Vor fünf Jahren noch wäre niemandem in den Sinn gekommen, dass die darniederliegende Karriere des Sylvester Stallone noch einmal einen neuen Frühling erleben würde, der an die Klassiker der 80er nicht nur heranreicht, sondern sie nahezu übertrifft. Nach seinem grandiosen Doppelcomeback mit dem edlen Nostalgiehammer „Rocky Balboa" und dem ultrabrutalen Oldschool-Kracher „John Rambo" setzt Sly jetzt noch einen drauf und präsentiert mit „The Expendables" ein Allstar-Projekt, das seine größten Hits qualitativ noch in den Schatten stellt. Die Genrelegende hat es sich mit dem im Internet vorab ungemein gehypten und herbeigesehnten Söldnerfilm nicht nur auf die Fahnen geschrieben, in Zeiten jugendfreier Rechenknecht-Action und windiger Hänflinge in Heldenkostümen die testosteronschwangere alte Genre-Schule der muskelbepackten Haudraufs zu reaktiveren, sondern zu diesem Zweck auch noch einen seinesgleichen suchenden Cast versammelt, der die Recken von einst mit den Helden von heute zum ultimativen Actionkracher zusammenführt: Neben Sly selbst treten aus der Riege der altgedienten Haudegen Dolph Lundgren, Mickey Rourke, Eric Roberts, Gary Daniels sowie in Cameos Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger an, zur Staffelübergabe an die Jugend mischen Jason Statham und Steve Austin mit und Hongkong-Superstar Jet Li, der zwischen beiden Gruppen steht, komplettiert die überwältigende Besetzung. Dass bei weitem nicht jeder Genreheld von Rang und Namen an Bord ist, vor allem Steven Seagal, Jean-Claude Van Damme, Chuck Norris und Michael Dudikoff zur Vervollständigung fehlen - geschenkt. Personell schreibt „The Expendables" absolute Genregeschichte.
Stallone, der neben der Hauptrolle auch einmal mehr die Regie übernahm und am Drehbuch mitschrieb, legte sein Allstar-Fest ganz als Hommage ans große Actionkino der 80er-Jahre an, lässt seinen Streifen in der schönen neuen Filmwelt künstlichen CGI-Mülls und „Bourne"scher Inszenierungshektik wie eine regelrechte Zeitreise in die goldene Ära der Ein-Mann-Armee-Muskelmänner, sarkastischen Oneliner und riesigen Showdowns wirken und zelebriert dies als Experte seines Faches in einer Perfektion, die selbst Überklassiker der Marke „Phantom-Kommando" beinahe alt aussehen lässt. Verhältnismäßig schlicht ist entsprechend die Story: Die titelgebende Söldnereinheit soll einen südamerikanischen Diktator eliminieren und gerät dabei mit korrupten CIA-Kräften aneinander. Eine ausführlichere Beschreibung wäre schon zu viel des Guten, denn hier geht es einzig und allein um das Abfeiern der vor der Kamera noch einmal zu Höchstform auflaufenden Legenden.
Stallone schafft es, jeden in gebotener Ausgiebigkeit zu seinem Recht kommen zu lassen: Zwar sind er und Jason Statham klar als Hauptdarstellerduo gewichtet, doch auch der Rest der Actionheroen bekommt seine Glanzszenen und bedankt sich mit sensationellen Vorstellungen. Vor allem Dolph Lundgren als eiskalter und megaböse Sprüche im Minutentakt raushauender Brutalo-Söldner ist absolut grandios und empfiehlt sich mit seiner charismatischen Performance für weitere Kinoeinsätze - wenn der Schwedenhammer so freudig aufspielt wie hier, hat er größeres verdient als wieder in den B-Movie-Sumpf für die heimische Glotzkomode zurückzukehren. Im Nachhinein besehen ist es nur gut, dass Jean-Claude Van Damme, dem Stallone die Rolle ursprünglich anbot, sich mittlerweile fürs Actionkino zu fein ist und nur noch substanzvolle Rollen sucht (was ihn erstaunlicherweise nicht davon abhält, sich gerade eben durch einen dritten „Universal Soldier" zu ballern), denn Lundgren ist das heimliche Highlight des Films.
