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Dom Cobb ist ein Dieb, aber kein gewöhnlicher: Gedanken, Erinnerungen, Visionen, Ideen sind sein Diebesgut. Mit einer mehrköpfigen Bande dringt er in die Träume von Wirtschaftsbossen ein und erbeutet deren zum Teil tief verborgene Informationen. Aber Cobbs letzter Auftrag geht schief, der Geschäftsmanns Saito behält seine Geheimnisse, macht Cobb aber ein Angebot. Wenn es ihm gelingt, einen Gedanken in das Hirn eines Großindustriellen-Erben einzupflanzen ermöglicht Saito dem globalen Flüchtling Cobb die Rückkehr in seine Heimat und zu seinen Kindern. Cobb stellt sein Team zusammen, sie machen die Zielperson Robert Fischer ausfindig und die Inception kann beginnen - doch in Cobbs Unterbewusstsein wartet etwas auf ihn, dass das ohnehin riskante Unternehmen massiv erschweren wird... 

„Inception" entreißt einen sofort der Realität, wie von Nolan gewohnt wuchtet einen die Dynamilk des Geschehens sofort mitten in die Geschichte, die längst am Passieren ist, während man dazustößt. Dom Cobb ist in den Träumen des Geschäftsmanns Saito unterwegs, bietet ihm an, ihn vor der sogenannten Extraction, dem Diebstahl seines Gedankenguts schützen zu können, denn  er selbst ist der most skilled extractor. Doch Saito bemerkt den Bluff, ist sich des Traumes bewusst und Cobbs unerwartetes Scheitern bringt alles ins Rollen. Sein Geschäft ist illegal, Fehlschläge werden von seinen Auftraggebern nicht akzeptiert, er wird weltweit gesucht, Cobb, der Mann, der eigentlich nur zurück nach Hause, zurück zu seinen Kindern will und deren Nähe der einzige Ort ist, an den er nicht gelangen kann. Saito hat ihn in der Hand, doch das Angebot des Japaners ist kein rachsüchtiges, kein hinterhältiges, nicht mal unbedingt zuvorderst ein eigennütziges. Saito verlangt eine Inception, das Einpflanzen eines Gedankens, statt einen zu stehlen, als Gegenleistung ermöglicht er ihm die reibungslose Einreise in die Heimat. Sein Partner Arthur hält es für unmöglich, doch Cobb glaubt an die Durchführbarkeit des komplexen Vorgangs, glaubt daran, um an die Rückkehr in die Arme seiner Kinder zu glauben.

In Mombasa engagiert Cobb den Fälscher Eames, in Paris die junge talentierte Traum-Architektin Ariadne und es beginnt ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit und um einen einzelnen, alles auslösenden, verändernden Gedanken im Kopf des Robert Fischer, der nach dem Tod seines Vaters dessen Unternehmen erben wird. Mehr kann man über „Inception" rein inhaltlich eigentlich gar nicht sagen. Nicht, weil man zuviel verraten würde. Nein, es ist wahrscheinlich egal, was man vorher über den Film weiß oder von irgendjemandem mitgeteilt bekommt, der glaubt, etwas über ihn zu wissen. Es wäre ohnehin vergessen, sobald der sinnbetäubende und gleichzeitig alle Sinne fordernde Rausch beginnt, der „Inception" ist. Wie der Moment des Kicks, durch den die Träumer durch das Gefühl des Fallens in die Realität zurückgeholt werden, ist dieser ganze Film wie ein anhaltendes Gefühl des Erwachens, möglicherweise gar des ersten Erwachens, so überfordernd im ersten Moment, so erstaunlich, so neu, so anders, so einzigartig. Eine vertraute Welt, die doch eine im Detail völlig unbekannte ist, die beunruhigt, die begeistert, die fordert, die gibt.

„Inception" beunruhigt, denn er zeigt, wie ein einzelner kleiner Gedanke, rationell ausgesprochen, vielleicht nur geflüstert, ein Leben kippen kann, es aus den Bahnen des für Selbstverständlich gehaltenen hinaus katapultiert. Wie er sich fortpflanzt, wie er zu etwas Unkontrollierbarem wächst, den Geist, der ihn geboren hat oder in den er von einem Eindringling festgesetzt wurde, zerstört. „Inception" begeistert, weil seine eigene Idee eine so geniale ist und weil die Übersetzung dieser Idee in einen Film ein audiovisuelles Bravourstück ist, wie man es seit ewig nicht geboten bekommen hat. Eine in jedem Ton und jedem Bild, eine in jeder Möglichkeit sich über dieses Medium auszudrücken perfektionierte Großtat des und vor allem für das Kino. „Inception" fordert, da er von einer solchen Unnachgiebigkeit, von einer dermaßenen Dichte ist, dass man sich jedes einzelnen Momentes genauestens vergewissern müsste, um in die Nähe des vollen Ausmaßes an vermittelter Information zu gelangen. Jedes durch Weghören verpasste Wort ist ein essentielles, jedes durch Wegsehen verlorene Bild ein reichhaltiges, während der eigene Puls jenem hämmernden des Films hinterher zu jagen versucht. „Inception" gibt, und das nicht nur mit Bildern, Tönen und Worten. Da ist etwas ganz und gar elementar-emotionales, etwas, womit das abstrakte Konstrukt des Gedankenraubs durch das Eindringen in Träume, wodurch ein hochtechnisierter Vorgang seine Gefühlsebene, seine Basis der menschlichen Nachvollziehbarkeit bekommt, ohne die eine Inception nicht funktionieren kann, ebensowenig ein Mann wie Cobb, in dessen Unterbewusstsein die am tiefsten reichenden Empfindungen überhaupt warten oder lauern.

