Wenn heute irgendwo auf DVD-Hüllen oder in Stabangaben der Name "Luc Besson" auffällt, dann ist das schon lange keine Auszeichnung mehr, sondern bisweilen mehr und mehr ein Brandzeichen. Der französische Regisseur hat sich und seinen Namen, seine Drehbuchideen und seine Produktionsfirma schon für so viele Produktionen hergegeben, daß man fast vergessen könnte, daß er hin und wieder auch mal selbst einen Film dreht - und angesichts der Tatsache, daß sein letzter ernstzunehmender Film für ein Publikum über 10 Jahre schon deren fünf zurückliegt (die drei animierten "Arthur und die Minimoys"-Filme mal beiseite gelassen).
Besson war immer ein begnadeter Visualist, der mit einer Fuhre Humor und einem Quäntchen des Absurden, wenn nicht Albernen auch das ernste Thema noch auflockern konnte und es so stets belebte.
Kein Wunder also, wenn er sich der Verfilmung der Comics des hierzulande eher unter Spezialisten bekannten Künstlers Tardi, mit mehr Witz, weniger Zeitkritik und einer Verschiebung der dramatischen Gewichtung annäherte.
Die Abenteuer der "Adele Blanc-Sec", entstanden in den 70er Jahren, bieten eine ungewöhnliche Mischung aus Zeitbezügen aus den Vorabenden des ersten Weltkriegs und abenteuerlichen und detektivischen Elementen, angereichert mit Okkultem, Phantastischen und manchmal Kuriosem. Tardis "Adele" ist eine hartnäckige, anpackende und analysierende Journalistin, eine ungewöhnliche Figur für eine Zeit, in der Frauen eben noch traditionell eine dekorative oder rein familiäre Rolle einzunehmen hatten und längst nicht alle Recht besaßen.
Aus diesen phantastisch wildwuchernden Bänden hat Besson sich seine persönlich passensten Elemente herausgeklaubt und sie zu einer neuen Handlung verwoben, die jedoch aus der deduktiven Journalistin eine Art weiblichen Indiana Jones machen, stets mit dem Schicksal und ihrer Umwelt hadernd. Gleichzeitig fügte er eine neue, originäre und menschliche Komponente ein, die aus der simplen mystischen Abenteuerstory ein persönlich motiviertes Drama machen.
Bis diese Elemente jedoch in Bessons Geschichte überhaupt erklärt werden oder in den Vordergrund rücken, läßt der Meister sich jedoch erst einmal mit Genuß, Vergnügen und enormer erzählerischer Weitschweifigkeit an den übrigen, ineinander verwobenen Handlungselementen aus.
Da gibt es dann einen Wissenschaftler, der Kontakt mit den Toten aufnehmen kann; ein im Museum aus einem versteinerten Ei erwachenden Pterodaktylus, der Paris in Angst und Schrecken versetzt; die Suche nach dem Leibarzt eines Pharaos in Ägypten; einen großspurigen Großwildjäger auf der Suche nach urzeitlichen Zielen; einen jungen und verliebten Museumsangestellten und einen manchmal etwas tumb wirkenden Polizisten, der stets auf der Spur ist, aber dabei nie zum Essen kommt.
Geschickt werden diese Elemente miteinander kombiniert, wobei zunächst mittels eines auktorialen Voiceovers ein moderner Ton gesetzt wird, den Besson jedoch zum Glück wieder fallen läßt. Schlußendlich trägt sich nämlich auch seine verwickelte Geschichte über das schiere Amusement ganz hervorragend selbst.
Angelegt sind all die Figuren irgendwo auf dem schmalen Grad zwischen Drama und Komödie, wobei letztere sehr weit ausgelegt werden kann. Von emanzipatorischen Ausfällen über trockenen Verbalhumor bis zum chaplinesken Slapstick ist fast alles vertreten, was halbwegs in die Story und die Zeit paßt. Dabei wirken die meisten Figuren nicht platt und albern, sondern mit feinem Strich karikiert, zumeist in Form eines Witzes auf die angenommene geistige Omnipotenz der Männlichkeit und die damit verbundene tatsächliche Unzulänglichkeit. Daß dabei die kritischen Züge der Vorlage, die die Geschichte sozusagen auf die Ursachen für den kommenden Krieg ausrichtete, verloren gegangen sind, wird vor allem die Fans der Comic stören. Bei Nichtkenntnis bleibt der Film jedoch trotzdem delektabel, sind doch so ziemlich alle Beteiligten wunderbar überzeichnet. Runde Gestalten, komisch geformte Gesichter, abstoßende Eigenarten wie schlechte Zähne, riesenhafte Schnurbärte und dezent betontes Augenmake-up wie zu guten, alten Slapstickzeiten, das alles ist wunderbar dem Comic entlehnt, wie Besson offenbar generell bemüht war, den Zeichenstil der Comics möglichst trefflich in Filmbilder umzusetzen und so die Atmosphäre zumindest visuell einzufangen.
