Ich sags jetzt einfach mal gerade heraus, ich mag Christopher Nolans Filme nicht sonderlich.
Ich bewundere sie; ich bin überwältigt, was er thematisch und inhaltlich aus ihnen macht, wie er dem Blockbusterkino das Gehirnfutter und den Reiz wie nebenbei zurückgibt und doch die Massen begeistern kann; ich bin im Kino immer wieder fasziniert, was dieser Mann wie zustande bringt. Allein: eine emotionale Verbindung zu ihnen will mir nicht gelingen, was dazu führt, daß ich sie gesehen haben muss, aber leider der Wiedersehenswert darunter leidet.
Das ist dann auch das Problem bei "Inception", das faktisch-praktisch einzige Problem, das dieser Film in dieser Größenordnung hat: die Schwierigkeiten beim gefühlsmäßigen Einklinken in den Plot, die Handlung, die Figuren, ihre Gefühlswelt. Nicht, daß wir es hier mit einem mechanischen, nüchternen, kalt berechneten Anti-Film zu tun hätten, es ist eine Menge Emotionalität vorhanden, aber die Verbindung, die den Filmfreund an das Objekt der Begierde schmiedet, die ist hier wesentlich schwieriger aufzubauen (was auch für Nolans ähnlich gelagerten und artverwandten Erfolg "Memento" gilt, ein Faszinosum, das man aus Konstruktionsgründen immer wieder konsumieren kann).
Der Rest ist ein kleines Meisterwerk in beachtlicher Produktionsgröße, dessen zentrales Thema, das Einpflanzen einer fremden Idee in das Unterbewußtsein einer Person und die Verunsicherung über die Realität der wahrnehmbaren Umgebung in den Zuschauerraum gespiegelt wird.
"Inception" spielt in einer ungewissen, aber nicht allzu fernen Zukunft, in der eine Technologie entwickelt wurde, die es erlaubt, in die Träume anderer Menschen einzudringen (unter Zuhilfenahme von Drogen und Betäubungsmitteln) und dort etwa Industriespionage zu betreiben. Die Hauptfigur, Cobb (Leonardo di Caprio) ist dabei der Beste seines Fachs, wird aber trotzdem von seinem letzten Opfer erkannt und entlarvt und zu einem weiteren Job gezwungen, bei dem er keine Informationen stehlen soll, sondern dem Sohn eines Großindustriellen eine einpflanzen. Die Motivation ist die Belohnung, nämlich die Bewerkstelligung des Fallenlassens aller Anklagepunkte bezüglich des Todes seiner Frau, die eine Heimkehr in die USA zu den Kindern verhindert.
Die Idee, in die Träume anderer Menschen einzusteigen, ist nicht neu, jedoch muß man Nolan (der den Film auch selbst geskriptet hat) zugestehen, ein komplexes Netzwerk von Umständen, Regeln und Problematiken entworfen zu haben, um den Vorgang von "Extraction" und "Inception" zumindest filmintern schlüssig zu machen.
Der Plot ist eigentlich nur eine Abbildung dieser Komplexitäten und dementsprechend ist es nötig, das Publikum mit allen Regeln (und sie sind selbst dem kinoerfahrenen Zuschauer wirklich alle neu) vertraut zu machen. Allerdings gestaltet sich dieser Informationsprozess aus dramaturgischen Gründen über fast die gesamte Filmlänge, so daß man als Zuschauer einen endlosen Informationsguß ertragen müßte, wäre da nicht die Figur der Ariadne (Ellen Page), die als Architektin von Träumen die Traumumgebung schaffen soll. Der Zuschauer kann mit ihr mitlernen und dank ihrer überragenden Phantasie kann sie die gewünschten Traumwelten natürlich in Rekordzeit erstellen, während der Zuschauer in seinem Lernprozess über die Fortschritte staunen darf.
Ariadne (man beachte die Namenswahl der klassischen Mythenfigur, die half, sich im Minotauruslabyrinth zurechtzufinden, während sie hier Labyrinthe entwirft) ist die Zuschaueridentifikationsfigur: frisch, neu, noch nicht korrumpiert und moralisch integer, während die anderen Teilnehmer (Träumer, Chemiker usw.) schon alte und abgebrühte Hasen sind.
Eine gute Stunde dauert die Einführung in dieses Universum, um dann zusätzlich gleich einen Extremfall anzugehen, wo man nicht nur eine oder zwei Traumebenen schafft, sondern gleich drei (also einen Traum in einem Traum in einem Traum) und die Erfahrungswerte der Figuren selbst schwer auf dem Prüfstand stehen.
Als wäre das nicht schon komplex genug, wird dem noch einiges an Extras beigefügt: unerwartete Komplikationen im Traumzustand, ständige Erweiterung und Vertiefung der Regeln und die Psyche der Hauptfigur selbst, die sowohl eine komplizierte Vorgeschichte hat, die es zu erfahren gilt, wie auch gleichzeitig das Projekt an sich torpediert.
Daraus ergibt sich ein zusätzliches Rätselspiel auf bis zu fünf Realitätsebenen, die nur mit intensiver Konzentration zu überblicken sind und dennoch angedacht sind, den Zuschauer über die Wahrheit des Gesehenen zu verunsichern.
Und weil das (wie schon in "Memento") den Hauptreiz des Films ausmacht, sofern man nicht vollkommen auf die Dekonstruktion des stapelförmigen Plots fokussiert, ist es eigentlich auch obsolet sich noch weiter in den psychisch verschachtelten detaillierten Inhalt zu vertiefen, weil man damit Unwissenden den Entdeckerspaß versaut und auch sonst vom erklärten Weg abkommt.
