformation und Beschäftigung mit dem Film und seinen inhaltlichen Strängen ist er für Filmlaien in Gänze anfangs kaum verständlich und wenn man nicht lückenlos alles versteht, verliert man sich nach der Hälfte des Films in der Handlung ....und ist verloren.....

- man darf den Blick nicht von der Leinwand nehmen sonst versteht man das Geschehen nicht vollkommen, wenn man z.B. eine Szene von ca. 10 sec. mit einem bestimmten Gegenstand (soll hier nicht verraten werden) nicht bewusst aufgenommen und verstanden hat, versteht man vieles und vor allem das Ende überhaupt nicht

- die ansich sehr gute Story wird verwässert, indem man um einen wichtigen Angelpunkt der Handlung eine DiCaprio-mässige und wirklich schubladenhaft-konservative Liebesgeschichte bemüht um diverse Handlungen nachvollziehen zu können. Dies ist ein sehr starker Kompromiss an ein DiCaprio-Drama-verwöhntes Massenpublikum. Von einem Christopher Nolan ist hier mehr zu erwarten.

- der Film traut sich nicht wirklich die negativen Seiten der Menschen aufzuzeigen und in angemessener Tiefe zu beleuchten. Wo ein "Dark Knight" auch für ein overground-Publikum noch wirklich einigermassen dunkel und böse war bleibt man hier auf der massenkompatiblen Oberfläche der Emotionen und deshalb war ich persönlich auch nicht wirklich emotional berührt durch den Film. Dies ist aber eine Voraussetzung für eine TOP Bewertung finde ich.

- DiCaprio spielt für mich nicht überzeugend und wie gewohnt mit  relativ beschränkten Möglichkeiten und "schuljungenhaft" mit Babyface in Mimik und Gestik. Zudem spielt er eine sehr ähnliche Rolle in dem auch noch aktuellen "Shutter Island" mit vielen Parallelen in Handlung und Inhalt in bezug auf seine Hauptrolle und der Frage "was ist real und was ist Traum".......welch ein Zufall ?!?

- das Ende ist leider voraussehbar und verliert seinen Effekt dadurch vollends, der Story-Twist ist nicht gelungen

Aus insbesondere den zuletzt genannten negativen Gründen kann ich leider nur eine 6/10 Punkten geben. Auch wenn ich mich dadurch sicher klar in der Minderheit der Rezensenten befinde ist dies mein Urteil dass ich mir über die Sichtung und Kritiken an Tausenden von Filmen in vielen Jahren gebildet habe. Sehen sollte man den Film allemal. Er ist trotz der o.g. Punkte im wahrsten Sinne des Wortes sehenswert !!!

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