Obwohl "Adele" auch ernste Töne anschlägt und manchmal betont traurig oder schicksalhaft ist, bleibt der Humor zumeist die tragende Kraft - was allerdings dazu führt, daß man als Publikum nie sicher sein kann, wie man das Gesehene denn nun verstehen soll, als alberne Phantasterei oder als Pulp-Dramödie mit etwas Tiefgang und der Loslösung von allen festgefügten Regeln, die das Genre Abenteuer nun mal seit dem Mann mit der Peitsche in die Furche gefahren haben.
Fast zwangläufig werden auch hier wieder die Kronjuwelen und ihre Epigonen zum Vergleich hervorgezerrt, von "Jones" über Sommers' "Mumienfilmen" bis zu Lara Croft und ähnlichem. Doch dabei muß man eingestehen, daß Besson narrativ eher die Nähe Jeunets und seiner "Amelie" sucht, denn wo übliche Abenteuerfantasy meistens auf immer größer werdende Sensationen und Geheimnisse und einen riesigen Showdown setzt, tont der Franzose seine Geschichte immer weiter runter in den Bereich des Menschelnden. Ein persönliches Drama samt Schuldgefühl sind der Auslöser für den Höhepunkt von "Adele", der erst nach zwei Dritteln überhaupt erklärt wird und somit alle anderen Handlungsstränge und Figuren bis dato wieder leicht entwertet oder ganz negiert. Mit feinem Humor präsentiert Besson einen amüsant-kuriosen Deus-ex-machina-Effekt aus dem Phantastischen und führt alles zu einem guten Ende, obwohl die eigentlichen Abenteuer erst am Ende des Films beginnen dürften (es weißt auch genug auf eine mögliche Fortsetzung hin).
Das Ergebnis ist ein von der Erzählstruktur her sehr unebener Film. Zwar wird zunächst alles schön durcheinander gewürfelt und wieder zusammengefügt, aber die Betonung gewisser Elemente wie die Geschichte um den Flugsaurier ist angesichts des abschließenden Zieles dann doch eher ein Schauwert aus dem "Yes, we can!"-Schatzkästlein für budgetbetuchte Regisseure.
Ein wenig problematisch in der Rezeption, neben all den komischen bis unzulänglichen Männern und ihren zahlreichen Macken, ist dann die Figur der Adele selbst. Louise Bourgoin ist zwar optisch mehr als treffend und bemüht sich um einigen Schwung, wirkt aber streckenweise bemüht und hat nur selten Gelegenheit, durch ihre eigenen Fähigkeiten wirklich zu glänzen. In der deutschen Fassung wird das noch offensichtlicher, weil man sich offenbar genötigt sah, für die Synchronisation auf eine namhafte Darstellerin statt einer versierten Sprecherin zurück zu greifen, womit ausgerechnet Jessica Schwarz leider verbal und stimmlich arg überfordert ist. Wo sonst sonst Schwung und Witz regieren, klingt Schwarz ständig so, als müßte sie sich den komischen Biss ihrer Rolle mit dem Leben erkämpfen oder krampfhaft ausschwitzen, noch dazu mit ihrer sonst ausdrucksstarken, aber leider hier eher heiseren, unsouverän wirkenden Stimme.
Für das deutsche Publikum wird "Adele" leider eher ein Geheimtipp bleiben, denn diese durchaus sehr "französische" Mischung ist den üblichen Sehgewohnheiten eher unbekannt, da sehnt man sich vermutlich doch eher nach einem traditionellen Bösewicht (der hier durchaus vorhanden ist, aber nur in einer Klammer an Anfang und Ende auftritt) oder nach einer ergiebigeren oder leichter zu entschlüsselnden Handlung.
Das ändert jedoch nichts daran, daß der Film im sonst schon sehr konfektionierten Angebot vom Zuschnitt Hollywoods wie ein orginelle Unikat wirkt, das sich selbst genug ist, um in seiner wohlausgestatteten, sauber getricksten und mit herrlichen Schauwerten versehenen Pracht zu sonnen. Nein, es ist nicht die übliche Tasse Tee (oder Absinth), die hier serviert wird, aber dafür ein aufgerüschter Strauß von Ideen, die das Kino als Hort der Wunder mal wieder faßbar machen, auch wenn man gerade in Sachen Plot noch so einiges mit Feinschliff hätte bearbeiten sollen. Prinzipiell aber ein funkelndes Exponat des doch noch nicht so eingerosteten Besson, das sich das "extraordinair" aus dem Originaltitel durchaus verdient. (7,5/10)