Der führt nämlich ohne Stopp zum Thema filmische Realitäten und wie man damit spielt. Sowohl die Figuren wie auch das Publikum muß daran arbeiten, die Verschachtelung (bzw. die Abwärtsspirale) verschiedener Traumebenen zu durchdringen, bzw. diese im Hinterkopf parat zu haben, um während des Seherlebnisses die Erklärungen, Details und Anweisungen dann durch die Traumebenen hindurch abzuspielen, während eben dieses in gestreckter, verzögerter oder zerdehnter Zeit gerade vor unseren Augen passiert. Jede Zeitebene hat einen anderen Zeitablauf, so daß man die eigentlich "Inception" der Idee (die noch dazu so einfach wie vollkommen kompliziert ist) praktisch zu einem variabel fortlaufenden Vier-Ebenen-Monstrum gemacht hat, daß dem Zuschauer höchste Konzentration abfordert.
Die Faszination basiert dabei zum größten Teil auf der Konstruktion des kompletten Traum- und nicht zuletzt des Filmgebildes, das so viele Ebenen und Stränge umfaßt, daß das Auge gebannt jedes Detail verfolgen möchte. So wird das intensive Traumeinstiegerlebnis zu einem eben solchen Filmerlebnis, die Intensität überträgt sich auf den Zuschauer, der hart daran arbeiten muß, daß für der Plot wie das Traumgebilde nicht logisch kollabiert.
Gleichzeitig serviert der raffinierte Regisseur neben seinen Regeln aber die visuell überragende Komponente von sich biegenden und metamorphen Traumwelten, von mano-a-mano-Kämpfen in der Schwerelosigkeit, bond-ähnlichen Schneegefechten und Autoverfolgungsjagden in der Handkameratradition von Paul Greengrass. Eine Hommage an den Künstler M.C.Escher und seinen unmöglich dimensionierten Bildern ist es noch dazu, die durch die mehrfache Verfremdung bekannter Perspektiven immer wieder Irritationen auslöst.
Dazu muß man erkennend beifügen, daß Nolan es schafft, ein permanentes Gefühl der latenten Fremdartigkeit an die Bilder zu schmieden, so daß die "Traumhaftigkeit" im gewissen Rahmen gewahrt bleibt. Da er das auch in der angeblichen Filmrealität tut, zumindest zeitweise, trägt noch zur Verunsicherung bei.
Gleichzeitig erschlagen die Bilder (die sich auch im Trailer ansatzweise finden) die Handlung jedoch in keiner Phase, sondern statten den Film sowohl aus, wie sie ihn erklären, wobei Bilder und Text, beides mehr als reichlich vorhanden, einander manchmal gegenseitig in die Quere kommen - mehrfaches Ansehen könnte die profitable Folge sein.
So finden sich Filmfiguren und Publikum in derselben Situation wieder, einem schier kaum zu überblickenden, gefährlichen Wunderland der Möglichkeiten und Dimensionen, das ungeheure Aufmerksamkeit, ununterbrochene Konzentration und strukturelles Denken erfordert, dann aber enormen Spaß macht, den man allerdings erst im Anschluß erschöpft wirklich realisiert.
Allein, das zu Beginn schon erwähnte, mangelnde emotionale Potential beschädigt die Langzeitwirkung vielleicht etwas.
Di Caprio, wirklich wieder in Hochform, ist als Person zu sehr beschädigt, um wirklich eine Beziehung zum Publikum aufbauen zu können, darüber hinaus muß er genauso wie der Film erst enträtselt werden - anders als der Erzähler in "Fight Club" bleibt Cobb jedoch ein Enigma, weil er eben nicht direkt das Publikum anspricht. Ellen Pages Ariadne ist das Abbild des überraschten und begeisterten Zuschauers, ein Quell fast kindlicher Begeisterung, doch der Film benutzt sie nur als eine Art moralischen Fremdenführer und schenkt ihr weder Backstory noch persönliche Detailzeichnung.
Ansonsten sind fast nur gute darstellerische Leistungen zu verzeichnen, allerdings sind die Rollen eher funktional, wenn auch überhaupt nicht klischeehaft angelegt. Einen Bösewicht gibt es eigentlich im ganzen Film nicht, auch wenn man uns kurzfristig verschiedene Personen (Watanabe, Berenger, Postlethwaite) so verkaufen will. Der Gegner kommt voll und ganz aus dem Unbewußten, die Abgründigkeiten liegen in den Figuren selbst, die Gefahren fügen wir uns selbst zu.
In Sachen Unterhaltung sollte man aber Watanabe, Gordon-Levitt und Hardy loben, allein etwas mehr Michael Caine (da ca. 4 Filmminuten auftritt) wäre zu wünschen gewesen.
"Inception" ist nicht nur Nolans Traum gewesen, er hat ihn auch visualisiert und thematisch und formal zu einem Kinotraum(a?) gemacht, eine Vielzweckwunderwaffe, wie sie nur selten in unseren Kinosälen vorbeischaut und gerade deshalb sollte der Film einen verdammten Pflichtbesuch wert sein, denn egal ob man von ihm angesprochen wird oder eben nicht - die pure Konstruktion kann nur bewundert werden. Schlußendlich entläßt Nolan sein Publikum, daß er ausreichend irritiert, verwirrt und verunsichert hat mit einem pfundigen Fragezeichen und gibt reichlich Gehirnfutter mit auf den Heimweg. Ein Rausch aus Bildern, eine Liebeserklärung an Motive des Films, ein Plot wie eine Magisterarbeit. Nicht ist sicher, alles ist ein Traum. Im doppelten Sinne.
Ich bin wirklich beeindruckt und begeistert - nur, verliebt bin ich nicht. (8,5/10)