Luc Bessons Drehbücher lebten schon immer von ihren, an Comics erinnernden, zugespitzten Szenarien, wie zuletzt in "From Paris with love", als John Travolta als unverletzbarer Wüterich Frankreichs Hauptstadt unsicher machen durfte. Jetzt kehrt Besson wieder in seine Heimatstadt zurück - zeitlich versetzt in das Jahr 1912 - um noch ganz andere Untiere auf Paris loszulassen, wofür er Jacques Tardis Comicreihe "Les aventures extraordinaires d'Adèle Blanc-Sec" als Basis nutzte.
Anders wäre eine Umsetzung dieser Comicvorlage als Film auch nicht möglich, denn Tardis auf ein erwachsenes Publikum zugeschnittene Story, lebt von ihren fantastischen Unwahrscheinlichkeiten, den überraschenden Wendungen und der Freiheit, nicht jeden Erzählstrang zu Ende führen zu müssen. Ein klassischer Storyaufbau ist dabei genauso wenig Schwerpunkt, wie ausführliche Charakterisierungen der Beteiligten, die sich erst im Verlauf der Story dem Leser erschließen. Tardis teilweise abstruser, aber auch kritischer Humor entsteht aus diesen ständigen Brüchen zwischen realistischem Hintergrund und fantastischen Elementen.
Zu Beginn von "Adèle" gelingt Luc Besson dann auch reinster Tardi - ständig die Szenerie wechselnd, betrachtet er die Situation erst aus der Sicht eines besoffenen Bürgers, der für die Story keine Rolle spielt (wie Besson, original die ersten Bilder des 4."Adèle" Bandes zitierend, erwähnt), dann aus dem Museum des botanischen Gartens, wo ein Flugsaurier aus einem Ei schlüpft und durch das Glasdach entkommt, und wiederum aus dem Blickpunkt des Pariser Prefekten, der sich gerade in der Kutsche mit einer Tänzerin aus einem Nachtklub vergnügt. Auch merkwürdige Lichtspiele am Denkmal der Jeanne D'Arc, die den dort pinkelnden Bürger erschrecken, spielen eine Rolle, bleiben aber noch geheimnisvoll.
Es kommt zum Zusammenstoß zwischen der Flugechse und der Kutsche, was für deren Insassen schlecht ausgeht, weshalb die Polizei ins Spiel kommt, speziell in der Figur des verfressenen und dummen Inspektors Caponi (Gilles Lellouche). Luc Besson ironisiert zwar die inneren Strukturen der Polizei, die hauptsächlich mit ihrer Befehlskette beschäftigt ist, ist dabei aber weniger böse als Tardi, dessen Figurenzeichnungen stärker von Machtmissbrauch und heimlichen Obsessionen geprägt sind. Ähnliches gilt auch für die Todesstrafe, die über den Forscher Marie-Joseph Espérandieu (Jacky Nercessian) verhängt wird, als Caponi zufällig den Flugsaurier in dessen Wohnung entdeckt und ihn für den Tod des Prefekten verantwortlich macht. An dieser Konstellation zeigen sich die wesentlichsten Unterschiede zwischen dem Film und Tardis Comicvorlage. Während der Comic aus seiner klaren Haltung gegen die Todesstrafe kein Geheimnis macht - abgesehen davon, dass diese dort gegen eine andere, im Film nicht vorkommende, Person verhängt wird – lässt Besson aus den Elemente der ersten vier „Adèle“ – Bände eine in sich abgeschlossene Story entstehen, die stärker die humorvolle Seite betont und auch ein jüngeres Publikum ansprechen soll.
Das zeigt sich auch in der Vorstellung der Hauptfigur Adèle (Louise Bourgoin), die im Stil eines weiblichen „Indiana Jones“ vorgestellt wird. Hier verlässt Besson für einen Moment den Comicstil Tardis und charakterisiert im nicht weniger unrealistischen Spielberg – Stil eine toughe, sich problemlos in der Männerwelt durchsetzende Frauenfigur, die am Ende auf einem Sarkophag gen Kairo schwimmt. Die darin verborgene Mumie spielt auch in Tardis Comicvorlage eine wesentliche Rolle, war dort aber schon lange im Besitz Adèles, die diese von einem Vorfahren erbte. Ihre Intention für diese Aktion lag in der Rettung ihrer Zwillingsschwester Agathe (Laure de Clermont-Tonnerre), die seit einem Unfall regungslos in einem Rollstuhl sitzt – eine komplett von Besson ersonnene Figur, die der irren Handlung einen Rahmen geben soll.
Ob das notwendig gewesen wäre, lässt sich diskutieren, aber innerhalb dieser Konstellation schmeißt Besson mit witzigen, schnell Orte und Momente wechselnden Szenen um sich, die einen Flugsaurier, Mumien und eine wunderbar wandelbare Adèle über Paris kommen lassen – eine Stadt, die von langsamen und wenig intelligenten Bürokraten regiert wird. Trotz diverser Konzessionen auch an ein jüngeres Publikum, überrascht es, dass der Film – auch angesichts der Tatsache, dass nur ein geringer Teil der Zuschauer Tardis Comic aus den 70er Jahren kennen wird – den Geist der Vorlage erkennen lässt. Tardi verstand seinen Comic zwar auch als kritisches Zeitgemälde einer Gesellschaft, die unmittelbar in den Beginn des 1.Weltkriegs führt, mit dem der 4.Band endet. Diese düstere Komponente fehlt in Bessons frischem Werk, aber seine verstärkt den intelligenten, skurril angehauchten Humor herausarbeitende Komödie, kann über die gesamte Laufzeit bestens unterhalten (8/10).