Review

Gesamtbesprechung

Mit „C.S.I.“ und seinen beiden Ablegern in Miami und New York hatte sich Jerry Bruckheimer auch im Fernsehen schnell den Ruf eines Starproduzenten erarbeitet, doch spätere Serienprojekten waren weit weniger erfolgreich – darunter auch „Chase“, das nach nur einer Staffel abgesetzt wurde.
„Chase“-Schöpferin Jennifer Johnson war bereits bei Bruckheimers „Cold Case“ als Autorin und Produzentin aufgetreten und erzählt hier die Geschichte einer Truppe von U.S. Marshals rund um Annie Frost (Kelli Giddish). Ebenfalls zum Team gehören Lebemann Jimmy Godfrey (Cole Hauser), der etwas verschlossene Spezialist für Akten und Daten Marco Martinez (Amaury Nolasco), Waffenspezialistin Daisy Ogbaa (Rose Rollins) und Rookie Luke Watson (Jesse Metcalfe), der in der ersten Folge zum Team stößt. Das Team verfolgt flüchtige Kriminelle, die meist hochgefährlich sind, und hat in jeder Folge einen neuen Gegenspieler, mit Ausnahme der Doppelfolge „Narco“.
Insofern sind die 18 Folgen von „Chase“ klassische Vorabendkost, wie sie in den 1990ern fast an der Tagesordnung waren und mittlerweile immer mehr von komplexem Erzählen zurückgedrängt werden: Bequem kann man einzelne Folgen verpassen, da quasi jede Episode in sich abgeschlossen sind und übergreifende Handlungsstränge gibt es kaum – Lukes Werdegang, ein Trauma Daisys sowie die romantische Anziehung zwischen Annie und Jimmie, das war es dann auch. Weil es wenig abseits der Marshal-Funktion zu erzählen gibt, werden die Figuren nicht weiter vertieft (vielleicht war es auch andersrum), aber durch die stark episodische Struktur fehlt „Chase“ ein wenig der Zug, das Verlangen nach der nächsten Folge, das andere Procedural-Serien mit in sich geschlossenen Folgen deutlich stärker hinbekommen.

Auf der anderen Seite sind die einzelnen Episoden auch in sich keine erzählerischen Wunderwerke, sondern laufen meist nach dem gleichen Schema ab: Es gibt ein Auftaktverbrechen, Annies Truppe verfolgt den Flüchtigen und stellt ihn pünktlich zum Folgenende. Große Detektivarbeit gibt es nicht und wenn dann eher für die Figuren, da der Zuschauer eigentlich fast immer brav über die Schritte des Teams und des Flüchtigen informiert ist, weshalb die Ermittlungen der Marshalls nur hin und wieder Spannung erzeugen. Etwas abstrus wirkt es zudem, dass fast jeder Flüchtige in „Chase“ auf der Flucht immer diverse Morde begeht – bei Mafiakillern und rachsüchtigen Raubmördern mag das ja Sinn haben, aber in einigen Folgen von „Chase“ werden selbst Betrüger auf der Flucht zu mehrfachen Mördern, ohne dass das Drehbuch dies immer gut rechtfertigt.
Insofern setzt „Chase“ dann eher auf seine Schauwerte und da lässt sich die Serie immerhin nicht lumpen. Die Actionszenen sind nicht allzu hart, liefern aber Shoot-Outs, Nahkämpfe, Verfolgungsjagden und Stunts, die in der gelackten Ästhetik des modernen Actionfernsehens dargeboten werden, wie man es von einer Bruckheimer-Produktion erwartet. Es gibt aufregendere Folgen, in denen man von Brücken springt, auf einem Flugzeug herumkraxelt oder sich eine große Straßenschießerei mit bewaffneten Räubern liefert, allerdings auch weniger aufregende Episoden, in denen actiontechnisch bloß Hausmannskost angesagt ist, meist das Tackling eines Flüchtlings oder kurze Schusswechsel. Eine der besten Actionszenen bietet ausgerechnet der Anfang der Pilotfolge, wenn Annie einen Flüchtigen in einem Bourne-mäßigen Nahkampf besiegt, aber vermutlich sollten solche Szenen genug Interesse erzeugen, damit man nach dem Piloten mehr Material orderte.

Dafür kann „Chase“ mit einer sympathischen Besetzung aufwarten. Kelli Giddish verkörpert die Powerfrau ohne dabei Klischees wie das Actiongirlie oder das Mannweib zu bedienen, während der in Hollywood immer etwas stiefmütterlich behandelte Cole Hauser sich hervorragend als zweite Geige macht. Amaury Nolasco als spleeniges Teammitglied glänzt mit Elan, während Rose Rollins als nachdenkliche zweite Frau im Team und Jesse Metcalfe als ungestümer Rookie mit von ihm selbst ungeliebtem High-Society-Hintergrund. Schade nur, dass das Drehbuch den Darstellern nicht mehr Raum zur Entfaltung gibt – gerade die Idee einer waschechten Actionserie mit ausgereifter weiblicher Protagonistin, die eben nicht nur eine Ermittlerin wie in „Rizzoli & Isles“ und Co., sondern Actionheldin ist, ohne komödiantische Brechungen wie in „Chuck“, das wäre tatsächlich mal Neuland gewesen.
Dafür gibt es dann so einige bekannte Gaststars zu sehen. Gleich zwei von Nolascos Kollegen aus dem Stammcast von „Prison Break“ geben sich die Ehre: Robert Knepper in einer Folge als gealterter Gentleman-Gangster, Wade Williams als brutaler Räuber auf Rachefeldzug in einer anderen. Außerdem hat William Sadler eine Gastrolle als Vater der Protagonistin und in einer weiteren Episode schaut B-Actionstar Daniel Bernhardt als Fiesling vorbei.

Doch trotz solcher Gastauftritte, schicker Inszenierung und teilweise recht schicker Action verwundert es nicht, dass „Chase“ nach einer Staffel abgesetzt wurde. Es ist Dutzendware ohne großes Alleinstellungsmerkmal, die wenig aus ihren Figuren macht, so gut wie übergreifenden Erzählstränge besitzt und leider auch in den Einzelfolgen nur begrenzt aufregende Spannungsbögen aufbaut. Dabei hatten die (vom Publikum allerdings ebenfalls weniger geliebten) Actionserien „Human Target“ und „The Good Guys“ zur gleichen Zeit gezeigt, wie episodisch erzählende Actionserien wesentlich besser und flotter aussehen können.

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