Ebenso glanzvoll treten Mickey Rourke und Eric Roberts in Erscheinung: Rourke, für seine beeindruckende Leistung in „The Wrestler" letztes Jahr oscarnominiert und GoldenGlobe-prämiert, hält sich aus den Kampfhandlungen raus, hinterlässt in einer gleichzeitig obercoolen und nachdenklichen Nebenrolle als von den Schrecken seiner Vergangenheit gezeichneter Ex-„Expendable" aber nicht minder bleibenden Eindruck als seine Kollegen im Kugelhagel. Und Roberts gibt seinen Oberfiesling so lustvoll und überzeugend, dass man sich keinen Besseren für die Rolle wünschen könnte. Stallone selbst hat sich, nun da Schwarzenegger in Kalifornien regiert und Willis genremäßig weiterhin breit aufgestellt ist, ohnehin mit seinen letzten Regiearbeiten zum King of Kings und letzten Fels in der Brandung der Oldschool-Actionhelden aufgeschwungen und inszeniert sich entsprechend glänzend als darstellerisches Herzstück des Films. Trotz seiner 64 Jahre kämpft, schießt und springt Sly durch die Szenerie wie zu seinen besten Zeiten, trägt seinen gestählten (mit welchen Mittelchen, ist an dieser Stelle irrelevant) Körper zur Schau und bekommt in Sachen Coolness nur Konkurrenz von Jason Statham, dem einzigen Mann, der sich, wo man die einstigen Mithoffnungen The Rock und Vin Diesel weitgehend abschreiben kann, über die Jahre mit Filmen wie „Transporter", „Crank" und „Death Race" als würdiger Erbe des Prädikats „Actionheld" erwiesen hat. Dass die Parts der beiden dementsprechend gleichgroß angelegt sind, ist absolut gerecht und Statham zieht die gewohnte obergeile Statham-Show ab: Der Mann ist die Zukunft.
Am wenigsten von allen großen Namen fällt Jet Li auf: Er ist für ein paar an sich platte, aber flott gebrachte Witze aufgrund seiner Körpergröße gut, tritt ein bisschen um sich und darf auch einen längeren Fight gegen Dolph Lundgren meistern, agiert an sich aber auf Autopilot. Dass seine Präsenz in einem groß angelegten Kino-Actioner keine Ausnahme- sondern eine Regelerscheinung darstellt, kontribuiert hieran zusätzlich. Ganz anders verhält es sich da mit Gary Daniels: Dessen zu großen PM-Entertainment-Zeiten in den 90ern für zahlreiche Videotheken-Highlights der Marke „Recoil" gute Karriere endete mehr oder weniger 2001 mit „Diamond Cut Diamond". Alles, was danach großteils an Nebenrollen kam, verschwendete sein Talent: Sowohl 2004 in der Obergurke „Retrograde" an der Seite von Dolph Lundgren als auch 2005 im brauchbaren „Submerged" neben Steven Seagal wurde der begnadete Kicker gnadenlos verheizt. In „Expendables" nun ist seine Rolle zwar auch vergleichsweise klein, aber er darf nicht nur zeigen, was er kämpferisch noch immer kann, sondern glänzt wie Kollege Dolph, von dem er sich in einer Szene aufs königlichste verbal bashen lassen darf, mit einer Präsenz, die ihn für weitere ähnlich gelagerte Parts auch in größeren Produktion empfiehlt. Wer in Hollywood in Zukunft einen überzeugenden Chef-Handlanger des Oberfieslings casten muss, sollte getrost den Gary in Betracht ziehen. Soweit zur Legendenriege. Aus dem Kreise der Jüngeren macht vor allem Wrestlingstar „Stone Cold" Steven Austin als brutale Kampfmaschine eine solide Figur, während Randy Couture und Terry Crews im „Expendables"-Team blass bleiben und auch kaum stattfinden. Hier hätte Sly ruhig zwei größere Genrenamen casten können - doch in der Beziehung wagt man es ja kaum, zu meckern.
Den magischsten darstellerischen Moment stellt freilich die geschichtsträchtige Sequenz in der Kirche da, in der zum ersten Mal die großen Drei des Actionkinos Sylvester Stallone, Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger zusammen vor die Kamera treten. Die Begegnung ist ein einziges Fest von Anspielungen auf die gemeinsame Vergangenheit von Sly und Arnie sowie die politischen Ambitionen der Steirischen Eiche. Willis bleibt hier beinahe blass, denn in den paar Minuten, die Schwarzenegger seinen Gouverneursjob noch einmal für die Schauspielerei eintauscht, gehört der Film ganz und gar ihm - inklusive herrlich überzogenem Auftritt und Abgang. Pure Magie.
