Gleich mit seinem Regiedebüt, das unter anderem auf eine Assistenz unter Sergio Leone höchstpersönlich folgte, schuf Regisseur Franco Giraldi („Die Sieben Pistolen des MacGregor“) einen erfrischend unorthodoxen Italowestern, indem auch gleich noch der Amerikaner Jack Betts („Halleluja pfeift das Lied vom Sterben“, „Django und Sartana kommen“) seinen europäischen Einstand feierte.
Zu einem Zeitpunkt, als der Humor das Genre noch nicht gänzlich durchzogen hatte, schafft „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ es gleichermaßen Komik mit der naturgegebenen, tödlichen Ernsthaftigkeit des Metiers in Einklang zu bringen, ohne dass sich beide Elemente neutralisieren.
Titelheld Rocco (Betts) ist ein zu Ruhm und Ehre gelangter Revolverheld, der inzwischen das Leben genießt und schießwütigen Damen in einer Art Übungssalon das bleihaltige Handwerk mit Revolver und Gewehr beibringt. Den meisten seiner Kundinnen geht es weniger um Selbstverteidigung und dafür umso mehr ihren Gatten zu liquidieren, doch das stört den bequem gewordenen Schießkünstler, der jener anwesenden Frauenriege auch gleich eine Kostprobe seitens Könnens mittels eines spiegelnden Rings am Ringfinger zum Besten gibt, herzlich wenig. Als ein alter Bekannter bei ihm auftaucht und ihn darum bittet sich an der Suche nach einer verlorenen gegangenen Kavallerieeinheit zu beteiligen, zeigt sich Rocco wenig enthusiastisch. Das soll sich ändern, als kurze Zeit später auf offener Straße sein Gesprächspartner kaltblütig erschossen wird.
Nun ist Rocco allerdings kein klassischer, wortkarger Schnellzieher, der sich mal eben auf die Suche macht und die verschwundenen Soldaten freischießt, sondern ein überlegender, kluger Stratege, der den wenigen Hinweisen folgt und sich, zunächst als gutgläubiger und harmloser Arzt verkleidet in Snake Valley einnistet, um dort in seiner Tarnidentität als Arzt die Lage in diesem verdächtigen Nest zu peilen.
Zum Revolver wird innerhalb dieses Films nur selten gegriffen, wenn man mal von obligatorischen Showdown mit reichlich Bleigewitter (u.a. eine Gatling) und zwei zahlenmäßig in die Dutzende gehenden Parteien absieht. Stattdessen liegt der Fokus auf Rocco und den etwas eigenartigen Ideen des Drehbuch, das hier szenenweise schon so etwas wie Mysterystimmung aufkommen lässt und ein paar ungewöhnliche Ideen bereithält.
Nur schade, dass etliche Plotholes den Spaß leicht trüben. Warum der Kommandeur nun gegen Cash seine Leute ganz skrupellos verkauft oder die Stadtbewohner sich unter die Knute zwingen lassen, wird genauso wenig klar, wie der Plan des Erpressers absolut hirnrissig ist. Welcher Durchschnittsbauer hatte damals mal eben 50.000 Dollar, um sein Familienmitglied auszulösen?
Sei es drum, diese Ungereimtheiten stören nur nebensächlich, denn dank der, für Genreverhältnisse, geschickten Erzählweise wissen wir lange Zeit genauso wenig wie Rocco selbst. Als er in die wenig einladend ausschauende Stadt reitet, schaut man ihn nur argwöhnisch an, im Saloon bezieht er erst mal Prügel, um wenig später selbst kräftig auszuteilen, die Patienten bleiben, weil offensichtlich eingeschüchtert, fern und der Sheriff möchte ihn am liebsten aus der Stadt loben. So recht willkommen ist er nicht und quartiert sich dennoch im Saloon, den zwei Damen betreiben ein, um nachts Gespräche durch Ofenrohre zu belauschen.
Rocco greift, und das gehört eben auch zu den ungewöhnlichen Ideen des Films, tiefer in die Trickkiste, durchzieht den Saloon in einer latent surrealen Sequenz nach einer kurzen Basteleinlage dank seines Chemiebaukasten mit einer Art Nebel, der die Funktion von Lachgas hat, um die Zungen zu lockern und Geheimnisse zu erfahren. Gleichzeitig tritt er dann jedoch auch in langen Unterhosen zu einem Boxkampf an oder gibt sich als naiver Doktor, um ja keinen Argwohn zu wecken.
