Einen reichlich unkonventionellen Beitrag zur Italo-Western-Welle der Sechziger lieferte Giulo Questi mit „Se sei vivo spara“, der nicht nur hierzulande einen Django-Titel verpasst bekam, um Assoziationen zu Sergio Corbuccis ein Jahr früher entstandenen „Django“ zu wecken. Zwar folgt der Film ganz traditionell dem Spaghetti-Western, indem er die Illusionen diverser John Ford-Western aufs Korn nimmt, vergeht sich aber auch an den eigenen Kollegen.
Obwohl der Beginn noch in geordneten Bahnen abläuft, ist „Se sei vivo spara“ in vielerlei Hinsicht ein etwas anderer Genrebeitrag. Der namenlose Fremde (gespielt vom damaligen Dauerbrenner Tomas Milian) wird von zwei Indianern halbtot in der Wüste aufgefunden und von ihnen versorgt. Rückblickend erfahren wir, dass der Namenlose zusammen mit seinen mexikanischen Freunden und ein paar Cowboys einen Goldtransporter überfiel, es bei der Aufteilung der Beute aber zu Streit kam und die Cowboys alle Mexikaner erschossen. Auf der Suche nach der Beute gerät er in ein kleines Wüstenkaff, in dem alles etwas anders als gewohnt zugeht.
Der Italo-Western ist ohnehin meist von zwielichtigen Zeitgenossen bevölkert, aber Questi setzt dem noch die Krone auf. Die Stadtbevölkerung lyncht nicht nur die Cowboys brutal, sondern reißt sich die Beute auch selbst unter den Nagel. Die Gier nach Gold und Reichtum reicht sogar soweit, dass sie einem Schwerverletzten goldene Kugel aus dem Körper reißen und ihn dabei umbringen. „Se sei vivo spara“ zeichnet sich hier durch seinen ungewöhnlich expliziten Goreanteil aus. Doch das ist bei weitem nicht alles.
Die Gefolgschaft eines Ranchbesitzers setzt sich aus Schwulen zusammen, die später einen Jungen vergewaltigen, der darauf Suizid begeht. Nicht nur, dass die Bewohner sehr auf Reichtum fixiert sind, sie äußern zudem auch noch rassistische Tendenzen und organisieren eine Treibjagd auf die beiden den Namenlosen begleitenden Indianer. Eine nicht eheliche Beziehung ist noch das Harmloseste, was in dieser sündigen Stadt vonstatten geht.
Der Namenlose, nur auf seinen Anteil des Goldes aus, will eigentlich von alledem nichts wissen und versucht seine Hände, mehrmals versinnbildlicht, in Unschuld zu waschen. Religiöse Motive, wie das Kreuzigen des Namenlose in Lendenschurz, sind hier genauso vorzufinden, wie surreal anmutende Bildkompositionen. Questi umgeht hier sämtliche Genrekonventionen und Klischees, um einen völlig anderen Italowestern zu servieren, der dank seines Mix aus Experimentierfreudigkeit und dann wieder verblüffender Nüchternheit sich weniger an die Genrefans und eher an die Interessierten wendet.
Missgunst (des Goldes wegen), Eifersucht (der Sohn, der die Freundin seines Vaters begehrt) und die schon erwähnte Gier dominieren dieses wüste Sodom. Oft genug wird der Namenlose, bezeichnenderweise nicht mit Sombrero, sondern mit Stirnband, gekleidet, zum religiösen Erlöser stilisiert, obwohl er, wie sich im Verlauf des Films herausstellt, gar nicht in diese Rolle passt.
Fazit:
Grundsätzlich alle bekannten Element ins Gegenteil verkehrender Antiwestern, der nur wenig mit den allseits bekannten Motiven zu tun hat. Der damals auch gesellschaftskritische Film verdreht die sonst immer als so brav und liebenswert geschilderte Bevölkerung gewaltig und zeigt ein Bild, das in dieser ungeschminkten Art und Weise nur selten in einem Western zu sehen ist. Unbequem, anders, nicht unbedingt pure Unterhaltung, aber dafür interessant.