Review

Leonardo DiCaprio spielt eine Art Einbrecher, der sich darauf spezialisiert hat, Geheimnisse, Gedanken und Ideen zu stehlen. Dafür betäubt er seine Opfer ohne deren Wissen, stellt zusammen mit seinem Team eine Art Traumwelt zur Verfügung, in das Subjekt seine Geheimnisse unterbewusst versteckt, woraufhin er sie dann stiehlt. Bei einem mächtigen Industriellen, gespielt von Ken Watanabe, gelingt der Einbruch jedoch nicht, stattdessen zwingt dieser ihm einen neuen Coup auf. Diesmal soll er einen Gedanken in den Kopf des Erben eines gigantischen Energieunternehmens, gespielt von Cillian Murphy implantieren. Diese Inception entpuppt sich jedoch als schwierig, obwohl eine begabte, junge Architektin für die Traumwelten, gespielt von Ellen Page, bereit steht. Denn die tote Frau des Meisterdiebs, gespielt von Marion Cotillard, macht diesem in den Traumwelten immer häufiger und heftiger zu schaffen.

Sein Lebenslauf liest sich wie eine Bewerbung zum besten Regisseur aller Zeiten. Im Alter von knapp dreißig Jahren inszenierte Christopher Nolan mit "Memento" einen der innovativsten Thriller überhaupt, eine Wundertüte, die in ihrer Konstruktion und Erzählweise ein filmisches Unikat darstellte und zum Kultfilm avancierte. Nach seinem gelungenen Hollywood-Debüt "Insomnia" belebte er die "Batman"-Franchise neu, die Joel Schumacher in einem Akt der Kapitalvernichtung vor die Wand gefahren hatte. Nach "Batman Begins" gelang ihm mit "The Dark Knight" einer der erfolgreichsten und besten Filme aller Zeiten, ein umjubeltes Meisterwerk, das über eine Milliarde Dollar in die Kinokassen spülte, nachdem er mit "The Prestige" ein weiteres kleines Juwel inszeniert hatte, das ebenfalls getrost zumindest zu den besten Filmen seit der Jahrtausendwende gezählt werden kann.

Und bereits der Trailer zu "Inception" zeigt, dass Nolan erneut beabsichtigt, viele, wenn nicht alle anderen Werke der letzten Jahre zu übertrumpfen. Der grobe Plot rund um Traumwelten und Gedankendiebstahl zeigt, dass sich Nolan erneut viel vorgenommen hat. Doch damit nicht genug, bereits im Trailer zeigt der gefeierte Regisseur, wie die Innenstadt von Paris mal eben zusammengefaltet wird und schon hätte einen durchaus die böse Ahnung beschleichen können, Nolan könnte sich mit seinem eigenen Anspruch, seinem Ehrgeiz in einem von Innovationen und Ideen überschäumenden Projekt verloren haben, das selbst er nicht mehr stemmen kann.

Wer bei "Inception" eben solche Kritikpunkte suchen sollte, der wird sie auch finden. Nolan stellt für seine Traumwelten extrem viele Regeln auf, spielt mit Raum, mit Zeit, mit Ideen, mit Möglichkeiten, denkt manches zu Ende, skizziert wiederum anderes nur und gerät daher immer mal wieder an Punkte, an denen er gegen diese Regeln wohl oder übel verstoßen muss. Infolge dessen sind manche Details eben nicht stimmig und punktuell immer mal wieder etwas überhöhte Ideen zu sehen und der eine oder andere Kritiker kann und wird Nolan vorwerfen, dass er sich hier in einem Anflug von Größenwahn beim mit Abstand teuersten Experimentalfilm aller Zeiten schlicht weg verhoben und überschätzt hat, dass "Inception" an der gewollten, aber nicht ganz erreichten Größe und Komplexität krankt. Doch das 160-Millionen-Dollar-Projekt ist nicht der gescheiterte, anmaßende Versuch eines arroganten Regisseurs, der viel Prunk, Tamtam und Aufwand mit sich bringt, letztlich aber wenig dahinter zu bieten hat, vielmehr ist "Inception" das Meisterwerk eines Machers, der sich seines Talents bewusst ist (auch wenn Nolan als eher schüchterner Zeitgenosse gilt) und weiß, dass er seinem Entwurf auf allen Ebenen gerecht werden kann, dass er ihm Tiefe verleihen und Leben einhauchen kann, dass er ihn perfekt bebildern und erzählen kann.