Für einen Helden des Italowesterns ist Rocco eine sich gänzlich den Standards verwehrende Figur, auch wenn seine Fertigkeiten mit dem Revolver natürlich vom Feinsten sind.
Jack Betts gibt sein Möglichstes seinem Filmego ein Gesicht zu geben und erinnert mich nebenbei bemerkt mehrmals ein wenig an Russell Crowe („Gladiator“, „Master and Commander: The Far Side of the World“). Mit dem weiblichen Geschlecht flirtet er gern, ist lange Zeit darum bemüht Problemen aus dem Weg zu gehen und zeigt tatsächlich ein zweites, wahres Gesicht, als er seine Brille und den Hut absetzt, um sich als Rocco zu offenbaren. Schade, dass Betts sich später unter Demofilo Fidani aufrieb und nie richtig durchstartete. Auch weil er nicht das typische, verkniffene, wettergegerbte Gesicht des Italowesterncowboys hatte, sondern stattdessen einen gepflegten, ich möchte fast sagen weltmännischen Eindruck hinterlässt, ist sein Rocco gänzlich untypisch. Die Lösungen wird nicht ausschließlich mittels Waffengewalt, sondern geschicktem Ausspionieren und Erkunden herbeigeführt.
Dass dabei kleine, meist unauffällige Regiefehler auftreten, wenn der Tag plötzlich zur Nacht wird oder es in einem Lagerhaus plötzlich zappenduster wird, obwohl draußen die Sonne am Himmel steht, ist da nicht weiter tragisch, eventuell auch so beabsichtigt.
Die zarte Romanze (immerhin mit Soledad Miranda, später unter Jess Franco u. a. in „Count Dracula“ und „Vampyros lesbos“ bevor sie tragisch jung mit 27 verstarb) wird im Hintergrund knapp gehalten, so dass Rocco sich auf seine Aufgabe konzentrieren kann und alsbald die nötigen Erkenntnisse zusammen hat, während sein Kumpan Sammy ihn von außen unterstützt und den lokalen, Terror verbreitenden Unhold die ersten Schweißperlen auf die Stirn treibt.
Als dem das jedoch zu bunt wird und losschlägt, lüftet auch Rocco sein Geheimnis, lässt seine Bleispritze sprechen und macht eine ungeheure Entdeckung. Der Humor bleibt dem Geschehen selbst dann nicht gänzlich fern. Denn wenn Rocco im Finale seine Widersacher mal in den Brotofen befördert und knusprig durchbackt, erkennt man das Augenzwinkern von Franco Giraldi, der auch rein von der Inszenierung, ganz im Gegensatz zu einige seiner Kollegen, sehr souverän arbeitet und von der agilen Kameraführung bis zum Schnitt einen sehr kompetenten Eindruck hinterlässt. Der qualitativ dem in Nichts nachstehende Score stammt übrigens von „Django“ – Komponist Luis Enríquez Bacalov.
Es reicht für „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ zu einem guten Genrebeitrag, wobei hier eigentlich noch mehr möglich gewesen wäre. Der Plot um die verschwundenen, entführten Soldaten, die man dann zum ersten Mal verwahrlost und zombiehaft blass zu sehen bekommt, hätten eigentlich eine bessere Ausarbeitung verdient. Vor allem der klischeehafte Entführer, einer der genretypischen geldgierigen, tyrannischen Großfarmbesitzer, hätte mehr Profil gewinnen dürfen, während Roccos Ermittlungen als Arzt in zu geordneten Bahnen abläuft. Bei allem Einfallsreichtum, das speziell dem Titelträger nicht abzusprechen ist, fehlt dann doch noch das letzte Quäntchen Originalität.
Fazit:
Für den Genrefan bleibt es dennoch aus vielerlei Gründen ein unterhaltsamer Italowestern. Das liegt zunächst an der Geschichte, die rein von der Struktur her einen prima Mix aus klassischen Motiven und einer großzügigen Portion Detektiv-Krimi darstellt und natürlich, von Jack Betts toll gespielt, Rocco selbst, der als Verkleidungskünstler und geschickter Taktiker nur im Notfall zum Schießeisen greift und zur perfekten Tarnung auch kein Problem damit hat sich lächerlich zu machen. Die Harmonie von Humor und Tod zeugt von Fingerspitzengefühl, das Ende befriedigt dann auch den Schießwütigen im Publikum und jene geschickte, erst nach und nach die Informationen um die jahrelang verschwundenen Soldaten preisgebende Erzählweise erledigt den Rest. Kleine Schnitzer im Drehbuch (der Erpresserplan ist wohl der fatalste) fallen nicht so sehr auf.