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Eines muss man Luc Besson lassen: An Fantasie mangelt es ihm nicht. Auch wenn sein neuestes Werk nicht auf einer eigenen Idee, sondern auf der französisch-belgischen Comicserie Les Aventures extraordinaires d'Adèle Blanc-Sec (dt. Adèles ungewöhnliche Abenteuer) basiert, lässt sich attestieren, dass Tempo, Witz und visueller Einfallsreichtum immer noch feste Bestandteile seines persönlichen Repertoires geblieben sind, auch wenn Ausstattung und Effekte längst nicht so überbordend in Szene gesetzt wurden wie einst in seinem 90er-Jahre-Hit „Das fünfte Element“.

Einen Vergleich mit letzterem braucht „Adèle“ trotzdem nicht zu scheuen. Hier geben sich neben der frechen Titelheldin, erstklassig verkörpert durch Louise Bourgoin, und einer Horde wiedererweckter Mumien um den ehemaligen ägyptischen Herrscher Ramses II. noch ein prähistorischer Flugsaurier, ein arroganter Großwildjäger, depperte Polizisten, ein okkultismusbegabter Wissenschaftler und andere hemmungslos überzeichnete Nebenfiguren die Ehre, während die Handlung stets zwischen verschiedenen Erzählsträngen nebst Rückblenden hin und her mäandert ohne aber in ein wirres Geplänkel auszuarten. Ganz im Gegenteil wird auf diese Weise eine narrative Dynamik erzeugt, wie man sie von den großen Blockbustern der Traumfabrik nur selten serviert bekommt.

Überhaupt streckt Besson ein ums andere mal die lange Nase über den großen Teich, indem er sich konsequent den Selbstverständlichkeiten des amerikanischen Mainstreamkinos verweigert: Es gibt weder eine gleichwertige männliche Hauptfigur noch einen ernstzunehmenden Love-Interest. Der einzige echte Gegenspieler Professor Dieuleveult (unter seiner Maske kaum zu erkennen: Mathieu Amalric) taucht nur zu Beginn und am Schluss auf und ist in der „Haupthandlung“ um Adèles Schwester nicht weiter von Bedeutung. Die eigentlichen „Monster“ werden nicht bekämpft, sondern erweisen sich entweder als zähmbares Haustier oder als Herrenclub mit adligen Manieren, die einfach nur ungewöhnlich lange geschlafen haben. Die restlichen Figuren erfüllen kaum eine dramaturgische Funktion und genügen sich ganz nach den Vorbildern eines Jean-Pierre Jeunet in ihrer eigenen Skurrilität.

Mit Mut zum Nonsens liefert Monsieur Besson einen ebenso schrägen wie vergnüglichen Fantasykirmes ab, der mit reichlich Action, Wortwitz, einer überzeugenden Hauptfigur und einem rasanten Erzähltempo die Zeit wie im Fluge vergehen lässt. Auch wenn am Ende nicht jeder Gag ins sprichwörtliche Schwarze trifft: So darf Unterhaltungskino aus Europa gern häufiger aussehen.

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