Bezeichnenderweise ist auch der Kern von "Inception" eine Idee, die schlicht aber genial ist. Das Eindringen in Traumwelten, in das Unterbewusstsein, der Diebstahl rein aus dem Verstand, ist eine innovative Idee, die bisher noch nicht mit nennenswertem Erfolg aufgegriffen wurde, wohl auch, weil man einem "Oceans Eleven" im Kopf an den Kinokassen keine Erfolgschancen zurechnete. Doch Nolan vertraut nicht allein darauf, dass die Idee schon irgendwie zündet, er konzipiert Regeln und Gesetze, denen die Träume folgen. Damit engt er die schier unendlichen Möglichkeiten der Protagonisten ein und lässt sie immer wieder an Grenzen stoßen, die wiederum die Grundspannung des Films ausmachen. Dabei philosophiert er gelegentlich über das Wesen des Traums, des Unterbewusstseins, über Kern und Ursprung von Ideen und Gedanken, was immer mal wieder durchaus interessant mitanzusehen ist und ein paar Erkenntnisse liefert, die zu denken geben. Und auch der Plot als solcher überzeugt durchweg, der Einbruch in den Kopf des Erben des gigantischen Unternehmens, ist geschickt durchkonstruiert, verläuft sehr wendungsreich und ist damit ziemlich genau das, was man sich so von Nolan erwartet. Größe und Genialität des Entwurfs werden dabei besonders zum Ende hin deutlich, wenn Nolan drei und mehr Traumwelten parallel verlaufen lässt, immer wieder Zusammenhänge herstellt und seinen gesamten Ideenreichtum offenbart, man nehme nur einmal das Totem der Hauptfigur als Beispiel, das als Symbol immer wieder geschickt ausgespielt wird.

Darüber hinaus gelingt Nolan das, woran selbst die "Matrix"-Schöpfer mitunter scheiterten: Er haucht seinem Film Seele und Leben ein. Der mentale Meisterdieb ist durchweg gelungen konstruiert und eine tragische Figur mit zahlreichen Abgründen. Seine Frau ist verstorben. Er fühlt sich nach wie vor schuldig, weswegen ihre Projektion ihn in seinen Träumen verfolgt und ihm bei seinen Coups zu schaffen macht. Gleichzeitig ist er aber auch besessen von ihr, kann den Gedanken an sie nicht loswerden, was für ihn zu einer Art Sucht wird, die ihn zu zerstören droht. Damit bringt er nicht nur sich, sondern auch die Mitglieder seines Teams in Gefahr, was einzig und allein seine neue, gewitzte Architektin komplett durchschaut. Er ist jedoch nicht nur eine kaputte Gestalt, ein bemitleidenswerter Schatten, er ist der Vater zweier Kinder, der sein Leben riskiert, um sie in den USA wieder in seine Arme schließen zu können. Somit ist er durchaus sympathisch und bringt, auch ohne dämliche Klischees, eine aufgesetzte Love-Story oder kurzen Quotensex, das menschliche Element in den Film und ist damit dramaturgisch der Bezugspunkt zum Zuschauer, der Motor des Films. Daneben sind auch die restlichen Charaktere mitunter durchaus ambivalent gestrickt, aber kaum im Fokus des Geschehens. Virtuos ist dabei besonders, wie Nolan zum Ende hin immer tiefer in seinen Protagonisten eindringt, immer neue Facetten enthüllt und auch die Geschichte seiner Figur in einer überraschenden, fast schockierenden Wendung gipfeln lässt.

Dabei ist letztlich auch die narrative Komponente gelungen. Nolan wirft den Zuschauer zunächst in die Handlung, gibt dann aber immer mehr über die Gesetze der Traumwelten preis, ohne den Zuschauer dabei nicht geschickt bei der Stange zu halten und die Neugier immer wieder aufs neue zu wecken. Er erzählt seine Geschichte flüssig, ohne sie zu überhasten, lässt sich an den interessanten Stellen auch mal Zeit, lässt dabei jedoch keine Längen aufkommen. Damit kann man Nolan auch im Bezug auf den Unterhaltungswert letztlich wenig vorwerfen, zumal er sich auch am Ende in seinem immer komplexer werdenden Konstrukt zu keinem Zeitpunkt verirrt und die Handlungsfäden in der Hand behält, seine Wendungen geschickt platziert und einen Abgang hinlegt, der ebenfalls im Kopf bleibt.

