Review

Hintergrund: Am 16. Juli 1942 wurde über 13000 Juden – darunter, zum ersten Mal, über 4000 Kinder – in das heute nicht mehr existierende „Vélodrome d'Hiver“, kurz Vel d'Hiv, gepfercht bevor sie ein paar Tage später in unterschiedlichen Lagern in Frankreich transferiert und anschließend nach Polen deportiert und vergast wurden. Ein Thema, dass in Frankreich bis Mitte der 90er Jahre absolut Tabu war, zumal diese Razzia von der französischen Exekutive vollzogen wurde. Über dieses dunkle Kapitel der französischen Geschichte existieren weder Photos noch sonstige filmische Aufnahmen, nur Berichte von Überlebenden.

Sehr harter Stoff also. Ist solch ein Ereignis überhaupt verfilmbar, soll man so ein Ereignis filmisch festhalten und kann ein Film mit Gad Elmaleh (im französischsprachigen Raum ein sehr bekannter und erfolgreicher Stand-Up-Comedian) und Jean Reno (der überwiegend in Actionreichen und/oder witzigen Rollen zu sehen ist) in dramatischen Rollen überhaupt funktionieren?
Die Antwort lautet eindeutig: Ja.
Dabei ist das ganze Geheimnis des Films: Reduktion. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Kein zusätzlicher moralischer Fingerzeig, die Darsteller erstaunlich zurückhaltend, das Bild in den Farben stark gesättigt, aber niemals unnatürlich. Selbst der Score ist sehr zurückhaltend und gelangt den ganzen Film über nie in den Vordergrund.
Dabei haben allle gezeigten Personen wirklich existiert. Es wurde nichts hinzugedichtet.

Der Film beginnt mit einer Einblendung in blutroter Schrift: „Die folgenden Ereignisse – selbst die schrecklichsten – sind im Sommer 1942 wirklich passiert“.

Erste Einstellung im Film: Ein kleiner Junge steht vor einem Karussell, ein NS-Soldat filmt einen Kameraden und schwenkt seine Kamera auf den Jungen. Dieser lässt die Tasche die er vor sich trägt sinken. Zu sehen ist ein gelber Stern mit der Aufschrift „Jude“. Auf einem Schild vor der Absperrung steht „Zutritt für Juden verboten“. Als der Soldat den Stern sieht zieht er die Kamera von dem Jungen weg. Dieser Junge heißt Joseph, kurz: Jo.
Jo ist Jude, elf Jahre alt und verbringt seine Kindheit mit Familie und Freunden im besetzten Paris. Bis er am Morgen des 16. Juli 1942 mit 13000 weiteren Juden bei einer Razzia in das Vélodrome d'Hiver gepfercht wird. Hunger und Durst leidend werden sie Tage später in das Lager „Beaune-La-Rolande“ gebracht, wo die Frauen von ihren Männern und die Kinder von ihren Müttern getrennt werden. Jo gelingt mit einem gleichaltrigen die Flucht, wobei er seinen besten Freund zurücklassen muss. Als sie später auf einem Friedhof übernachten fragt Jo seinem Kumpan “hast du etwas Angst?“. Als er die Frage bejaht gibt Jo die Antwort „du brauchst dich vor den Toten nicht zu fürchten. Du musst dich vor den Lebenden fürchten.“ Eines der vielen Schlüsselszenen in diesem Film der fast die kompletten zwei Stunden zu Tränen rührt.

Hier ist der Regisseurin gelungen ein historisches Dokument für die Nachwelt zu drehen, der sich wohltuend abhebt von dem üblichen Pathos amerikanischer Verfilmungen historischer Stoffe oder dem erhobenen Zeigefinger deutscher Verfilmungen über den Zweiten Weltkrieg. Hier wird kein Happyend vorgegaukelt, auch wenn Jo Weismann die Flucht gelungen ist und später adoptiert wird. Er hat keine Tränen mehr die er vergießen könnte.
Die letzte Einstellung im Film zeigt Jo mit seiner neuen Familie vor dem gleichen Karussell wie am Anfang. Statt deutscher Soldaten stehen hier nun amerikanische Soldaten, das Schild „Zutritt für Juden verboten“ ist verschwunden. Jo bleibt hinter der Absperrung stehen, die Kamera zeigt in einer langen Einstellung auf sein Gesicht. Kein Lächeln, keine Freude, nur tiefe Trauer. Abblende.

„Von den 13000 inhaftierten Juden des Vel d'Hiv überlebten 25 Erwachsene. Von den 4051 deportierten Kindern kam keines zurück.“

Der echte Jo Weismann ist in diesem Film in einer kleinen Rolle zu sehen.

10 / 10 Punkten

Details
Ähnliche Filme