Review

Zum Großteil ist das Geschehen auf einen einzigen Handlungsort, nämlich auf ein kleines chilenisches Familienanwesen, beschränkt. Auch stilistisch ist der Film sehr reduziert: Handkameras beobachten das Tun der Figuren; inszenatorische Mätzchen gibt es nicht. Gleichwohl aber wurde darauf geachtet, dass das Ergebnis trotz Handkameras nicht pseudo-dokumentarisch oder hektisch aussieht, sondern fließend und in den Schnitten möglichst unauffällig (selbst die verwendeten Jump Cuts sind nur zu erkennen, wenn man sehr achtsam ist, weil sie die Gehen der Figuren durch die Flure des Hauses jeweils nur minimal abkürzen). Ziel ist wohl, dass der Zuschauer sich gänzlich auf Figuren und Handlung konzentriert und die Mechanik dahinter möglichst nicht wahrnimmt.


Im Mittelpunkt steht die Haushälterin Raquel, die schon seit Jahrzehnten im Haus der Eheleute Pilar und Mundo arbeitet und lebt. Soziale Kontakte außerhalb ihrer Arbeitgeber-Familie hat sie keine. Ihre ganze Welt dreht sich ausschließlich um diese Familie. Schnell wird deutlich, dass die Familie Raquel viel mehr bedeutet als Raquel der Familie bedeutet (mag daran liegen, dass die grimmige, verschlossene und sozial unbedarfte Haushälterin ihre Empfindungen nicht kommunizieren kann). Bei jedem Konflikt mit den Mitgliedern ihrer Arbeitgeber-Familie sieht Raquel ihre Stellung und ihre Existenz bedroht. Und beim Blick auf die knackige Tochter des Hauses bekommt die ausgepowerte und schon früh an Alterserscheinungen leidende Raquel das Gefühl, ihr Leben weggeworfen zu haben. Die knackige Tochter neidet sie. Als die Mutter des Hauses die Überforderung und seelische Instabilität der Haushälterin und deren Konflikte mit der Tochter bemerkt, interpretiert sie das falsch und engagiert eine zweite Haushälterin, die Raquel entlasten soll. Raquel fühlt sich und ihre Stellung dadurch noch mehr bedroht und liefert sich mit ihrer neuen Kollegin, der zweiten Haushälterin, krasse Territorialkämpfe. Als diese wegläuft und wieder eine Neue eingestellt wird, bekriegt Raquel auch diese....

Das Gelungene an "La Nana" ist erstmal die Darstellung der Dynamik zwischen Haushälterin und Familie. Es ist durchaus interessant, die ganzen Wechselwirkungen zu beobachten und wie Raquel mit den einzelnen Mitgliedern der Familie umgeht und wie diese mit ihr umgehen und welche Unterschiede es in der gegenseitigen Wahrnehmung einzelner Figuren gibt. Ferner ist lustig, dass Raquel die Familie besser kennt als die Familie sie. Das gibt ihr eine gewisse Macht. Sie kennt alle Geheimnisse. Sie kann dezent manipulieren und lenken. Aber das hat seine Grenzen und ihr Handlungsspielraum ist begrenzt, und wäre Raquel nicht so verschlossen und sozial inkompetent, könnte sie Angelegenheiten besser zu ihren Gunsten regeln.
Bemerkenswert ist, dass sich die Produzenten entscheiden haben, aus der eben beschriebenen Geschichte keinen astreinen Intrigen-Thriller zu machen, sondern die Geschichte benutzen für ein Charakter-Porträt. Und das Charakter-Drama, oder sagen wir: die inneren Konflikte der Protagonistin, bilden ganz klar das Zentrum des Films. Und so ist "La Nana" in erster Linie die Sezierung des Innenlebens einer desillusioniertern und unglücklichen Frau, die ihr Leben in eine Sackgasse gelenkt, weil sie sich auf eine Sache versteift hat. Dennoch gibt es auch reichlich grotesken Humor, der das Kunststück schafft, nie deplatziert zu wirken. 
Nicht gelungen ist aber Raquels "Katharsis" im letzten Drittel mithilfe ihrer neuen Kollegin Lucy, welche Raquel lehrt, dass es Leben und Emotion außerhalb der Grundstücksmauer gibt. Raquels Aufblühen ist dabei so penibel nach dem kleinen Drama-1x1 konzipiert, dass es stört. Charakter-Entwicklung "wie es sich gehört" und wie sie in diversen Dramen seit anno dazumal betrieben wird. Da hätte ich mir gewünscht, dass der Film eine andere Richtung einschlägt anstatt irgendwann in so einer althergebrachten Selbstfindungsgeschichte mit (surprise, surprise) anschließender nochmaliger Enttäuschung zu münden.
Abgesehen davon ist "La Nana" aber ein absolut sehenswerter und interessanter Film.

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