Letztlich ist "Inception" aber nicht nur Experimentalfilm, er ist auch Popcorn-Kino, wozu Nolan allein das hohe Budget bereits verpflichtet. Und besonders hier zeigt Nolan, dass er sich permanent weiter entwickelt. Wirkten seine Action-Sequenzen vor allem in "Batman Begins" mitunter noch recht unübersichtlich in Szene gesetzt, sind sie bei "Inception" durch und durch versiert inszeniert. Die Effekte sind auf hohem Niveau und zudem hervorragend aufgenommen, besonders immer dann, wenn Nolan mit Zeitdehnung und Raffung zu spielen beginnt. Die Traumwelten sind hervorragend designt und ebenfalls meisterhaft in Szene gesetzt, wobei besonders zum Ende hin die düsteren Bilder voll überzeugen, wofür der Score von Hans Zimmer eine stimmige Kulisse bietet und immer mal wieder an der Konstruktion der dichten, gespannten Atmosphäre beteiligt ist. Damit ist "Inception" auch audiovisuell wirklich ausgezeichnet gelungen - auch ohne 3D.

An dieser Stelle sei eines noch einmal besonders hervorgehoben: Auch wenn die Bilder ausgezeichnet geworden sind und Nolan sie oft und gern zeigt, ist "Inception" nicht einmal im Ansatz Effekthascherei; Nolan ordnet die Bilder der Story unter, sie sind der Rahmen, aber keinesfalls der Selbstzweck. Exemplarisch hierfür kann der Score von Hans Zimmer angeführt werden, der das Geschehen zwar stimmig, im Grunde perfekt unterlegt, aber nicht die übliche Bombast-Musik des Komponisten beinhaltet.

Natürlich darf dabei auch der Cast nicht unerwähnt bleiben. Leonardo DiCaprio zeigt einmal mehr, dass er zu den besten Charakterdarstellern der letzten Jahre gehört und bringt eine Leistung auf die Leinwand, die seinen Darbietungen in "Zeiten des Aufruhrs", "Departed" oder "Aviator" in nichts nachsteht. DiCaprio spielt seinen facettenreichen Charakter sehr differenziert, zeigt immer wieder, wie labil der von ihm verkörperte Verbrecher eigentlich ist, verliert aber den Bezug zum Zuschauer, den sympathischen Grundeindruck nicht aus den Augen. Eine Rolle, die DiCaprio sowieso praktisch auf den Leib geschneidert ist. Die vielleicht noch schwierigere Rolle hat Marion Cotillard zu meistern. Die Oscar-Preisträgerin verkörpert die tote Frau des Protagonisten deshalb besonders gut, weil sie zwar einen suspekten Eindruck aufwirft, die Figur undurchsichtig, mitunter fast furchteinflössend verkörpert, aber auch die liebenswerten Facetten immer wieder deutlich aufzeigt, die den Schmerz ihres Mannes über den Verlust verständlich machen. Auch Ellen Page, die sich mittlerweile den Ruf eines der größten Talente Hollywoods erarbeitet hat, überzeugt als Architektin auf ganzer Linie, während man  gewohnt versierte Leistungen von Ken Watanabe und Cillian Murphy, einen sympathischen Joseph Gordon-Levitt und einen lockeren Tom Hardy, der die Rolle des mitunter recht amüsanten Draufgängers übernimmt, ohne dabei wie ein Fremdkörper im Film zu wirken, zu sehen bekommt. Da stört es kaum, dass weitere schauspielerische Schwergewichte wie Michael Caine, Tom Berenger und Pete Postlethwaite in kleineren Nebenrollen verheizt werden.

Fazit:
"Inception" wird letztlich als der Film in Erinnerung bleiben, der gezeigt hat, dass Blockbuster durchaus intelligent sein können und dies ist im Endeffekt einem überragenden Balance-Akt von Christopher Nolan zu verdanken. Er hat ein komplexes Konstrukt geschaffen, ohne sich zu verheddern, ohne den Überblick zu verlieren, er hat das menschlich/dramaturgische Element nicht vernachlässigt, ohne in Seelenkitsch abzudriften, er hat überwältigende Bilder in Szene gesetzt, ohne den Eindruck vordergründiger Effekthascherei zu erzeugen, er hat auf ein hervorragendes Star-Ensemble zurückgegriffen, dieses jedoch klar den Charakteren untergeordnet. Das Resultat: Der Film des Jahres, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, da er nur kleine Schwächen aufweist, die allesamt im Rahmen des ohne weiteres Ignorierbaren liegen.

96%  

Details
Ähnliche Filme