Ein leichter, in Hollywood wohl sogar ein als logisch geltender Schritt wäre es gewesen, „Inception" voll auf Schauwerte zu trimmen. Das meiste spielt sich in Träumen ab und in denen ist alles möglich, doch Christopher Nolan entwirft hier nicht das, was wohl die Gedankenausgeburten von Comiczeichnern, Malern oder James Cameron gewesen wären (dem seine Vision von Pandora im Traum kam). Nolan zeigt den everybody's dream, der nicht von vornherein etwas phantatsisch anderes ist, sondern es durch minimale Veränderungen der einflussnehmenden Komponenten wird. Als die Träumer zum Beispiel schlafend in einem wild rasenden Van unterwegs sind und dieser in Schieflage durch Kurven fegt gerät auch die bis dahin normale Welt des Traums aus den Fugen und das Außergewöhnliche, das die Realität erst von der Vorstellung unterscheidet, kommt zum Vorschein. „Inception" ist kein Film der CGI-Landschaften, der vollständigen Vortäuschung, sondern ein Film der Abweichung, des Unterschiedes. Der Geist ist nicht der Schöpfer von Phantasiewelten, er ist ein Kerker, eine Zuflucht, ein gestaltbarer Raum, der Anzeichen des Realen, der die Anregung des Existierenden benötigt, um anschließend dessen Gesetze außer Kraft zu setzen. Dies tut Nolan mit überwiegend praktischer Effektarbeit, da kämpfen echte Menschen in kippenden Fluren, keine Stuntdoubles aus dem Rechner in künstlichen Welten.

„Inception" ist also auch ein Triumpf des Echten und der Möglichkeiten des Realen, gegenüber allem was meint, dies durch artifizielle Sterilität ersetzen zu können. Aber natürlich ist er trotzdem und gerade deswegen ein Film von unbeschreiblicher Wucht, eine stetige Gewalt, die nur eine Richtung kennt, nämlich nach vorwärts. So unzweifelhaft existent, wie die Bilder sind, sind sie auch unvergesslich, verstärkt, nicht überlagert, durch perfekten CGI-Einsatz, der Gebäude kollabieren und sich ganze Städte übereinander legen lässt. Und durch die dröhnende Kraft von „Inception" gelingt es einem ausgezeichneten Cast, sich Gehör zu verschaffen. Leonardo DiCaprios Weg vom Teenieschwarm zum Charakterdarsteller ist längst keine Reifung mehr, es ist ein in der Hauptsache abgeschlossener Prozess, der nun mit jeder weiteren Rolle nur noch optimiert wird. Der Gedanken stehlende Profi, der liebende Vater, ein verzweifelter Mann, der an etwas Vergangenem festhält und damit alles und jeden um sich herum gefährdet, der Getriebene, der Waghalsige, der Bereiche des Geistes erkundet hat, zu deren Nutzung der Mensch sein Hirn sonst nie einsetzt, der tat- und schlagkräftige Actionheld - da gibt es nichts, was DiCaprios Leistung nicht in Vollendung abdecken würde.

Das man auch jedem anderen Mitglied des Casts den Lead dieses oder irgendeines Blockbusters anvertrauen könnte, daran lässt niemand Zweifel aufkommen, wenn es auch neben DiCaprios Cobb keinen zweiten so komplexen und im Zentrum agierenden Charakter gibt. Aber allein die geballte Klasse, die „Inception" aufzufahren imstande ist, spricht für sich. Der smarte Joseph Gordon-Levitt, die engagierte Ellen Page, der ausgefuchste Tom Hardy, der charismatische Ken Watanabe, die traumhafte Marion Cotillard - jeder verdient sich das Licht, das der Film auf ihn oder sie wirft. Der gütige Michael Caine absolviert mehr einen Cameo, Cillian Murphy hingegen agiert mit der ihm eigenen intensiven Aura. Im Zusammenhang mit den Darstellern darf der Score Hans Zimmers nicht fehlen, denn seine Musik bringt eine solche treibende Komponente ein, dass man sie getrost als weiteren Charakter durchwinken könnte. Nach „The Dark Knight" liefert Zimmer einen weiteren alles überragenden Soundtrack ab, genauso einzigartig, wie das Werk, das er begleitet.

Christopher Nolan raubt einem mit „Inception" schlicht die Worte, wie an dieser Stelle trotzdem so viele entstehen konnten ist längst nicht mehr nachvollziehbar. Sie sind mit bebenden Händen geschrieben, nachdem der wummernde Eindruck, den dieser Film hinterlassen hat, noch immer und noch längst nicht verklungen ist. Man kann sich gar nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man „Inception" schon jetzt als besten Film des Jahres bezeichnet, man könnte sich gar von einem Hochhausdach stürzen und würde dennoch auf den sanften Kissen der Gewissheit landen: man ist Zeuge von etwas für die Ewigkeit geworden. Ja, „Inception" ist wirklich so groß. Und davon nicht nur geträumt zu haben, sondern diese Größe tatsächlich erlebt zu haben, dieser Vollendung eines Gedankens in vollem Bewusstsein beigewohnt zu haben, genau dafür ist Kino gemacht. Alles andere ist nur ein Traum...

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