Hervé (Vincent Lacoste) und sein bester Freund Camel (Anthony Sonigo) befinden sich in der Hochphase ihrer Pubertät. Während der Schulunterricht darauf keine Rücksicht nimmt und ständig Leistung fordert, wissen die beiden Jungs kaum wohin mit ihren Gefühlen. Ihre Gespräche kreisen nur um das Thema Mädchen und den ersten Sex, mal voller Übermut, mal gezeichnet von der Sorge, diesen niemals erleben zu dürfen.
Filme, die sich dieser Thematik widmen, gibt es so viele, dass sie schon ein eigenes Genre bilden. Allerdings gelingt es selten, diese Phase der Adoleszens, ohne wilde Übertreibungen und Klischees auf die Leinwand zu bannen. Das liegt nicht nur am Versuch, das Publikum komödienhaft zu unterhalten, sondern in der Thematik selbst - die Pubertät mit ihren Gefühlssprüngen, dem ständigen Widerspruch, Rechte wie ein Kind zu haben, aber schon erwachsene Gefühle zu empfinden, die Auseinandersetzung mit Eltern, Lehren und der Konkurrenzkampf mit den Gleichaltrigen ist so irre, dass ein Film, der diese Phase schildern will, automatisch zu übertreiben scheint.
Umso mehr überrascht es, wie "Jungs bleiben Jungs" es gelingt, ein Gleichgewicht zwischen Irrsinn und Realität durchzuhalten. Sehr schön wird das an der Beziehung zwischen Hervé und seiner Mutter deutlich. Die allein erziehende Frau ist einerseits sehr liebevoll zu ihrem Sohn, gleichzeitig aber komplett übergriffig. Dem Film gelingt es in dieser Gestaltung zu verdeutlichen - ohne dabei einen Moment in Extreme abzugleiten - wie unglaublich peinlich Hervé seine Mutter ist, gerade in deren penetrant liberalen Art. Als er das erste Mal von einer Klassenkameradin zu einer Party eingeladen wird, geht sie einfach mit. Und baggert prompt einen Vater eines Klassenkameraden an.
Sehr schön wird darin der Gegensatz zwischen Erwachsenen und Jugendlichen deutlich. Während die Heranwachsenden mit übergroßer Dramatik und ständig zwischen großer Freude und Weltschmerz wechselnden Gefühlen ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen, gehen die Älteren einfach miteinander ins Bett. Am nächsten Morgen trifft Hervé den Mann beim Frühstück, der ein paar nette Grüße an seine noch schlafende Mutter ausrichtet. Die Direktheit der Erwachsenen wirkt dabei fast kindlicher, als die komplizierten Vorgänge unter den Jugendlichen, aber die Konsequenzen sind andere, wie Hervé am Ende erfahren darf.
Natürlich spart der Film auch gewisse Klischees nicht aus, denn Hervé, Camel und ihre besten Freunde gehören nicht zu den Coolen in ihrer Klasse. Hervé, als er etwas ungeschickt versucht, die hübsche Laura (Julie Scheibling) anzusprechen, wird vor der Klasse von ihr zwar lächerlich gemacht, aber auch diesen Storyfaden entwickelt der Film gleich in eine andere Richtung. Denn Lauras Freundin Aurore (Alice Trémolière), die auch zur coolen Clique gehört, ist heimlich von ihm angetan, und spricht ihn auf dem gemeinsamen Heimweg an. Hervé kapiert ihre Annäherungsversuche zuerst gar nicht, so fixiert ist er in eine andere Richtung.
Damit entgeht der Film der üblichen Loser/Winner - Struktur, denn wenn Hervé in den Augen einiger Mitschüler wenig bedeutet, fühlt er sich selbst auch Anderen überlegen. Als ihn ein Mädchen fragt, ob er mit ihr gehen will, kanzelt er sie genauso fies ab, wie er zuvor selbst nieder gemacht wurde. Zwar steht Hervé im Mittelpunkt des Geschehens, aber sympathischer wirkt Camel, der selbst mehrfach von seinem Freund enttäuscht wird, weil dieser ihn schnell vernachlässigt, wenn die holde Weiblichkeit ruft. Der Film vermeidet zudem diverse französische Klischees, die gerade in den Jugendfilmen der 70er Jahre gepflegt wurden, als es meist schnell und unproblematisch zur Sache ging, denn wenn hier auch Jeder verbal eine Menge zum Thema Sex beitragen kann, in der Praxis läuft es deutlich zurückhaltender. Die eigene Unerfahrenheit lässt sich eben nicht so schnell überspielen und die beginnt schon beim Zungenkuss.
Die wenigen Albernheiten, die sich der Film leistet, bekommen in diesem Zusammenhang genauso einen Sinn, wie der tragische Moment, als ein Lehrer Selbstmord begeht. Wenn der Irrsinn sowieso an der Tagesordnung ist, spielen solche Momente keine Rolle mehr. Ein 15jähriger, der nach einem wenige Tage dauernden Techtelmechtel mit einem Mädchen, schon das Gefühl hat, das der Höhepunkt seines Lebens hinter ihm liegt, setzt andere Schwerpunkte. "Jungs bleiben Jungs" gelingt es mit seiner Mischung aus Realität und dem täglichen Wahnsinn ein Lebensgefühl zu transportieren, dass auch Diejenigen nachempfinden können, die längst im Kreis der Erwachsenen angekommen sind (8/10).