Nun wäre freilich auch die hochkarätigste Actionhelden-Crew nichts ohne hochkarätige Action und in dieser Beziehung lässt Regisseur Sly die Fetzen fliegen, dass selbst sein großartiger „John Rambo" dagegen abstinkt: Prügeleien, Messerkämpfe, Martial Arts, Shootouts, Verfolgungsjagden, riesige Explosionen - „The Expendables" hat alles, was des Genrefans Herz begehrt, und abgesehen von ein wenig CGI-Verstärkung beim Feuerzauber ist alles wundervoll oldschool. Hier führen echte Leute echte Stunts aus, fighten Schauspieler, die auch fighten können und dafür weder Doubles noch Drähte brauchen und wird echtes Gerät anstatt seelenloser Computeranimationen zerlegt. Der Abweichslungsreichtum der Actionpalette ist wahrlich beeindruckend, alles was man in einem Actionfilm auffahren kann, führt Stallone hier zusammen. Jet Lis Kampfeinsätze choreografierte Maestro Corey Yuen, die harten, teils splatterigen Shootouts werden ihrem R-Rating mehr als gerecht, wobei die Brutalitäten weitaus actiondienlicher und weniger selbstzweckhaft als in „John Rambo", somit um ein vielfaches eleganter, eingewoben werden und spätestens wenn der Showdown anrollt, ist der Zuschauer absolut in die 80s zurückversetzt: Klassisch etappenhaft aufgebaut, haut man sich erst in einem unterirdischen Labyrinth in Zweikämpfen auf die Fresse, jagt anschließend die Villa der Bösen in die Luft und meistert dann eine Megaschießerei, die selbst im Vergleich zu den Filmen von einst ihresgleichen sucht. Die Martial-Arts-Fights Li vs. Lundgren und Li + Statham vs. Daniels sind zudem freilich von gewichtiger genrehistorischer Relevanz.
Gar nicht genug Lob aussprechen kann man bei alldem dem Inszeinerungsstil Stallones: Er verunstaltet das Spektakel nicht mit „Bourne"scher Stakkato-Wackel-Hektik, dreht aber auch nicht statisch wie anno dazumal, sondern präsentiert die Action unheimlich schnell, dynamisch und durchaus modern. Hier ist reichlich Bewegung in der Kamera und die Schnittfrequenz ist hoch - dennoch geht die Übersicht so gut wie nie verloren. Absolut großartig!
Nun wäre eine Reanimation des 80s-Actionkinos freilich nichts ohne coole Sprüche am laufenden Band und an denen herrscht in den „Expendables" wahrlich kein Mangel. Die zynischsten kriegt Lundgren in den Mund gelegt, die coolsten Sly selbst, durch die ständigen verbalen Sticheleien der Truppe untereinander ist der humoristische Anteil jedenfalls konstant hoch.
Ein feines Händchen bewies Sly auch für den Soundtrack: Man zelebriert sich selbst zu Classic-Rock-Klängen von Creedence Clearwater Revival bis Thin Lizzy, deren „The Boys Are Back In Town" den programmatischen Schlusspunkt setzt. Besonders stark ist eine traumhaft gefilmte Flugsequenz zu den Klängen von „Mississippi Queen". Einmal mehr: Pure Magie.
Fazit: Man sollte meinen, die Großtaten „Rocky Balboa" und „John Rambo" seien nicht mehr zu übertreffen, doch mit „The Expendables" schafft Sylvester Stallone den nahezu ultimativen Actionfilm: Die 80er-Jahre leben wieder auf in einem Schaulaufen der größten Helden von einst, die sich in einem perfekt getimten Oldschool-Feuerwerk aus coolen Onelinern und traumhaft inszeniertem, ausuferndem Actionkrawall austoben dürfen. Es ist nicht übertrieben zu konstatieren, dass hier ein wahres Meisterwerk des Actionkinos vorliegt. Mehr kann sich kein 80s-Genrefan wünschen. Gigantisch!