Review

Vorweg: Kennt man die Filme von Christopher Nolan, so bleibt die Überraschung am Ende aus!
 Und nun zur Kritik selbst....

Wenn man aus einem Film heraus kommt und als einziger in der Runde das Gefühl hat, einen überdurchschnittlichen, guten Film gesehen zu haben, die restlichen Leute jedoch einhellig der Meinung sind, der Film wäre super gewesen, dann muß der Film schon mehr als nur gut gewesen sein.
Und tatsächlich: Inception ist ein Erlebnis, ein Film, der herausragt, ein Film, der beschäftigt, ein Film der fordert.
Kurz: Er ist so, wie Kino sein muß, unterhaltend und anstrengend, ja man mag meinen, sehr gut.

Ist er perfekt? Bei weitem nicht....

Erst einmal zur Story: Hirnrissig und auch in ihrer Realität, die wir mal als gegeben annehmen, noch unschlüssig und unrealistisch, gerade weil der größte Unsicherheitsfaktor der Protagonist ist (ich denke nicht, dass ich hier etwas spoilere, da durch diesen Informationsfetzen bei weitem nicht die Tragweite des Filmes angekratzt wird) und in einem solchen Unterfangen wie im Film angesetzt so etwas nicht vorkommen dürfte.
Außerdem muß man die Ethik des Filmes hinterfragen, weil diejenigen, die hier als die Helden angesehen werden, dabei sind, einen völlig unschuldigen Mann, ohne dessen Wissen, derart manipulieren wollen, dass sein ganzes Wesen verändert wird, er zu einem völlig anderen Menschen umfunktioniert werden soll. Im Grunde genommen soll die Persönlichkeit eines Menschen vergewaltigt werden. Dies ist bei genauerem Hinsehen höchst amoralisch und in keinster Weise rechtfertigbar. Doch diesen interessanten Punkt umschifft der Film höchst geschickt, indem der Zuschauer gar nicht dazu kommt, darüber zu sinnieren.
Viel zu wuchtig und gewaltig entlädt sich der Film über den Zuschauer.
Dadurch dass er irgendwann auf vielen Ebenen gleichzeitig stattfindet, gaukelt er dem Zuschauer auch vor, dass der Zuschauer den Film als intelligent empfindet, und sich selbst damit auch als intelligent genug empfindet, da er den Film ja trotz der "diffizilen" Erzählweise zu durchschauen in der Lasge ist. Insofern unterwandert Inception nicht nur das Opfer im Film sondern auch die Intelligenz des Zuschauers. ist Inception dadurch ein intelligenter Film? Möglich wär's. Aber ist er manipulativ? Auf alle Fälle.
Nun zu den Traumwelten: Etwas zu altbacken und relativ wenig fantastisch. Dies kann man wohlwollend aber als ein Zugehen auf den Durchschnittszuschauer verstehen, der nicht überfordert werden soll. Böse Zungen mögen aber auch meinen, dass einem Nolan die Fantasie eines Gilliam möglicherweise abgeht (nur ein kleiner Verweis auf Beispielweise Dr Parnassus Traumwelten).
Letztendlich zur Innovation des Filmes: Manipulation mittels Träume. Es gab in den 1980'ern schon ein paar Filme, die sich dieses Themas annahmen, natürlich filmtechnisch nicht auf so einem hohen Niveau. Also nicht wirklich neu. Und hier muß man aber zur Verteidigung sagen: Es gibt auch keine neuen Geschichten mehr, es gab alles schon mal, alles Neue ist nur eine frische Variation alter nicht mehr benutzter Muster (auch hier ein Verweis auf einen aktuellen Film: Durst ist ein absolut klassischer Vampirfilm, wie er heute nicht mehr gedreht wird und wird daher als frischer Wind deklariert).

Was haben wir also: Eine verschachtelte, amoralische, manipulative Geschichte, die selbst in ihrer eigenen Logik unschlüssig erzählt ist, deren Helden eigentlich eine Niederlage verdienen.
Wieso sollte dieser Film also als sehr gut gelten?

Ich mach es mal kurz:

Regie und Story: Christopher Nolan - der Mann weiß einfach, wie man fesselnde Stories verfilmt, bisher hat er nicht einen schlechten Film abgeliefert. Die Wendungen des Films lassen einen wirklich bis zum Schluß mitfiebern.
Musik: Hans Zimmer - eine lebende Legende mittlerweile, nicht unbedingt mein Fall, aber der Mann weiß, was er tut.
Kamera, Schnitt, Ton: Eine Einheit
Die Darsteller: Alles Top-Leute, allen voran Leonardo DiCaprio, der erstmals zufälligerweise zwei ähnliche Rollen hintereinander spielt, aber ansonsten extrem wandlungsfähig ist, und seine eigentlich dümmliche Rolle sehr gut ausfüllt. Einzig Marion Cotillard fällt etwas ab, aber ihre Besetzung ist wohl eher dem Refrain des Liedes geschuldet (die Kenner werden wissen, was ich meine).
Sehfaktor: Mehrfach, weil es immer wieder klitzekleine Details gibt, die man gerne nochmals sehen würde, um sich ein komplettes Bild zu machen.

Also: Trotz der eklatanten Mängel ein in mehrerer Hinsicht überragender Film, dessen Held leider zu auffällig in Nolans Typografie paßt und daher ein wenig zu konventionell ausfällt.
Doch unvoreingenommen gesehen: Sehr gut.

9 Punkte

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