Wild Hunt
(Ascot Elite)
Das Menschen in andere Welten abtauchen, um der Realität zu entfliehen ist nicht neu. Ob dies durch den Genuss eines guten Buches, eines fesselnden Filmes oder dem meistern eines PC- Games geschieht, ist eigentlich egal, der Zweck ist die Ablenkung und Ausblendung vom Alltag. Dann gibt es die Steigerung, wie zum Beispiel das Multiplayerspiel, wo sich Gleichgesinnte online treffen, um bestimmte, vorgegebene Aufgaben in einem Rollenspiel zu lösen, oder einfach nur gemeinsam durch fremde Welten zu ziehen. Das es diese Form auch in der Realität gibt, dem sogenannten Live-Action-Role-Play, war mir bekannt, aber erst durch Recherchen wurde mir klar, das es derzeit bis zu 600 Events jährlich alleine in Deutschland gibt, wo sich Gruppen treffen, die in einem mehr oder weniger eng vorgegebenen Rahmen eine zweite Persönlichkeit entwickeln und darstellen. Dies ist dann je nach Ausrichtung der Welt, die man kreieren möchte ein Mix aus Mittelalter-Spectaculum und Improvisationstheater.
Die Geschichte von Wild Hunt ist dabei mehr Drama als Fantasyfilm, was das Ganze umso interessanter gestaltet. Im Mittelpunkt steht Erik, der sich mit seinem Bruder Björn um den demenzkranken Vater kümmern muss. Björns Interessen jedoch drehen sich ausschließlich um die Gestaltung seines Rollenspiels, in welchem er als Wikinger wilde Kriegsszenarien zwischen Wikingern, Kelten, Briten und Elfen plant. Somit ist Erik alleine bei der Bewältigung der alltäglichen Probleme. Als er jedoch bemerkt, das auch seine Freundin Evelyn immer weiter in diesem Rollenspiel versinkt, wagt er den Schritt auch, jedoch nur, um sich dann im Spiel total den Regeln zu verweigern. Ohne Kostüm setzt er alles daran, durch renitentes Verhalten seine Freundin wachzurütteln, die ihn jedoch anscheinend nur akzeptieren kann, wenn er seine Rolle im Spiel einnimmt. Das sein Verhalten nicht nur das Rollenspiel durcheinanderbringt, sondern auch bei den Mitspielern erst zu Frust, später zu ungezügelter Wut führt, merkt unser Protagonist zu spät, so das das anfängliche Spiel in einem Chaos aus Wut und Kampf mündet.
Was macht Wild Hunt so besonders? Der Zuschauer bekommt hier einen sehr ambitionierten Debütfilm von Regisseur Alexandre Franchis, und neben der interessanten Geschichte tragen noch die überaus motivierten und talentierten Darsteller zum Gelingen des Filmes bei.
Schon in David Finchers The Game gab es das das Szenario des Live-Action-Role-Play, aber in wild Hunt wird dieses Szenario noch bewusster auf die Spitze getrieben, die teils damit verbundene absured Komik besser auf den Punkt gebracht. Trotzdem verschenkt der Film an einigen Stellen Möglichkeiten, die eine höhere Punktwertung möglich gemacht hätten. In Wild Hunt wird deutlich, wie dünn die Grenze ist, die unsere Gesellschaft von der Anarchie trennt. Ein interessanter Film, der neben der spannenden Unterhaltung viele interessante Denkansätze aufzeigt.
CFS