In "The Night Visitor" treffen sich die Ingmar-Bergman-Stammschauspieler Max von Sydow und Liv Ullmann zu einer Genrefilm-Darbietung, die zu einer frostigen Angelegenheit wird. Das gilt nicht nur für das eisige Wetter, das von dem oft nur leicht bekleideten Salem (von Sydow) mit reichlich Händereiben und Zähneklappern quittiert wird, sondern auch für die reichlich unterkühlten Beziehungen der Figuren untereinander, wo jeder nur auf seinen Vorteil aus ist. Mit fortschreitender Spieldauer entfaltet sich eine Geschichte verabscheuungswürdiger Intrigen, die Salem in die Irrenanstalt gebracht haben und die er nun in noch unbarmherzigerer Form zurückzahlt.
Der Film gibt viel von seiner möglichen Spannungsentwicklung preis, indem er kein Geheimnis daraus macht, wer hinter den Morden steckt und welche Tricks er anwendet, um je nach Bedarf mal hier und mal dort zu sein. Leider wird das Spannungspotenzial, das hier verschenkt wird, auch woanders nicht aufgebaut. Die einzige Frage ist, wer sich am Ende durchsetzen wird, und hier hält der Film eine Schlusspointe bereit, die ebenso abstrus daherkommt wie vieles andere, was dem Zuschauer hier vorgesetzt wird. Z. B. sieht man Salem in seiner Zelle das schon klassische Kletterseil aus zusammengedrehten Tüchern und Kleidungsstücken anfertigen, das aber, sobald es zur Anwendung kommt, auf magische Art und Weise weitaus länger geworden zu sein scheint. Als er im Haus auf seinen Schwager, den Arzt Dr. Anton Jenks (Per Oscarsson) trifft - immerhin läuft sein Versteckspiel anscheinend nicht vollkommen nach Plan - wird Jenks erst von seiner Frau eingeschlossen, dann ist er aus irgendeinem Grund nicht in der Lage, ihr Salems Anwesenheit akustisch mitzuteilen, und zu guter Letzt fällt er offenbar durch den puren Anblick seines eingesperrt geglaubten Betrugsopfers in Ohnmacht. Diese skurrilen Handlungsabläufe mögen auf ihre Art für Unterhaltung sorgen, sind im Kontext eines Thrillers jedoch nicht allzu förderlich in genreeigenen Maßstäben.
Liv Ullmann scheint mit ihren Ausflügen in den Genrefilm nicht allzu viel Glück gehabt zu haben (auch das Bronson-Vehikel "Kalter Schweiß" ist keine Granate geworden) und nimmt sich auch immer etwas seltsam in den betreffenden Produktionen aus, als sei das einfach nicht ihre Welt. Möglicherweise gilt das auch nur für Zuschauer, die sie zu stark mit ihren Bergman-Rollen wie in "Persona" oder "Die Stunde des Wolfes" identifizieren. Da fügt sich von Sydow schon deutlich besser ein, für den Genrefilme anscheinend ein selbstverständliches Betätigungsfeld genau wie "anspruchsvollere" Dramen und Problemfilme darstellten. Auch Per Oscarsson, der seine Figur konstant am Rande des Wahnsinns ansiedelt, sowie der routinierte Trevor Howard in der Rolle des knorrigen Polizisten, sind überzeugend eingesetzt. Mir als Fan der "Olsen-Bande" ist noch der dänische Charakterkopf Bjørn Watt-Boolsen in einer kleineren Rolle aufgefallen. Für die Musik, die mir kaum aufgefallen, geschweige denn in Erinnerung geblieben ist, zeichnet Henry Mancini verantwortlich. Die Optik des Films habe ich als recht nüchtern und bieder empfunden, eine thrillergerechte Kameraführung mit bedrohlich wirkenden Einstellungen war für mich nicht zu entdecken. Wo der Film atmosphärisch punktet, ist die recht überzeugende Vermittlung der omnipräsenten Kälte, aber dieser Faktor verbraucht sich mit der Zeit.
Von der aktuellen DVD aus dem Hause Filmjuwelen wird der Film in einer akzeptablen Schärfe geboten, allerdings mit blassen Farben und im Vollbildformat - ob es sich dabei um das Originalformat handelt, weiß ich nicht -, das besonders bei den Szenen im Haus dem Film den zweifelhaften Charme eines fürs Fernsehen gedrehten Kammerspiels verleiht.
Gut besetztes - sagen wir mal - Krimidrama, das durch eine zu nüchterne Regie und einige befremdende Skurrilitäten nur in den eisigen Außenaufnahmen so etwas wie Thrillerqualitäten entwickelt.